New York/Köln - Die Taliban intensivieren laut einem UN-Bericht ihre Suche nach Afghanen, die mit den US- und Nato-Truppen kooperiert haben. Die radikalislamische Miliz führe „Prioritätenlisten“ von Menschen, die sie festnehmen wolle, hieß es in einem vertraulichen Dokument, das der Nachrichtenagentur AFP am Donnerstag vorlag. Besonders gefährdet seien diejenigen, die eine zentrale Rolle im afghanischen Militär, in der Polizei und im Geheimdienst gespielt haben.

Die Taliban suchten demnach Häuser der Zielpersonen und ihrer Familien auf. Auch auf der Straße zum Flughafen in Kabul nehme die Gruppe Personenkontrollen vor. Zudem hätten die Taliban Kontrollpunkte in größeren Städten eingerichtet, darunter Kabul und Dschalalabad.

Der Bericht stammt vom norwegischen Zentrum für globale Analysen, einer NGO, die Lageeinschätzungen für verschiedene UN-Agenturen erstellt. Es sei zu befürchten, dass Afghanen, die mit den Nato- und US-Truppen kooperiert haben, und ihre Angehörigen Opfer von „Folter und Hinrichtungen“ werden, sagte der Leiter des Instituts, Christian Nellemann.

Die Deutsche Welle (DW) berichtete am Donnerstag über einen Angriff auf die Familie eines DW-Journalisten. Einer seiner Verwandten sei dabei getötet und ein weiter schwer verletzt worden. Der Journalist arbeite inzwischen in Deutschland.

Der tödliche Angriff belege die „akute Gefahr, in der sich alle unsere Mitarbeitenden und ihre Familien in Afghanistan befinden“, erklärte der Intendant des deutschen Auslandssenders, Peter Limbourg. „Die Taliban führen in Kabul und auch in den Provinzen offenbar schon eine organisierte Suche nach Journalisten durch. Die Zeit läuft uns davon!“

Die Machtübernahme der Taliban hatte bei vielen Afghanen Angst vor einer neuerlichen Schreckensherrschaft der Islamisten ausgelöst. Auch die Furcht vor Vergeltungsakten der Taliban gegen Beschäftigte der früheren afghanischen Regierung und afghanische Mitarbeiter ausländischer Staaten haben dazu geführt, dass Zehntausende Menschen das Land verlassen wollen.

Die Zusagen der Taliban, die mit dem Versprechen einer gemäßigten Herrschaft um Vertrauen im Ausland werben, stoßen international auf Skepsis. Westliche Staaten versuchen weiterhin fieberhaft, ihre Staatsbürger, aber auch afghanische Ortskräfte auszufliegen. Allerdings kontrollieren die Taliban die Zugänge zum Flughafen von Kabul. Während die Islamisten westliche Bürger passieren lassen, blockieren sie vielen Afghanen den Weg zum Flughafen.