Die russische Armee hat ihre Luftangriffe auf die zweitgrößte Stadt der Ukraine, Charkiw, in der Nacht zum Montag fortgesetzt. Ein Journalist der Nachrichtenagentur AFP berichtete, dass dabei unter anderem ein Sportkomplex einer Universität und ein Wohnblock getroffen wurden. Vor dem Wohngebäude lagen demnach mehrere Leichen neben einem Auto. Unterdessen konzentrierten die russischen Truppen nach Angaben des ukrainischen Generalstabs ihre Angriffe neben Charkiw im Osten des Landes auch auf Sumy im Nordosten und Mykolajew im Süden.

Der Generalstab warnte weiterhin, dass Moskau seine „Ressourcen für einen Angriff“ auf Kiew sammelt. In der Hauptstadt hielt sich die Armee bereit, die letzte Brücke, die die Stadt mit dem westlichen Umland verbindet, zu zerstören. „Wenn wir den Befehl von oben erhalten oder sehen, dass die Russen vorrücken, werden wir sie sprengen“, sagte ein Mitglied einer Freiwilligeneinheit der AFP. Dabei sollten „so viele feindliche Panzer wie möglich“ zerstört werden.

Unterdessen berichtete die US-Zeitung „Wall Street Journal“ unter Berufung auf US-Regierungskreise, dass Russland im Häuserkampf erfahrene Kämpfer aus Syrien rekrutiert habe. Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba gab indessen an, dass 20.000 Ausländer in die Ukraine gekommen seien, um sich den Freiwilligen-Verbänden anzuschließen. Laut der ukrainischen Regionalverwaltung hatte es den gesamten Sonntag über heftige Kämpfe im Umland der ukrainischen Hauptstadt gegeben, insbesondere entlang der Straße, die nach Schytomyr (150 Kilometer westlich von Kiew) führt, sowie in Tschernihiw (150 Kilometer nördlich der Hauptstadt).

In den westlichen Vororten von Kiew, in Irpin, „wurden von morgens bis abends alle benachbarten Gebäude getroffen, ein Panzer fuhr hinein. Es war beängstigend“, berichtete die 52-jährige Anwohnerin Tatjana Wosniutschenko. Die russische Armee belagerte weiterhin den strategisch wichtigen Hafen Mariupol am Asowschen Meer im Südosten des Landes, wo am Sonntag ein zweiter Versuch einer Evakuierung der Zivilbevölkerung gescheitert war.

Eine Familie, die es geschafft hatte, die Stadt Richtung Dnipro zu verlassen, schilderte die Zustände in Mariupol: „Wir hielten uns sieben Tage lang im Keller auf, ohne Heizung, Strom oder Internet, und uns gingen die Lebensmittel und das Wasser aus“, sagte ein Familienmitglied, das anonym bleiben wollte. „Auf der Straße sahen wir, dass überall Leichen lagen, Russen und Ukrainer... Wir sahen, dass Menschen in ihren Kellern begraben worden waren.“ Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj beschuldigte Russland, den Hafen von Odessa am Schwarzen Meer bombardieren zu wollen. Russische Raketen, die vom Meer aus abgefeuert wurden, schlugen am Montag in dem Dorf Tusly in der Region Odessa ein, wie der regionale Militärsprecher Sergej Bratschuk berichtete. Ihm zufolge zielte der Beschuss auf „entscheidende Infrastrukturstandorte“, es gab jedoch keine Verletzten.

Für Montag war eine dritte Verhandlungsrunde zwischen Russen und Ukrainern geplant. Die Hoffnungen auf eine friedliche Einigung sind jedoch gering, da der russische Präsident Wladimir Putin als Vorbedingung festgelegt hat, dass Kiew alle Forderungen Moskaus akzeptieren soll, darunter die Entmilitarisierung der Ukraine und einen neutralen Status für das Land. Nach UN-Angaben sind bereits hunderte Zivilisten in dem Krieg getötet worden. Mehr als 1,5 Millionen Ukrainer sind demnach ins Ausland geflohen.