Trend „Tradwife“: Darum wollen junge Frauen auf TikTok zurück in die 50er

Kochen, Backen, Putzen: Traditionelle Rollenbilder trenden derzeit bei jungen Frauen auf TikTok. Woher kommt die Sehnsucht nach dem Leben als Hausfrau?

Junge Frau in der Küche.
Junge Frau in der Küche.imago

Ein Leben für den Haushalt, die Kinder und den Ehemann: Immer mehr Frauen auf TikTok sehnen sich offenbar nach tradierten Rollenbildern. Der Hashtag „tradwife“, für „traditional wife“ – auf Deutsch „traditionelle Ehefrau“ – geht derzeit auf der Videoplattform viral. In kurzen Clips zeigen sich junge Frauen beim Kochen und Putzen und erklären, dass sie sich wie in den 50er-Jahren einem Mann unterwerfen wollen. Warum glorifizieren sie eine Zeit, in der Frauen unterdrückt wurden?

Die „tradwifes“ auf TikTok leben einem Bericht der Nachrichtenplattform Buzzfeed zufolge nach einer streng konservativen Vorstellung. Sie richten sich so explizit gegen feministische Perspektiven auf Unabhängigkeit. Das Etikett „tradwife“ wurde demnach bislang eher der rechtspopulistischen Szene der Alt-Right-Bewegung in den USA zugeordnet. Nun breitet sich der Trend immer weiter aus. Auf TikTok hat der Hashtag inzwischen 96,6 Millionen Aufrufe.

„Die Frau bleibt zu Hause und kümmert sich um den Haushalt“

Die 24-jährige Estee Williams gehört zu den bekanntesten „Tradwife“-Influencerinnen auf der Videoplattform. In einem Video erklärt Williams, was der Begriff ihrer Ansicht nach bedeutet: „Es ist eine Frau, die sich dafür entschieden hat, ein eher traditionelles Leben zu führen mit ultratraditionellen Geschlechterrollen. Der Mann geht also raus, arbeitet und sorgt für die Familie. Die Frau bleibt zu Hause und kümmert sich um den Haushalt und die Kinder, sofern es welche gibt.“

@esteecwilliams What it means to be a Tradwife. #fyp #tradwife #homemaking #housewife #traditional #tradwifecontroversy #womenschoice ♬ Music Instrument - Gerhard Siagian

Woher kommt die Sehnsucht nach der traditionellen Frauenrolle?

Die Sehnsucht nach einem stabilen Umfeld mit klarer Rollenverteilung entspricht durchaus dem aktuellen Zeitgeist, erklärt die Social-Media-Expertin Professor Dr. Sarah Spitzer von der Hochschule der Medien in Stuttgart der Zeitung Welt.

So erklärt Spitzer: „Über die Fünfziger sagt man ja, dass sie stark dadurch geprägt waren, dass man nach einer Phase der totalen Zerstörung und vielfach auch des Verlusts gemeinsam wieder am Aufbau mitgewirkt hat. Stabilität und Sicherheit sind Sehnsüchte und Werte, die sich beispielsweise in Werbefilmen von damals oder in ‚Heile-Welt-Sendungen‘ wiederfinden – und mit denen sich auch jetzt, vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie, einem Krieg in Europa und wirtschaftlicher Unsicherheit, der ein oder andere identifizieren kann.“

Der Rückzug in traditionelle Rollenbilder fungiere für die Frauen also als eine Art „Eskapismus“ in Dinge, die man selbst in den Griff bekommen könne. Auch ein entschleunigter Lebensstil stehe im Fokus der „Tradwife“-Bewegung, erläutert Spitzer. Die wirtschaftliche Abhängigkeit von Männern werde indes nicht thematisiert, ebenso wenig wie Privilegien reflektiert würden. Daher ernte die Bewegung derzeit auch viel Kritik und Gegenwind in den sozialen Medien.

Inwiefern der Trend auf der Videoplattform jedoch das tatsächliche Leben der Influencerinnen darstellt, bleibt den Nutzerinnen und Nutzern verborgen. Spitzer sieht den Trend daher eher gelassen. Durch gewisse Algorithmen erscheine die Bewegung größer, als sie wirklich ist, erklärt die Expertin.