Mehr als 100 Millionen Menschen sind zur Zeit weltweit auf der Flucht, so viele wie nie zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR sprach in Genf von einem „dramatischen Meilenstein“, der durch den russischen Krieg gegen die Ukraine sowie Krisen in Afghanistan und anderen Ländern erreicht worden sei. Der schreckliche Trend werde weitergehen, wenn die Weltgemeinschaft keinen Weg finde, Konflikte dauerhaft zu lösen, warnte der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi.

Der Jahresbericht gab die Zahl der weltweit Geflüchteten Stand Ende 2021 mit 89,3 Millionen an. Das an sich war schon ein Rekordwert; ein Jahrzehnt zuvor hatte UNHCR nur halb so viele Flüchtlinge gezählt. Da seit dem Beginn der russischen Invasion am 24. Februar geschätzt bis zu 14 Millionen Ukrainer innerhalb ihres eigenen Landes oder über die Grenzen geflohen sind, liegt die Zahl erstmals seit Beginn der Aufstellung im dreistelligen Millionenbereich.

Zahl steigt seit vielen Jahren - Deutschland eines der größten Gastgeberländer

Die Vertreibung aus der Ukraine sei die größte und am schnellsten wachsende derartige Krise seit Gründung des UNHCR 1951, berichtete das UNHCR am Donnerstag in seinem Weltflüchtlingsbericht. Wegen der verheerenden Folgen des Kriegs gegen die Ukraine nannte das UNHCR ausnahmsweise die aktuelle Flüchtlingszahl. Der Bericht bezieht sich ansonsten auf das vergangene Jahr.

UN-Hochkommissar Grandi verwies auf die unterschiedliche Aufnahmebereitschaft der Europäer, wenn es um Geflüchtete aus der Ukraine oder aus dem Nahen Osten geht. „Ich bin nicht naiv, ich verstehe den Kontext und dass es nicht immer so sein kann“, sagte er. Doch der Umgang mit den Massen an ukrainischen Geflüchteten zeige, „dass die Aufnahme von Flüchtlingsströmen an den Küsten oder Grenzen reicher Länder handhabbar ist“. Hinter der Türkei, Kolumbien, Uganda und Pakistan war Deutschland das größte Gastland, mit 1,3 Millionen Aufgenommenen.

Er verwies auch auf die ungleiche Verteilung der Spendengelder - während für andere Flüchtlingskrisen nie die Spendenziele erreicht werden, seien für die Ukraine sofort große Summen verfügbar gewesen. „Es darf keine Ungerechtigkeit bei der Reaktion geben“, forderte Grandi. Die Geberländer hätten versprochen, dass die Hilfe für die Ukraine zusätzlich zu den für andere Krisen zugesagten Beträgen bereitgestellt würden - doch Grandi betonte, dass „die Zahlen das bisher nicht zeigen“.

Afrika: Konflikte und Klimawandel  bewegen Millionen Menschen zur Flucht

Grandi verwies insbesondere auf die Krisen am Horn von Afrika und in der Sahelzone. Dort trieben Konflikten, Unsicherheit, schlechte Regierungsführung und die verheerenden Auswirkungen des Klimawandels Millionen Menschen zur Flucht. Bislang würden diese Menschen in andere Landesteile oder Nachbarländer ziehen. „Aber ich wäre nicht überrascht, wenn wir mit der zusätzlichen Ernährungsunsicherheit sehen, dass die Menschen die Region verlassen“, warnte Grandi.

Der Krieg in der Ukraine sorgt nicht nur für eine drohende Lebensmittelkrise - Er „hat der internationalen Zusammenarbeit einen schrecklichen Schlag versetzt“, sagte Grandi. „Die Brüche zwischen dem Westen und Russland und sogar zwischen den wichtigsten Mitgliedern des Sicherheitsrats sind so schwerwiegend, dass es lange dauern wird, bis sie heilen“. Wenn sie jedoch nicht überwunden werden, „weiß ich nicht, wie wir diese Krise bewältigen sollen“.

Die Gesamtzahl der Flüchtlinge entspricht mehr als einem Prozent der gesamten Weltbevölkerung. Die Zahl umfasst sowohl Flüchtlinge und Asylsuchende als auch die 53,2 Millionen Menschen, die durch Konflikte innerhalb ihrer Grenzen vertrieben wurden.