Die Regierung in Kanada sucht nach Lösungen, damit die russischen Gaslieferungen nach Deutschland wieder hochgefahren werden können. Die zentrale Frage sei dabei, wie die Sanktionen gegen Russlands Öl- und Gasindustrie eingehalten werden können, ohne gleichzeitig den russischen Großkunden und Ottawa-Verbündeten Deutschland zu bestrafen, sagte ein kanadischer Kabinettsminister. Wegen der Sanktionen explodieren die Gaspreise in Deutschland derzeit. Vor allem mit Blick auf den kommenden Winter droht in Deutschland Gasknappheit, die zu massiven Problemen führen könnte.

Die verhängten Sanktionen gegen Russland wegen des Einmarsches in die Ukraine haben dazu geführt, dass eine Turbine, die für den Betrieb der Nord-Stream-Pipeline benötigt wird, in Kanada gestrandet ist. Wegen der kanadischen Sanktionen gegen Russland sei es im Moment grundsätzlich nicht möglich, überholte Gasturbinen an den Kunden, also Gazprom, zu liefern, teilte Siemens mit. Der staatliche russische Gasriese Gazprom PJSC drosselte die Lieferungen durch die Pipeline in der Folge auf 40 Prozent der Kapazität. Weil die Pipeline die größte Gasverbindung zur Europäischen Union ist, explodieren die Gaspreise seitdem. Führende Politiker in Deutschland und Italien mutmaßen nun, ob der Schritt von Gazprom politisch motiviert ist und nicht, wie behauptet, durch technische Probleme verursacht wurde.

Der russische EU-Botschafter Wladimir Tschichow hatte zuletzt angedeutet, dass Nord Stream auch komplett stillgelegt werden könnte, sollte es weitere Probleme bei der Reparatur von Turbinen geben. Tschichow hatte beim internationalen Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg gesagt: „Wenn alle diese Turbinen zur Reparatur nach Kanada abreisen, droht der Stopp der Pipeline. Ich denke, es wird eine Katastrophe für Deutschland sein.“ In Deutschland, den Niederlanden und Österreich wurden als Reaktion auf die Gasknappheit wieder Kohlekraftwerke in Betrieb genommen, um mögliche Engpässe im Winter, wenn die Nachfrage am höchsten ist, abzuwenden.

Zwar wolle man „die Sanktionen respektieren, denn sie wurden nicht ohne Grund verhängt“, sagte Kanadas Minister für natürliche Ressourcen, Jonathan Wilkinson, jetzt in einem Interview. Das berichtet das Nachrichtenportal Bloomberg. Allerdings sei es „nie die Absicht der Sanktionen“ gewesen, „Deutschland, einem unserer engsten Freunde und Verbündeten, erheblichen Schaden zuzufügen“. Wilkinson: „Wir sprechen mit Deutschland und versuchen, einen Weg zu finden, wie wir den Gasfluss (wieder) ermöglichen können.“

Die Turbinen wurden in Kanada hergestellt und müssen regelmäßig zur Wartung durch die deutsche Siemens Energy AG dorthin zurückgeschickt werden. Eine der Turbinen wurde in Montreal überholt, wird aber nicht zurückgeschickt, da die in diesem Monat verhängten kanadischen Sanktionen den Export wichtiger technischer Dienstleistungen an die russische Industrie für fossile Brennstoffe verbieten. Andere Turbinen befinden sich noch in Russland, laut Gazprom sind allerdings nicht alle von ihnen funktionsfähig. Der Energieriese berief sich auf die Anweisung der staatlichen Sicherheitsbehörde, keine Anlagen mehr zu verwenden, bei denen die regelmäßige Wartung fällig ist.

Russland sei bereit, die Europäische Union zu beliefern, aber die Turbinen müssen nach der Wartung zurückgegeben werden, erklärte der Kreml diese Woche. Die russische Verdichterstation Portovaya ist der Einspeisepunkt der Nord-Stream-Pipeline. Hier werden nach russischen Angaben sechs große Turbinen benötigt, um das Gas mit voller Kapazität in die Ostseepipeline zu pumpen. Nach Angaben einer mit der Situation vertrauten Person sind derzeit jedoch nur zwei davon in Betrieb. Im Juli soll Nord Stream zudem für 10 Tage komplett abgeschaltet werden.