Die Feuerwehr war am U-Bahnhof Wittenau im Großeinsatz.
Foto: Morris Pudwell

BerlinWas sich auf der U-Bahn-Linie 8 ereignete, werden Zeugen und BVG-Mitarbeiter so schnell nicht vergessen: Bei einem Unfall im U-Bahnhof Wittenau wurde am Donnerstag ein sechsjähriges Mädchen schwer verletzt. Nach Angaben einer Polizeisprecherin wurde das Kind gegen 16.30 Uhr mit einem Unterarm in der geschlossenen Tür eingeklemmt. Der Zug in Richtung Hermannstraße fuhr trotzdem los und schleifte das Kind rund 70 Meter in den Tunnel mit. Dort kam der Zug zum Stehen, weil Fahrgäste im U-Bahn-Wagen die Notbremse zogen und dem Fahrer Bescheid gaben, der zunächst nicht mitbekommen hatte, dass ein Kind draußen am Zug hing.

Sofort rannten BVG-Mitarbeiter, die sich auf dem Bahnsteig befanden, in den U-Bahn-Tunnel und befreiten das schwer verletzte Kind. Sie leisteten Erste Hilfe und trösteten das Mädchen. Es hatte laut Polizei eine Armfraktur und schwere Kopfverletzungen erlitten. Lebensgefahr bestand nicht. Eine Notärztin versorgte die Sechsjährige vor Ort, bevor diese in eine Klinik gebracht wurde.

Die Feuerwehr musste Notfallseelsorger rufen, die sich um mehrere unter Schock stehende Zeugen kümmerten. Die achtjährige Schwester der Sechsjährigen, die als Erste in den Zug eingestiegen war, hatte den Unfall mit ansehen müssen. Sie kam ebenfalls mit einem Schock in ein Krankenhaus. Wegen Schock behandelt wurden auch der U-Bahn-Fahrer und ein BVG-Mitarbeiter, der sich im Tunnel um das verletzte Kind gekümmert hatte.

Offenbar die Verhaltensweisen der Erwachsenen abgeschaut

Der U-Bahn-Verkehr auf der Linie 8 war nach Angaben von BVG-Sprecherin Petra Nelken von 16.32 bis 18.27 Uhr unterbrochen. „Zurzeit laufen die Untersuchungen, wie es zu diesem schrecklichen Unfall kommen konnte“, sagte Nelken. „Der Zug ist in der Werkstatt und wird untersucht.“

Die Polizei stellte die Überwachungsvideos vom Bahnsteig und aus dem U-Bahn-Wagen sowie den aufgezeichneten Funkverkehr sicher. Erste Zeugenbefragungen ergaben, dass die beiden Kinder noch in die U-Bahn springen wollten, obwohl der Fahrer bereits abgeklingelt hatte. Laut BVG haben alle Türen einen sogenannten Einklemmschutz, der von Bauart zu Bauart geringfügig variiert. Ein Zug kann nicht losfahren, wenn eine Tür nicht geschlossen ist. Wenn sich jemand in letzter Sekunde reindrängelt und mit seinem Rucksack in der Tür klemmt, bleibt der Zug stehen. Ob der dünne Arm des Mädchens von dem Einklemmschutz nicht erkannt wurde, das muss nun die Untersuchung des Türmechanismus zeigen.

Die beiden Kinder hatten sich offenbar das Verhalten vieler erwachsener Fahrgäste abgeschaut. Immer wieder kommt es vor, dass Fahrgäste von U- und S-Bahn in letzter Sekunde in den Wagen springen und die Türen aufhalten, obwohl schon abgeklingelt wurde. Immer wieder gehen deshalb auch Türen kaputt und die Züge können deshalb nicht weiterfahren, beklagen Mitarbeiter von BVG und auch S-Bahn. Nach Angaben von Petra Nelken verzeichnete die BVG im vergangenen Jahr 657 Türstörungen. Allerdings gibt es nach ihren Worten keine Angaben darüber, wie viele direkt durch das Aufhalten der Türen verursacht wurden.

In letzter Sekunde aufgesprungen

Ein ähnlicher Vorfall wie in Wittenau ereignete sich im April 2019 auf dem S-Bahnhof Südkreuz: Ein 38-jähriger Mann und seine Begleiterin wollten eine bereits abfahrbereite S-Bahn der Linie S42 erreichen. Der Mann sprang in den letzten Wagen und hielt die sich schließende Tür für die Frau offen. Dabei blieb er mit seinem rechten Bein in der Tür stecken. Er wurde 50 Meter auf dem Bahnsteig entlang geschleift, bis die Bahn zum Stehen kam, weil Reisende die Notbremse gezogen hatten. Er hatte Glück und wurde nur leicht verletzt.

Im Jahr 2015 wurde am Bahnhof Westkreuz ein 57 Jahre alter Mann  von einer abfahrenden S-Bahn mitgeschleift und kam dabei ums Leben. Die Türen des Zuges der Linie S46 waren bereits zu, als der Mann einzusteigen versuchte. Er geriet mit einem Fuß zwischen Bahnsteigkante und S-Bahn, wurde mitgerissen und kam einige Meter weiter auf dem Bahnsteig zum Liegen.

Ein Unfall wie in Wittenau erschütterte im Februar dieses Jahres in Essen. Ein 13-Jähriger wurde an der Jacke in der Tür einer U-Bahn eingeklemmt. Er wurde über 100 Meter mitgeschleift und lebensgefährlich verletzt. Obwohl Fahrgäste die Notbremse betätigt hatten, hielt der Fahrer nicht an. Im Ruhrgebiet wie auch in Berlin hält ein Zug nicht sofort nach Betätigen der Notbremse. Zunächst meldet sich der Fahrer über Lautsprecher und fragt nach dem Grund. Zudem sind die Fahrer gehalten, den Zug aus dem Tunnel herauszufahren, bevor sie halten. So war das auch im Fall des sechsjährigen Mädchens in Wittenau, wo der Zug erst nach 70 Metern zum Stehen kam.