Offenbar mit stockenden Geländegewinnen konfrontiert haben die russischen Streitkräfte den Beschuss ukrainischer Städte nochmals verstärkt. Unter anderem schlugen am Dienstag in der belagerten Hafenstadt Mariupol nach Angaben der Stadtverwaltung zwei „extrem starke Bomben“ ein, als gerade Zivilisten evakuiert werden sollten. Moskau erwäge auch den Einsatz biologischer und chemischer Waffen, warnte US-Präsident Joe Biden.

„Es ist klar, dass die Belagerer sich nicht für die Stadt interessieren, sie wollen sie auslöschen, in Asche verwandeln“, erklärte die Stadtverwaltung von Mariupol. Die beiden besonders starken Bomben seien während einer Evakuierungsaktion eingeschlagen.

In Mariupol sind nach Behördenangaben noch mehr als 200.000 Menschen eingeschlossen. Die Lage ist nach wochenlangem russischen Beschuss und Belagerung dramatisch. Bewohner, denen die Flucht gelang, berichteten nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch von einer „eiskalten Höllenlandschaft voller Leichen und zerstörter Gebäude“.

Tausende Menschen harren den Angaben zufolge in unterirdischen Räumen aus - ohne Wasser, Nahrung, Strom und Kommunikationsmöglichkeiten. Nach Angaben des von Human Rights Watch zitierten stellvertretenden Bürgermeisters starben in Mariupol bereits mehr als 3000 Zivilisten. In die strategisch wichtige Hafenstadt sind bereits russische Panzer vorgedrungen, vollständig erobert wurde sie aber von den Angreifern noch nicht.

Auch den offensichtlich geplanten Belagerungsring um Kiew konnte die russische Armee weiterhin nicht schließen. Sie setzte ihren Beschuss aber unvermindert fort. Bei einem Drohnenangriff auf ein Forschungsinstitut in der ukrainischen Hauptstadt wurde laut Berichten von AFP-Korrespondenten mindestens ein Mensch getötet.

Bürgermeister Vitali Klitschko betonte in einer Video-Ansprache vor dem Europarat den Durchhaltewillen der ukrainischen Hauptstadt. „Im schlimmsten Fall werden wir sterben, aber wir werden uns niemals ergeben.“ Als Bürgermeister von Kiew verspreche er: „Die Russen werden niemals in Kiew einmarschieren.“

Dem russischen Versuch wiederum, entlang der Schwarzmeerküste zur Metropole Odessa vorzudringen, standen weiterhin die Verteidiger der Stadt Mykolajiw entgegen, die noch nicht gänzlich von russischen Truppen eingeschlossen ist.

Zudem startete die ukrainische Armee nach US-Angaben in einigen Regionen Gegenangriffe. Diese hätten vor allem im Süden der Ukraine bereits zu Gelände-Rückeroberungen geführt, sagte Pentagon-Sprecher John Kirby dem Fernsehsender CNN.

Bei den Kämpfen in der Ukraine erleiden die russischen Truppen offenbar massive Verluste. Die Kreml-nahe Zeitung Komsomolskaja Prawda berichtete im Internet, dass bereits 9861 russische Soldaten getötet und 16.153 verwundet worden seien. Diese Angaben wurden aber rasch wieder von der Website gelöscht.

Der offenbar stockende Vormarsch und die dabei erlittenen Verluste der russischen Truppen nähren Befürchtungen einer Zunahme der Brutalität des Krieges. Moskau hat nach Angaben aus Washington bereits seine Luftangriffe intensiviert. Das Pentagon sprach zuletzt von 300 Lufteinsätzen innerhalb von 24 Stunden.

Russlands Präsident Wladimir Putin ziehe auch den Einsatz biologischer und chemischer Waffen „in Erwägung“, warnte Biden. Sollte dies wirklich geschehen, werde es eine „starke“ Reaktion der Nato geben. Zu den ebenfalls immer wieder als Drohkulisse aufgebauten russischen Atomwaffen sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow im US-Fernsehsender CNN, Moskau würde diese nur bei „existenzieller Bedrohung“ einsetzen.

Bei den Verhandlungen der beiden Kriegsparteien stand derweil weiter keine Einigung in Aussicht. Peskow beklagte langsame und nicht ausreichend „substanzielle“ Gespräche. Zum Inhalt machte er keine Angaben, weil dies „den Verhandlungsprozess nur noch weiter behindern würde“.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj schlug Papst Franziskus als Vermittler vor. Zuvor hatte er betont, sein Land werde nicht kapitulieren. Er zeigte sich allerdings bereit, mit Putin über einen „Kompromiss“ in Bezug auf Gebiete in der Ostukraine und die Krim zu sprechen. Über jegliches Abkommen mit Moskau, das womöglich „historische“ Veränderungen mit sich bringen könnte, würden letztlich die Ukrainer in einem Referendum abstimmen, kündigte Selenskyj an.