Für mehr Lebensqualität: TikTok-Trend „Stille Kündigung“ geht viral

Anhänger des „Quiet Quitting“ sagen Überstunden und Übereifer im Job den Kampf an. Ist „gerade so nicht gefeuert werden“ ein neues Karrieremodell?

Beim „Quiet Quitting“ leisten Beschäftigte exakt nur das, wozu sie vertraglich verpflichtet sind, nicht mehr oder weniger. (Symbolbild)
Beim „Quiet Quitting“ leisten Beschäftigte exakt nur das, wozu sie vertraglich verpflichtet sind, nicht mehr oder weniger. (Symbolbild)imago

Der Trend zum „Dienst nach Vorschrift“ bewegt derzeit viele Nutzerinnen und Nutzer in den sozialen Medien. Das aktuell diskutierte Phänomen nennt sich „Quiet Quitting“ – zu deutsch: „Stille Kündigung“. Dabei beschränken sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf ihre vertraglich vereinbarten Pflichten und lehnen sämtliches Engagement im Job darüber hinaus ab. Ihr Ziel: Gerade eben so nicht gekündigt werden – und dadurch mehr Lebensqualität erlangen.

Ausgelöst wurde die aktuelle Diskussion von einem Video des TikTokers @zaidleppelin. Es wurde am 25. Juli gepostet und inzwischen millionenfach angesehen und fast 500.000 Mal geliked. Darin erklärt der Nutzer, wie das „Quiet Quitting“ funktioniert: Beschäftigte beschränken sich nur noch auf das absolut Nötigste ihrer Arbeit.

„Quiet Quitter“ entfliehen dem Performance-Druck

Damit richten sich die „Quiet Quitter“ gegen die Tendenz vieler Arbeitnehmer im Job „überperformen“ zu wollen, wie etwa Überstunden einzulegen, E-Mails außerhalb der Arbeitszeit zu checken und zusätzliche Aufgaben zu übernehmen, die nicht vertraglich vereinbart wurden. Stattdessen gehen Anhänger der „Stillen Kündigung“ jeden Tag pünktlich in den Feierabend und befassen sich außerhalb der Arbeitszeit ausschließlich mit privaten Angelegenheiten.

Bei der sogenannten Stillen Kündigung verabschieden sich Beschäftigte also gedanklich von ihrem Job, ohne ihren Arbeitgebern einen rechtlichen Anlass zu geben, ihnen zu kündigen.

@zaidleppelin On quiet quitting #workreform ♬ original sound - ruby

Einige Nutzer berichten im Kommentarbereich des Videos von ihren eigenen Erfahrungen. Eine Userin schreibt etwa: „Ich habe vor sechs Monaten leise gekündigt und stell dir vor, selbes Gehalt, alles dasselbe, nur weniger Stress.“

Unternehmensberaterin: „Quiet Quitting“ kann Karrieren zerstören

Eine Unternehmensberaterin kontert indes auf TikTok, das Phänomen der „Stillen Kündigung“ könne Karrieren zerstören. Auf ihrem Kanal @_thehrqueen, unterstreicht sie, dass insbesondere Minderheiten und andere Benachteiligte sich nicht gleichermaßen an dem Trend beteiligen könnten, da sie einen Jobverlust und damit ihre Existenzsicherung stärker riskieren würden. 

@_thehrqueen Can quietly quitting destroy your career? ✨ #hrqueen #quietquitting #iquit #corporateamerica #mentorforu #youngprofessionals #hrlife #hrtok #careertips #careeradvice #careeradvicedaily #leadershipdevelopment #ReTokforNature ♬ Level Up - Kwe the Artist

So steht es arbeitsrechttlich um die „Stille Kündigung“

Arbeitnehmer sind dann zur Ableistung von Überstunden und Mehrarbeit verpflichtet, wenn dies arbeitsvertraglich vereinbart ist. Standardarbeitsverträge enthalten eine entsprechende Regelung. Ist dies der Fall, muss der Arbeitnehmer in den Grenzen des Arbeitszeitgesetzes und der rechtlichen Vorgaben auch Mehrarbeit leisten.

Sei dies nicht der Fall, bewegen sich Beschäftigte durchaus im Rahmen des Rechts, unterstreicht Anwalt für Arbeitsrecht Michael Fuhlrott im Fachmagazin Legal Tribune Online. „Solange der Beschäftigte das erfüllt, was er vertraglich leisten muss, ist die arbeitsrechtliche Handhabe sehr eingeschränkt. Ein Arbeitgeber hat keinen Anspruch auf motivierte Mitarbeiter, die jeden Tag freudig zur Arbeit kommen und fragen: Chef, was kann ich heute noch tun?“. Wichtig sei nur, dass der Beschäftigte seine Leistung so gut erbringt, wie er es eben kann.

Debatte um grundsätzliche Bedeutung der Arbeit keimt auf

Bei der Diskussion um die „Stille Kündigung“ geht es um das generelle Verständnis der Bedeutung von Arbeit in der Gesellschaft. In den meisten Ländern spielt sie eine große, identitätsstiftende Rolle. Aktuelle Debatten und Modellversuche rund um die Viertagewoche und andere Arbeitsmodelle zeigen jedoch, dass dieser Grundsatz immer mehr infrage gestellt wird. Viele wollen nicht mehr ausschließlich für den Job leben.

So schließt auch der TikToker @zaidleppelin sein Video mit der Feststellung ab, der Wert eines Menschen werde nicht durch seine Arbeit definiert.