Berlin - Der Gesundheitsökonom Jonas Schreyögg vom Hamburg Center for Health Economics (HCHE) hat einen Strategiewechsel der Regierung in der Impfkampagne gefordert. Wie der Spiegel berichtet, rät Schreyögg dazu auf Emotionen zu setzen, um Impfskeptiker zu überzeugen. 

In einer Studie des HCHE wurde die Einstellung der Menschen zum Impfen erforscht. Dabei wurde unter anderem festgestellt, dass die Impfbereitschaft in Deutschland höher ist, als zunächst vermutet. Im September 2020 gaben nur 57 Prozent der Erwachsenen an, sich impfen lassen zu wollen. 22 Prozent waren unsicher, 21 Prozent dagegen. In der jüngsten Umfrage lehnten nur noch 13 Prozent der Befragten eine Impfung ab – 82 Prozent haben sich bereits für eine Impfung entschieden. Fünf Prozent – also jeder 20. Deutsche – sind weiterhin unentschlossen. 

Gesundheitsexperte: Impfunwillige nicht unter Druck setzen

Bei den Befragten, die die Impfung vollständig ablehnen, spiele Geschlecht und Bildungsgrad keine Rolle. „Bei den Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, hat sich in den letzten Befragungswellen viel geändert“, sagt Schreyögg. Zu Beginn lehnten eher Menschen mit niedrigerem Ausbildungsniveau die Impfung ab. Dies habe sich mittlerweile geändert. Eine Gruppe, bei der die Impfbereitschaft zuletzt gestiegen ist, seien Frauen.

Die Impfunwilligen unter Druck zu setzen sei keine Lösung, so Schreyögg. 67 Prozent der Befragten erklärten, dass sie sich von Politikern und Politikerinnen oder der Gesellschaft zu sehr unter Druck gesetzt fühlten. 61 Prozent gaben an, das Streben nach Profit der globalen Impfstoffunternehmen nicht unterstützen zu wollen.

 „Trotz gehört mittlerweile zu den Hauptgründen, sich nicht impfen zu lassen“, behauptet Schreyögg. Härtere Maßnahmen würden diese Haltung nur verstärken. In der Theorie seien sie sogar bereit, ihren Beruf aufzugeben, bevor sie sich impfen ließen. Fraglich ist, ob sie dies auch in die Tat umsetzen würden. „Ich glaube nicht, dass das Bestand haben würde“. In den USA entließ die Fluggesellschaft United 600 Mitarbeiter, die sich nicht impfen lassen wollten.

Gesundheitsexperte: Impfbereitschaft kann mit 4. Welle steigen

Statt auf Druck sollte die Regierung eher auf Emotionen setzen – und auf Prominente, so Schreyögg. „Wir gehen aber mittlerweile davon aus, dass etwa die Hälfte der Ungeimpften für solche rationalen Informationen nicht empfänglich ist.“ Eine persönliche Erfahrung mit Corona spiele ebenfalls eine Rolle. Schreyögg geht daher davon aus, dass die Impfbereitschaft mit der vierten Welle wieder steigen wird. Auch mit emotionalen Botschaften von Prominenten könnten sich Impfskeptiker überzeugen lassen: „Wenn Günther Jauch zum Beispiel sagt: ‚Mir macht es Sorgen, dass so viele Leute Long Covid haben. Haben Sie schon mal gesehen, wie es den Betroffenen geht?‘“, könne dies Menschen berühren.

Auch zur Impfung von Kindern wurden Personen befragt. Seit Mitte August empfiehlt die Ständige Impfkommission die Impfung von Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren. Ein großer Teil der Eltern lehnt die Impfung aber nach wie vor ab. „Viele Eltern, die sich nicht vorstellen konnten, ihre Kinder impfen zu lassen, haben gesagt, sie wünschen sich mehr wissenschaftliche Evidenz“, sagt Schreyögg.

Seit Beginn der Pandemie befragt das HCHE etwa alle zwei Monate Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern zu Corona, darunter rund tausend Erwachsene aus Deutschland. Rund die Hälfte nahm an mehreren Befragungsrunden teil, die letzte Befragung fand vom 7. bis zum 21. September statt.