Berlin - Die Bundesregierung sollte in IS-Gebiete ausgereiste Deutsche nach Ansicht von Terrorismusexperte Peter Neumann zurück nach Deutschland holen. Eine kontrollierte Rückführung würde Deutschland und die Welt insgesamt wahrscheinlich sicherer machen als der Verbleib in Gefangenenlagern in Syrien oder dem Irak, sagte Neumann am Mittwochabend bei einer Diskussionsveranstaltung der Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus. Die Arbeitsgemeinschaft vernetzt zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich in der Vorbeugung von religiösem Extremismus und der Deradikalisierung engagieren.

Neumann erinnerte an die 1980er und 1990er Jahre, als Menschen aus dem Nahen Osten und Nordafrika zuerst in Afghanistan gegen die sowjetischen Besatzer kämpften und dann nicht in ihre Herkunftsländer zurückkehren durften. Viele seien entweder in islamistischen Trainingscamps in Pakistan gelandet oder zu anderen Konflikten weitergezogen, sagte Neumann. Die verweigerte Rückkehr ins Herkunftsland habe zur Entstehung des Terrornetzwerks Al-Kaida beigetragen. „Ich fürchte, dass wir jetzt aus denselben Gründen den gleichen Fehler machen“, warnte der Wissenschaftler. Mit jedem Monat, den islamistische Kämpfer und deren Angehörige in Lagern in Syrien oder dem Irak verbrächten, wachse die Gefahr der Radikalisierung. Das Sicherheitsrisiko einer kontrollierten Rückführung, mit Strafverfolgung, Deradikalisierung und Einbindung der Sicherheitsbehörden in Deutschland, sei geringer als beim Verbleib dort.

Rückführung von IS-Kämpfern: „Deutschland hat keine wirkliche Strategie“

Ähnlich argumentierte Sofia Koller von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. „Deutschland hat keine wirkliche Strategie für die Rückführung“, kritisierte die Terrorismusforscherin. Entscheidungen fielen von Fall zu Fall. „Eine Rückführung ist immer noch die beste aller schlechten Lösungen.“

Die Bundesregierung hatte 2019 damit begonnen, Kinder aus den Gefangenenlagern in Syrien nach Deutschland zu bringen. Später kamen auch Frauen mit staatlicher Hilfe zurück. Mehr als 1000 Menschen reisten im Laufe der Zeit nach offiziellen Angaben nach Syrien oder den Irak aus, um sich dort dschihadistischen Organisationen anzuschließen. In kurdischen Gefangenenlagern im Nordirak seien heute noch knapp 200 deutsche Staatsbürger oder Menschen mit Bezug zu Deutschland, sagte Koller.