Putin will verfehlte Angriffsziele in der Ukraine doch noch treffen

„Derzeit“ seien keine weiteren „massiven“ Angriffe nötig, sagt der russische Staatschef. Kiew muss sich aber auf weiteren Beschuss gefasst machen.

Russlands Präsident Wladimir Putin: Russland setzt sich „nicht das Ziel, die Ukraine zu vernichten“.
Russlands Präsident Wladimir Putin: Russland setzt sich „nicht das Ziel, die Ukraine zu vernichten“.AFP/SPUTNIK/Valery Sharifulin

Russlands Präsident Wladimir Putin hat nach den verheerenden Angriffen auf weite Teile der Ukraine zu Wochenbeginn weiteren Beschuss angekündigt. Von insgesamt 29 ins Visier genommenen Objekten seien sieben „nicht so beschädigt worden, wie das vom Verteidigungsministerium geplant war“, sagte er am Freitag nach einem Gipfeltreffen mit Vertretern ehemaliger Sowjetrepubliken in Kasachstan. „Aber sie werden sie nachholen, die Objekte.“ Um welche Ziele es sich dabei konkret handele, sagte der Kremlchef nicht. Russland hatte am Montag mehr als 80 Raketen auf die Ukraine abgefeuert - darunter auch auf die Hauptstadt Kiew. Die Angriffe zielten offenbar vor allem auf die Energieinfrastruktur.

Zugleich betonte Putin, er halte weitere „massive“ Angriffe auf die Ukraine „derzeit“ nicht für notwendig. Russland mache in der Ukraine „alles, wie es sein muss“.

Hinsichtlich einer neuen Offensive in der Ukraine sagte Putin: „Es gibt andere Aufgaben im Moment. Danach werden wir weitersehen.“ Russland setze sich „nicht das Ziel, die Ukraine zu vernichten“, versicherte der russische Staatschef.

Putin: Keine weitere Mobilisierung von Reservisten

Russland plane zudem keine weitere Mobilisierung von Reservisten über die bislang verkündete Teilmobilisierung hinaus, so  Putin. In der „vorhersehbaren Zukunft“ sehe er keine Notwendigkeit, weitere Reservisten einzuziehen. Bisher seien 222.000 Reservisten zu den Waffen gerufen worden, in rund zwei Wochen werde die geplante Zahl von 300.000 erreicht sein. Von den Einberufenen seien 16.000 bereits „in kämpfenden Einheiten“.

Zwar sei die Lage derzeit „nicht angenehm“, sagte Putin. Wäre Russland jedoch nicht im Februar in die Ukraine einmarschiert, „wären wir ein bisschen später in der gleichen Lage gewesen, aber die Voraussetzungen wären für uns schlechter gewesen“.

„Keine Notwendigkeit“: Putin lehnt Treffen mit Biden ab

Zur Frage eines möglichen Treffens mit US-Präsident Joe Biden am Rande des G20-Gipfels in Indonesien im kommenden Monat sagte Putin, er sehe dafür „ehrlich gesagt keine Notwendigkeit“. Es sei auch noch nicht entschieden, ob er persönlich nach Bali zum Gipfel fliegen werde. Er zeigte sich aber für Gespräche mit der Ukraine und für Vermittlungsbemühungen von Ländern wie der Türkei offen. Erstmals räumte der Kreml-Chef auch ein, dass die anderen Partnerländer Russlands in der Ex-Sowjetunion wegen den Konflikts in der Ukraine „besorgt“ seien.

Knapp acht Monate nach Beginn des russischen Angriffskriegs erobert die ukrainische Armee stetig Gebiete im Osten und Süden des Landes zurück. Am Freitag feierte das Militär erstmals seit der russischen Invasion den Tag der Verteidiger und Verteidigerinnen der Ukraine.

Selenskyj: Russland schickt Reservisten als „Kanonenfutter“ in die Ukraine

Präsident Wolodymyr Selenskyj versprach anlässlich des Feiertages einen Sieg der ukrainischen Truppen über die russischen Streitkräfte. „Die Welt steht hinter uns, mehr als je zuvor“, sagte Selenskyj in einer Videobotschaft. „Das macht uns stärker als je zuvor in unserer Geschichte“, fügte er hinzu. Der Präsident dankte allen, die „für die Ukraine“ kämpfen.

Am Donnerstagabend hatte Selenskyj Russland wegen seiner Teilmobilmachung vorgeworfen, Reservisten als „Kanonenfutter“ in die Ukraine zu schicken. Die Truppenaufstockung schaffe einen „spürbaren Druck“ auf die ukrainische Armee.

Rotes Kreuz fordert Zugang zu allen Kriegsgefangenen

Das Rote Kreuz forderte am Freitag sofortigen Zugang zu allen Kriegsgefangenen im Ukraine-Krieg. Der bisher mangelnde Zugang sei „frustrierend“, sagte der Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz und Roten Halbmond (IKRK), Ewan Watson. Gemäß der Genfer Konvention müssten die Konfliktparteien bei internationalen gewaltsamen Konflikten dem IKRK sofortigen Zugang zu Kriegsgefangenen gewähren sowie „das Recht, sie zu besuchen, wo immer sie auch festgehalten werden“, betonte Watson.

Die UN-Sonderbeauftragte für sexuelle Gewalt in Konflikten, Pramila Patten, warf Russland derweil vor, Vergewaltigungen durch russische Soldaten als „eindeutige Militärstrategie“ im Ukraine-Krieg einzusetzen. „Alle Hinweise“ dafür lägen vor, dass sexuelle Gewalt im Ukraine-Krieg als Waffe eingesetzt werde, sagte sie der Nachrichtenagentur AFP. Es handele sich um eine „bewusste Taktik, um die Opfer zu entmenschlichen“.

Die russische Regierung ordnete derweil die vollständige Wiederherstellung der durch eine Explosion schwer beschädigten Brücke zur von Russland annektierten ukrainischen Halbinsel Krim an. Die zerstörten Teile des Bauwerks sollten bis zum 1. Juli kommenden Jahres wiederhergestellt sein, verfügte Ministerpräsident Michail Mischustin in einem am Freitag unterzeichneten Dekret.