Ukraine rechnet mit neuen russischen Raketenangriffen, Kämpfe um Cherson

Präsident Wolodymyr Selenskyj warnt, dass Russland neue Luftangriffe vorbereitet. Indes forderte der ukrainische Botschafter mehr Waffen von Deutschland.

Eine Frau geht nach einem russischen Luftangriff in Tschassiw Jar an den Trümmern eines zerstörten Hauses vorbei. 
Eine Frau geht nach einem russischen Luftangriff in Tschassiw Jar an den Trümmern eines zerstörten Hauses vorbei. dpa/AP/Andriy Andriyenko

Die Ukraine hat am Montag davor gewarnt, dass Russland eine neue Angriffswelle auf die Energieinfrastruktur des Landes vorbereite. Nach Angaben einer Armeesprecherin wurde kürzlich ein russisches Kriegsschiff mit Raketen an Bord ins Schwarze Meer verlegt. „Dies deutet darauf hin, dass Vorbereitungen im Gange sind“, erklärte die Sprecherin. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Beginn der Woche von einem solchen Angriff geprägt sein wird.“

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte die Ukrainer bereits am Sonntagabend in seiner Fernsehansprache vorgewarnt, dass Russland neue Luftangriffe vorbereite. Moskaus Streitkräfte würden ihr Programm der systematischen Angriffe so lange weiterbetreiben, wie sie über Raketen verfügten, sagte Selenskyj. Der Staatschef fügte hinzu, dass sich die Armee und der gesamte Staat auf die Angriffe vorbereiteten – auch mit den westlichen Partnern.

Strom: Notabschaltungen im ganzen Land

Die systematischen und gezielten russischen Bombenangriffe haben die Energieinfrastruktur der Ukraine in den vergangenen Wochen in die Knie gezwungen. Nach erneuten Angriffen am vergangenen Mittwoch hatten zunächst Millionen Menschen in der Ukraine keine Elektrizität.

Nach Angaben des staatlichen Stromversorgers Ukrenergo hatten am Montag noch 27 Prozent der Haushalte Probleme mit der Stromversorgung. Ebenso gab es im ganzen Land weiterhin Notabschaltungen.

London: Täglicher Beschuss durch russische Artillerie

Darüber hinaus berichtete Selenskyj von einer „sehr schwierigen“ Situation an der Front, vor allem in der Region Donezk im Osten der Ukraine.

Nach ihrem Rückzug beschießen russische Truppen die südukrainische Großstadt Cherson nach britischen Angaben täglich mit Artillerie. Am Sonntag sei die Rekordzahl von 54 Angriffen gemeldet worden, teilte das Verteidigungsministerium in London unter Berufung auf Geheimdiensterkenntnisse mit. Allein am vergangenen Donnerstag seien zehn Menschen getötet worden.

„Die Stadt ist verwundbar, weil sie in Reichweite der meisten russischen Artilleriesysteme liegt, die nun vom Ostufer des Flusses Dnipro aus von der Rückseite neu konsolidierter Verteidigungslinien feuern“, hieß es in London. Die meisten Schäden richteten Mehrfachraketenwerfer etwa vom Typ BM-21 Grad an.

Ukraninischer Botschafter: Mehr Waffen von Deutschland

Der neue Botschafter der Ukraine in Berlin, Oleksii Makeiev, appellierte derweil an Deutschland, der Ukraine Geräte zur Vermeidung von Stromausfällen sowie weitere Waffen zur Verfügung zu stellen. „Wir brauchen Generatoren und Autotransformatoren, die von russischen Raketenangriffen besonders betroffen sind“, sagte Makeiev im ZDF-„Morgenmagazin“. In der Hauptstadt Kiew gebe es derzeit nur wenige Stunden Strom am Tag. Transformatoren werden benötigt, um aus dem Hochspannungsnetz niedrigere Spannungen für die Elektrizitätsversorgung zur Verfügung zu stellen.

Außerdem brauche die Ukraine weiterhin von Deutschland Luftabwehrsysteme wie das bereitgestellte System Iris-T sowie andere Waffen, wobei Makeiev Kampfpanzer nicht explizit erwähnte. „Deutsche Waffen retten Leben“, sagte er. Über weitere Lieferungen sei man in Gesprächen mit der Bundesregierung. Makeiev betonte, dass die Ukraine ihr gesamtes Territorium, inklusive der 2014 von Russland besetzten Halbinsel Krim, zurückerobern wolle.

Makeiev grenzte sich indirekt von seinem Vorgänger Andrij Melnyk ab, der dafür bekannt war, Forderungen provokant und oft mit Kraftausdrücken vorzutragen. Makeiev betonte, sein Anliegen sei, Vertrauen aufzubauen und zu erhalten. Ziel sei dabei die gegenseitige Unterstützung. „Und wir brauchen diese Unterstützung von Deutschland sehr.“