Berlin - Zwei Wochen nach der Bundestagswahl ringt die Union heftig um die Verantwortung für ihre historische Niederlage und den richtigen Weg für einen Neuanfang. Der CDU-Politiker Friedrich Merz äußerte scharfe Kritik am Verhalten der Schwesterpartei CSU während des Wahlkampfes. Der Abgeordnete Christian von Stetten nahm das CDU-Präsidium ins Visier und legte den Mitgliedern des Führungsgremiums den Rücktritt nahe. Die beiden CDU-Bundesminister Annegret Kramp-Karrenbauer und Peter Altmaier setzten ein Signal für personelle Erneuerung, indem sie zugunsten zweier jüngerer Politiker auf ihre Bundestagsmandate verzichten.

„Nach einer solchen Niederlage muss es für die CDU Konsequenzen und Erneuerung geben“, sagte Bundeswirtschaftsminister Altmaier der dpa. „Das war mir schon am Wahlabend klar. Und dass jeder bei sich selbst anfangen muss.“ Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer und er hätten mit gutem Beispiel vorangehen wollen, „setzen aber niemand unter Druck“. „Mir blutet das Herz, wenn ich sehe, wie viele junge und gute Kolleginnen und Kollegen es wegen der Wahlpleite nicht geschafft haben. Ich hoffe aber, dass einige von ihnen noch in den Bundestag einziehen können.“

Merz über Umgang in Union: „Stillos, respektlos und streckenweise rüpelhaft“

Die beiden Saarländer hatten ihre Entscheidung überraschend am Samstag angekündigt. Sie machen damit den Weg frei für Nadine Schön und Markus Uhl, die sonst den Wiedereinzug ins Parlament verpasst hätten und nun als Nachrücker von der CDU-Landesliste zum Zug kommen. Schön, seit 2014 Fraktionsvize, ist auch Vorsitzende des Netzwerks Digitalisierung der CDU. Ihre Ministerposten behalten Altmaier und Kramp-Karrenbauer nach eigenen Angaben bis zur Bildung einer neuen Bundesregierung.

Merz sagte mit Blick auf das Verhältnis von CDU und CSU: „Das Jahr 2021 markiert einen Tiefpunkt unserer Zusammenarbeit und unseres Umgangs miteinander“, schrieb er in seinem am Samstag verschickten Newsletter. „Wir müssen nicht alle zu jeder Zeit von jeder Entscheidung restlos überzeugt sein. Aber so wie in den Wochen vor der Wahl geht man in einer sich immer noch „bürgerlich“ nennenden Union einfach nicht miteinander um. Das war stillos, respektlos und streckenweise rüpelhaft.“

Von Stetten fordert Rückzug des gesamten CDU-Parteipräsidiums

In der CSU hatte es während des Wahlkampfs immer wieder kritische Töne in Richtung des Unionskanzlerkandidaten und CDU-Chefs Armin Laschet gegeben. CSU-Chef Markus Söder war Laschet im Machtkampf um die Kanzlerkandidatur der Union unterlegen. Merz' Äußerungen dürften vor diesem Hintergrund als Kritik an Söder verstanden werden, den er nicht namentlich erwähnte. Söder führte das schlechte Wahlergebnis am Samstag auf den unpopulären Kanzlerkandidaten Laschet und eine schwache Wahlkampfstrategie zurück. „Es ist einfach so: Am Ende wollten die Deutschen einen anderen Kanzlerkandidaten als den, den CDU und CSU aufgestellt haben“, sagte er bei der Landesversammlung der Jungen Union in Deggendorf.

Der CDU-Abgeordnete Christian von Stetten, der eine Kanzlerkandidatur Söders unterstützt hatte, kritisierte die Führung seiner Partei. „Das CDU-Präsidium kann einen Kanzlerkandidaten gegen alle Umfragewerte, gegen die Schwesterpartei, gegen die Bundestagsfraktion und gegen die Parteibasis durchsetzen“, sagte er der „Bild am Sonntag“. „Aber dann muss der Kandidat auch die Wahlen gewinnen und eine Regierung bilden können. Sonst hat nicht nur der Kanzlerkandidat, sondern das gesamte Parteipräsidium ein Akzeptanzproblem und muss seine Ämter zur Verfügung stellen.“ Von Stetten ist Vorsitzender des Parlamentskreises Mittelstand der Fraktion.

