Berlin - Der Berliner Beauftragte gegen Antisemitismus, Samuel Salzborn, will eine breite gesellschaftliche Debatte über Straßennamen mit judenfeindlichen Bezügen und deren mögliche Umbenennung anstoßen. Er legte dazu am Montag ein Dossier vor, das rund 290 entsprechende Straßen und Plätze in der Hauptstadt auflistet. Sie sind nach historischen Persönlichkeiten benannt, die heute als Antisemiten gelten, sich antisemitisch geäußert oder judenfeindliche Ressentiments vertreten haben sollen.

In etwa 100 Fällen empfiehlt der Autor des Dossiers, der Leipziger Politikwissenschaftler und Autor Felix Sassmannshausen, eine Umbenennung als nächsten oder etwa nach vertiefenden Forschungen weiteren Schritt. In anderen Fällen schlägt er nach einem abgestuften Verfahren weitere Recherchen oder eine „Kontextualisierung“ vor. Damit sind zusätzliche Informationen über den Namensgeber etwa in digitalen Straßenverzeichnissen oder auf einer Tafel vor Ort gemeint.

Als Beispiel für einen aus ihrer Sicht besonders problematischen Namensgeber nannte die Direktorin der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, Deborah Hartmann, den Historiker, Staatswissenschaftler und Publizisten Heinrich Gotthard von Treitschke (1834–1896). Nach ihm ist die Treitschkestraße in Berlin-Steglitz benannt.

„Die Juden sind unser Unglück“: Diskussion um Treitschkestraße

Treitschke sei für den Satz „Die Juden sind unser Unglück“ bekannt, habe sich aber auch anderweitig antisemitisch geäußert. Und das, obwohl er sich selbst nicht als Antisemiten empfunden habe. Er sei – freiwillig oder unfreiwillig – zum Stichwortgeber einer antisemitischen Bewegung geworden, die immer einflussreicher wurde und schließlich in die mörderische Ideologie der Nazis mündete. In der Vergangenheit gab es bereits Diskussionen über die Umbenennung der Treitschkestraße. 2012/2013 lehnten Anwohner und Bezirksverordnetenversammlung das ab.

„Wir haben noch eine Reihe von Straßen und Plätzen in Berlin, die antisemitische Bezüge aufweisen“, sagte Salzborn. Aus seiner Sicht müssten die Debatten, ob man mehr forscht, „kontextualisiert“ oder am Ende umbenennt, endlich breit geführt werden. Das Dossier solle hier eine Diskussionsgrundlage liefern und „systematisieren“: Denn erstmals lägen nun in der Hinsicht ein vollständiger Blick auf Berlins Straßen und Plätze und eine wissenschaftliche Empfehlung vor.

Für Straßenumbenennungen sind die Berliner Bezirke zuständig. In dem Dossier finden sich die unterschiedlichsten Straßennamen, bei denen der Autor Sassmannshausen derart starke antisemitische Bezüge sieht, dass er eine Umbenennung empfiehlt. Das Spektrum der Namensgeber reicht von Reformator Martin Luther (1483–1546) und seiner Frau Katharina von Bora (1499–1552) über den Historiker und Dichter Ernst Moritz Arndt (1769–1860), den Kunsthistoriker und Museumsleiter Arnold Wilhelm von Bode (1845–1929) bis hin zum evangelischen Berliner Bischof Friedrich Karl Otto Dibelius (1880–1967).