Andrej Babis, Ministerpräsident von Tschechien: Noch im August sagte er auf einer internationalen Konferenz, Tschechien sei „best in Covid“.
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PragDie Kapazitäten für Intensivbetten in Tschechien könnten schnell zu gering sein. Deshalb haben tschechische Behörden schon bei Nachbarländern wie Deutschland angefragt, ob sie im Bedarfsfall Patienten aufnehmen könnten. Auch aus den Niederlanden gab es bereits Anfragen.

Tschechien ist im Corona-Krisenmodus. Die Sorge wächst, dass die Krankenhäuser bald mit Covid-19-Patienten überlastet sind. Ein Feldlazarett – eine kleine Container-Stadt mit Operationssaal, Intensivstation, eigenem Labor und Röntgengeräten – soll als Reserve dienen. „Der Kampf gegen die Pandemie ist jetzt nicht nur für die Armee die Aufgabe Nummer eins.“, sagt Verteidigungsminister Lubomir Metnar. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass Rekordzahlen vermeldet werden müssen. Erst am Freitag wurde mit 11.105 Fällen erstmals die Schwelle von 10.000 Corona-Neuinfektionen binnen 24 Stunden überschritten. Auf die Bevölkerung umgerechnet nimmt Tschechien längst EU-weit einen traurigen Spitzenplatz bei der Infektionsrate ein.

Am meisten beunruhigt Experten, dass inzwischen fast jeder dritte Test in dem Land mit nur knapp 10,7 Millionen Einwohnern positiv ausfällt. Dabei hatte Ministerpräsident Andrej Babis noch im August auf einer internationalen Konferenz sagen können, Tschechien sei „best in Covid“. Aus dem Musterland, das im März als erstes in Europa eine Maskenpflicht eingeführt hatte, ist nun ein Sorgenkind geworden. „Die Zahlen sind katastrophal“, räumt Babis ein. Der Unmut über das Krisenmanagement der Regierung wächst.

Proteste in der Hauptstadt

Was ist schiefgelaufen, fragen sich nun viele. „Der Fehler ist wahrscheinlich im Sommer geschehen, als die Maßnahmen schnell gelockert wurden“, sagt der Epidemiologe Petr Smejkal vom Prager Forschungskrankenhaus IKEM. Die Menschen hätten vergessen, dass das Virus immer noch unter uns ist. Auch die Regierung und verschiedene Experten hätten widersprüchliche Botschaften ausgesendet. Immerhin sei die Kommunikation inzwischen besser geworden.

Was die Akzeptanz der Regeln angehe, habe sich die Haltung der Menschen seit dem Frühjahr geändert, sagt Smejkal. Das Vertrauen zwischen Regierung und Bevölkerung sei längst nicht so weit entwickelt wie in Deutschland oder Schweden. So kam es am Sonntag in Prag zu Ausschreitungen, als Hunderte Fußball- und Eishockey-Fans gegen die Einschränkungen im Sport protestierten.

Inzwischen sind Schulen und Gastronomie geschlossen, Sport- und Kulturveranstaltungen ausgesetzt, Treffen von mehr als sechs Personen untersagt. Doch die Corona-Zahlen steigen und steigen. Damit wird der andauernde Personalmangel im Gesundheitswesen zu einem immer größeren Problem. „Eine Krankenschwester für die Intensivstation auszubilden, braucht Zeit.“, sagt Smejkal. Seit Jahren gehen jährlich Hunderte Ärzte, Medizinabsolventen und Pfleger auf der Suche nach höheren Gehältern und besseren Arbeitsbedingungen ins Ausland.

Mittlerweile wird selbst ein zweiter harter Lockdown mit Ausgangsbeschränkungen nicht mehr gänzlich ausgeschlossen. Die Entscheidung könnte Anfang November fallen. 

Präsident Milos Zeman appellierte in einer Fernsehansprache an die Disziplin der Bevölkerung beim Maskentragen. Das Staatsoberhaupt empfahl den Menschen dabei, auf Fachleute zu hören und nicht auf weit verbreitete Verschwörungstheorien hereinzufallen. Der 76-Jährige sagte: „Uns steht nur eine Waffe zur Verfügung, solange es keine Impfung gibt: Diese Waffe ist ein kleines Stück Stoff.“