Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk hat nach zwei Wochen Krieg in seinem Heimatland vor dem Abgeordnetenhaus in Berlin dringend um deutsche Hilfe gebeten. Melnyk forderte einen Importstopp für russische Rohstoffe, eine ehrliche Debatte über die deutsche Russlandpolitik und konkrete Hilfsmaßnahmen. „Wir brauchen einen Versorgungskorridor in die Ukraine, um die Menschen mit Medikamenten und Lebensmitteln zu versorgen“, sagte der Diplomat am Donnerstag im Landesparlament. „Wir brauchen eine Berliner Luftbrücke 2.0, nur diesmal auf dem Landweg.“ Der Diplomat bezog sich damit auf die Hilfe der West-Alliierten für Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg.

„Wir haben alle in unseren Geschichtsbüchern gelernt, wie tapfer diese Stadt war, damals, als die Sowjets eine Blockade eingeführt hatten“, erinnerte der ukrainische Botschafter an die Jahre 1948/49. „Heute fühlen sich viele Ukrainer genauso wie die Deutschen damals. Und wir bitten Sie, alles Mögliche zu unternehmen, um die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine zu stärken“, sagte Melnyk.

„Man darf uns nicht im Stich lassen. Wir sind da. Wir kämpfen. Für uns, für unser Leben, für unsere Kinder. Aber wir kämpfen auch für Sie. Wir kämpfen auch für Ihre Freiheit“, sagte Melnyk unter dem Beifall der Abgeordneten.

„Wir erwarten Ihren Beitrag dazu, dass die Bundesregierung die Sanktionen gegen Putin verschärft. Vieles wurde getan, aber es ist immer noch nicht genug“, sagte der ukrainische Diplomat. Ein Importstopp für russische Rohstoffe müsse unverzüglich kommen.

„Wir appellieren an die Berliner Unternehmer, ihre Geschäftstätigkeit in Russland zumindest vorläufig einzufrieren, solange Putin diesen Krieg gegen ukrainische Zivilisten führt. Bitte helfen Sie uns, diesem Armageddon ein Ende zu setzen“, sagte Melnyk, der nicht nur Fotos aus bombardierten Städten wie Mariupol, sondern auch von im Krieg getöteten ukrainischen Kindern zeigte. „Putin, du bist ein Mörder, du wirst dafür in der Hölle schmoren, für alle Ewigkeit“, sagte er.

Die Ukrainer fragten sich, warum die Weltgemeinschaft ihn nicht rechtzeitig habe stoppen können und warum er auch in Deutschland so viele Jahre hofiert worden sei. „Warum haben auch deutsche Politiker seine aggressive Politik salonfähig gemacht?“ Diese Russlandpolitik Deutschlands sei krachend gescheitert. „Durch Appeasement (Beschwichtigung) hat die politische Klasse versagt, einen großen Krieg mitten in Europa zu verhindern, den schlimmsten seit 1945“, so der ukrainische Botschafter.

„Es wäre heute scheinheilig zu sagen, „oh, wir haben uns geirrt in Bezug auf diese Pläne Putins.“ Das ist heuchlerisch, sich von diesem kollektiven Versagen nun hastig zu distanzieren“, erklärte Melnyk. Deutschland brauche eine ehrliche Debatte, eine Aufarbeitung aller Russland-Verbindungen, forderte er. „Aber was wir am meisten brauchen, sind richtige Entscheidungen, die heute getroffen werden müssen, damit sich dieses politische Fiasko nicht wiederholt.“

Die Ukrainer erwarteten von der Berliner Politik die Anerkennung als europäische Kulturnation mit eigener Geschichte. „Das bedeutet auch, dass die Deutschen sie nie wieder durch die russische Brille betrachten dürfen“, sagte Melnyk. Das betreffe auch die Würdigung der ukrainischen Opfer der NS-Terrorherrschaft. „Wir appellieren an Sie, heute der Errichtung einer Gedenkstätte zuzustimmen, für mindestens acht Millionen Ukrainer, die vom Dritten Reich ermordet wurden sowie für 2,5 Millionen ukrainische Zwangsarbeiter.“

Melnyk formulierte auch konkrete Erwartungen an die Berliner Kulturlandschaft: Berliner Theater, Opern- und Konzerthäuser sollten ihr Repertoire für ukrainische Komponisten und Dichter öffnen. „Wir möchten das ukrainische Kulturinstitut in Berlin etablieren“, sagte Melnyk. „Und hoffen auf Ihre tatkräftige Unterstützung, dass wir die Räumlichkeiten erhalten können.“ (dpa)