Kabul - Binnen weniger als 24 Stunden haben die radikalislamischen Taliban eine zweite afghanische Provinzhauptstadt eingenommen. Die Miliz habe am Sonnabend Scheberghan in der nordafghanischen Provinz Dschausdschan erobert, sagte Vize-Gouverneur Kader Malia der Nachrichtenagentur AFP: „Die Stadt ist leider komplett gefallen.“ Die Regierungsstreitkräfte und Behördenvertreter hätten sich zum Flughafen am Rande der Stadt zurückgezogen. Am Freitag hatten die Taliban bereits die im Südwesten gelegene Provinzhauptstadt Sarandsch übernommen.

Scheberghan ist die Bastion des berüchtigten Kriegsherrn Abdul Raschid Dostum, der erst vor wenigen Tagen nach einer medizinischen Behandlung in der Türkei nach Afghanistan zurückgekehrt war und sich Berichten zufolge in Kabul aufhält. Dostum stand in den Neunzigerjahren einer der größten Milizen im Norden Afghanistans vor, seine Kämpfer gingen mit extremer Brutalität gegen die Taliban vor.

Ein Berater Dostums bestätigte, dass die Taliban die Kontrolle über die Stadt übernommen hätten. Ein Sprecher des Innenministeriums in Kabul beharrte hingegen darauf, dass die Aufständischen nur Teile der Stadt hielten. „Die Sicherheitskräfte werden die Stadt erneut von den Terroristen befreien“, sagte Marwais Staniksai in einer Videobotschaft.

Menschen in Scheberghan trauen sich nicht mehr auf die Straße

Ein Bewohner von Scheberghan berichtete, die Menschen trauten sich nicht mehr auf die Straße: „Die Taliban sind überall mit ihren Fahnen. Soweit ich vom Fenster aus sehe, sind die Straßen menschenleer.“

Seit dem Beginn des Abzugs der Nato-Truppen aus Afghanistan haben die Taliban weite Teile des Landes zurückerobert. Am Freitag fiel Sarandsch als erste Provinzhauptstadt „kampflos“ in die Hände der Aufständischen, wie die Vize-Gouverneurin der Provinz Nimros berichtete.

„Die afghanischen Sicherheitskräfte haben wegen der intensiven Propaganda der Taliban ihren Kampfesmut verloren“, sagte ein hochrangiger Beamter AFP. Schon vor den Angriffen der Taliban hätten die meisten ihre Waffen niedergelegt und seien geflohen.

Taliban stießen in Scheberghan auf mehr Widerstand

Mehrere Quellen berichteten AFP, dass die Taliban in Scheberghan auf mehr Widerstand stießen als in Sarandsch. Dostum will laut einem Berater Präsident Aschraf Ghani bei einem Treffen davon überzeugen, Verstärkung in den Norden zu entsenden, um die Stadt zurückzuerobern. Die Regierung in Kabul setzt bei ihrem Vorgehen gegen die Taliban auch auf die Unterstützung durch afghanische Kriegsherren für das überlastete Militär.

Aufnahmen, die die Taliban in Onlinenetzwerken veröffentlichten, legten nahe, dass die Aufständischen in der Wüstenstadt Sarandsch von einigen Bewohnern mit offenen Armen empfangen wurden. Erbeutete Militärfahrzeuge, ausgestattet mit den weißen Fahnen der Taliban, fuhren durch die Straßen der Stadt, während überwiegend Jugendliche und junge Männer ihnen vom Straßenrand aus zujubelten.

Die Miliz entließ nach Behördenangaben Taliban-Kämpfer und gewöhnliche Kriminelle aus dem Gefängnis. In Twitter-Videos war eine Menschenmenge zu sehen, die Regierungsbüros stürmte und Tische, Bürostühle, Schränke und Fernseher stahl. Der Wahrheitsgehalt dieser Videos ließ sich nicht überprüfen.

Die afghanischen Streitkräfte kämpfen seit dem Abzug der internationalen Truppen an zahlreichen Fronten gegen die Taliban. Die radikalislamische Miliz kontrolliert bereits weite Teile der ländlichen Regionen und verstärkt nun den Druck auf Provinzhauptstädte wie Herat nahe der Grenze zum Iran sowie Laschkar Gah und Kandahar im Süden.

Auch am Stadtrand der seit Wochen belagerten nordafghanischen Stadt Kundus kam es in der Nacht zum Sonnabend zu Gefechten, wie der Aktivist Rasich Maruf AFP berichtete. Allerdings gelangen den Taliban offenbar keine nennenswerten Vorstöße. Das zentrale Krankenhaus der Stadt meldete nach Angaben des Gesundheitsbeauftragten von Kundus 38 Verletzte und elf Tote.