Prag - Tschechien hat erstmals der Hinterbliebenen eines getöteten Grenzflüchtlings aus der DDR eine Entschädigung ausgezahlt. Gerhard Schmidt aus Staßfurt in Sachsen-Anhalt war im August 1977 vor den Augen seiner Frau und seiner drei Kinder von einem tschechoslowakischen Grenzsoldaten erschossen worden. Er hatte versucht, mit seiner Familie den Eisernen Vorhang zu durchbrechen und bei Mähring in der Oberpfalz in die Bundesrepublik zu fliehen. Das tschechische Justizministerium sprach der Tochter nun 33.740 Kronen, umgerechnet knapp 1300 Euro, zu. Das teilte ihr Anwalt Lubomir Müller am Mittwoch in Prag mit.

Ein Gericht in Tachov (Tachau) hatte die gesamte Familie im vorigen Juli rehabilitiert. Ermittlungen nach der demokratischen Wende von 1989 ergaben, dass die Gruppe noch rund 1600 Meter von der eigentlichen Staatsgrenze entfernt gewesen war. Die Familie hätte daher auch ohne Schusswaffengebrauch festgenommen werden können, hieß es in einem Bericht der Behörde für die Dokumentation und Untersuchung der Verbrechen des Kommunismus (UDV). Dennoch wurde der Schütze nie zur Verantwortung gezogen.

Die Tschechoslowakei bewachte ihre Grenzen zur Bundesrepublik und zu Österreich im Kalten Krieg scharf, um Fluchtversuche in den Westen zu verhindern. Die Zahl der Grenzsoldaten lag bei rund 20.000. Neuere Forschungen gehen von bis zu 450 zivilen Todesopfern an diesem Abschnitt des Eisernen Vorhangs aus.