Anastasia Scheludko sitzt in einem Wohnzimmer in einem Bergdorf in der Schweiz. An der Wand hängt ein Porträt des russischen Schriftstellers Lew Tolstoi, auf dem Sofa sitzt Tolstois Urenkelin Marta Albertini. Die alte Dame hört aufmerksam zu, als die junge Ukrainerin ihre grauenvollen Erlebnisse vor ihrer Flucht in die Schweiz schildert.

Der Angriff Russlands auf die Ukraine sei für sie ein Schock gewesen, berichtet die 84-jährige Albertini. Sofort habe sie „instinktiv“ die Entscheidung getroffen, ukrainischen Flüchtlingen zu helfen. Kurzentschlossen hat Tolstois Nachfahrin Scheludko und deren Mutter in einer Wohnung im Dorf Lens in der Nähe des Skigebiets Crans-Montana im Kanton Wallis untergebracht.

Enkelin: Ukraine-Krieg wäre für Tolstoi „Horror“

Albertini, die in einem Chalet außerhalb von Lens lebt, hatte die Wohnung im Dorf vor einigen Jahren für Besucher und als Alterssitz gekauft. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda hörte sie von einem Mann aus dem Dorf, der Unterkünfte für ukrainische Familien suchte. Vor dem Einzug der beiden Frauen hat Albertini die meisten Familienbilder, die an den Holzwänden der Wohnung hingen, abgehängt. Nur das große Porträt ihres Urgroßvaters im Wohnzimmer ließ sie hängen.

Für den Autor von Klassikern der Weltliteratur wie „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“ wäre der Ukraine-Krieg ein „Horror“, sagt Albertini, die im vergangenen Jahr ein Buch über die Frauen der Tolstoi-Familie herausgebracht hat. Tolstoi, der als Soldat in den 1850er Jahren den Krimkrieg und die Belagerung Sewastopols erlebte, sei überzeugter Pazifist gewesen, sagt seine Urenkelin.

Albertini, die in Italien und Frankreich aufgewachsen ist, aber seit einigen Jahren in der Schweiz lebt, hat zusammen mit anderen Tolstoi-Nachkommen einen Brief an den russischen Präsidenten Wladimir Putin gegen den Krieg unterzeichnet. „Wir sind gegen die Schrecken, die jetzt begangen werden, die Invasion eines unschuldigen Landes“, sagt Albertini. Obwohl Putin den Brief bestimmt „in den Müll geworfen“ habe, sei es ihr wichtig gewesen, sich zu Wort zu melden. „Europa, die Welt wird nach diesem Krieg nicht mehr dieselbe sein“, sagt die alte Dame.

Scheludkos Welt hat der Krieg bereits zerstört. „Manchmal glaube ich, dass ich träume. Es ist surreal“, sagt die Ukrainerin. Die 24-Jährige und ihre Mutter sind Anfang März aus der südukrainischen Stadt Mykolajiw geflohen und gut eine Woche später in der malerischen Berglandschaft von Lens angekommen.

Das erste Treffen sei „sehr, sehr emotional“ gewesen, berichtet Albertini. Mehr als zwei Wochen später hat Scheludko sich schon ganz gut eingelebt. Die junge Frau besucht bereits die Universität im nahe gelegenen Sierre. „Ich bin jetzt wieder angehende Informatikerin“, erzählt sie lächelnd.

Familie versteckte sich tagelang in Keller

Ihr Lächeln erstirbt, als sie sich an den Tag erinnert, an dem ihr „friedliches und normales Leben“ in der Ukraine endete. „Eines Morgens wachst du auf, weil dein Flughafen um 05 Uhr bombardiert wurde – und dein Leben ist nie mehr dasselbe.“

Scheludko und ihre Familie versteckten sich zehn Tage lang in einem Keller. Dann ergab sich für Mutter und Tochter die Chance, nach Westen zu fliehen. Die Ankunft in der Schweiz und der „sehr nette, sehr herzliche Empfang“ seien eine große Erleichterung gewesen, berichtet Scheludko. Erst später sei ihr klar geworden, wer ihre russischsprachige Gastgeberin eigentlich ist.

Sie habe Tolstoi in der Schule gelesen und es sei „eine große Ehre“, nun von seiner Urenkelin beherbergt zu werden, sagt Scheludko. Als Frage der Ehre will Albertini ihre Hilfsbereitschaft nicht verstanden wissen. „Ich hatte diese Wohnung, mit der ich helfen konnte. Das ist alles.“