Kuban und Amthor wollen „Aufbruch mit frischen Gesichtern“

Eine Gruppe junger CDU-Politiker um Junge-Union-Chef Tilman Kuban und den Bundestagsabgeordneten Philipp Amthor fordert eine Beteiligung der Basis bei der Wahl einer neuen Parteispitze. Die CDU müsse „raus aus der alten Denke und raus aus eingefahrenen Strukturen“, schrieben die Politiker in einem Gastbeitrag für die Welt am Sonntag. „Es ist nicht Aufgabe derjenigen, die die aktuelle Lage zu verantworten haben, einen neuen Vorsitzenden auszuwählen.“

Die meisten Kandidaten für Wahlen würden bereits problemlos durch die CDU-Mitglieder aufgestellt. „Insoweit wäre es nur logisch und selbstverständlich, dass unsere Parteibasis auch über die wichtigsten Parteiämter in einem solchen Verfahren entscheidet“, schrieben die CDU-Politiker. Zuvor hatten sich bereits mehrere prominente Christdemokraten dafür ausgesprochen, die Basis in die Entscheidung über die Nachfolge von Parteichef Armin Laschet einzubinden. „Ich finde es richtig, dass wir über Mitgliederbeteiligung sprechen“, sagte am Freitag der Abgeordnete Merz, der selbst als Anwärter für den Parteivorsitz gilt.

Die jungen CDU-Politiker forderten in ihrem Gastbeitrag einen „Mitglieder-Reformparteitag, auf dem unsere Parteibasis den inhaltlichen Kompass festlegt und neu ausrichtet“. Dafür brauche es gelegentlich auch „Mut zum Polarisieren statt Angst vor Kontroversen“. „Nur wenn die CDU der nächsten Generation eine Chance gibt, werden wir eine Zukunft als Volkspartei haben“, erklärten die Autoren des Beitrags. „Auch an der Bundesspitze muss die Partei jetzt den Mut beweisen, mit frischen Gesichtern einen Aufbruch zu wagen.“

Werteunion will Rücktritte auch von Brinkhaus, Söder und Spahn

Die in CDU und CSU umstrittene Werteunion forderte zudem den Rücktritt von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder sowie vom Vorsitzenden der Bundestagsfraktion, Ralph Brinkhaus. Nach eigenen Angaben gehören der Werteunion, die ein Verein, kein anerkanntes Parteiglied ist, überwiegend CDU- und CSU-Mitglieder an. Die Gruppe sagt von sich, sie wolle den konservativen „Markenkern“ der Union vertreten.

Laschet will am Montag Vorschlag zum Personalwechsel machen

Die Union war bei der Bundestagswahl auf 24,1 Prozent abgestürzt, während die SPD stärkste Kraft wurde. CDU-Chef Armin Laschet hatte am Donnerstag angekündigt, er wolle den Spitzengremien der Partei am Montag einen Vorschlag zur personellen Neuaufstellung vorlegen. Er selbst wolle diesen Prozess moderieren. Strittig ist in der CDU-Spitze noch, welche Rolle die Parteibasis bei einem Personalwechsel an der Spitze der Bundespartei spielen soll. Wie das Handelsblatt berichtet, sprach sich die Mittelstands- und Wirtschaftsunion für eine Mitgliederbefragung vor der Neuwahl aus.

Altmaier sagte weiter: „Wir brauchen jetzt zügig auch die Neuaufstellung auf Bundesebene, von der ein starkes Signal des Aufbruchs ausgehen kann und muss.“ Das könne nur gelingen, „wenn wir stärker als bisher in die Partei hineinhören“.

Ziemiak: AKK und Altmaier sind „ein Vorbild für die junge Generation“

Für Altmaier und die ehemalige CDU-Bundesvorsitzende Kramp-Karrenbauer gab es nach ihrem Mandatsverzicht Anerkennung aus der eigenen und anderen Parteien. CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak schrieb auf Twitter, die beiden seien mit ihrer Arbeit und ihrer Haltung „ein Vorbild für die junge Generation“. Europa-Staatsminister Michael Roth (SPD) twitterte an die Adresse der beiden: „Das ist echt groß.“ Die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt äußerte auf Twitter „immer wieder Respekt“ davor, wie Kramp-Karrenbauer sich selbst zurücknehme. „Das ist auch über Parteigrenzen hinweg stilbildend.“

Der Landesvorsitzende der saarländischen CDU, Ministerpräsident Tobias Hans, lobte Altmaier und Kramp-Karrenbauer und hob die Geschlossenheit der Saar-CDU hervor. Dabei ließ er durchblicken, dass er sich wünschen würde, dass auch bei der Bundes-CDU „die Dinge so ablaufen“. Mit Blick auf die laufenden Sondierungsgespräche von SPD, FDP und Grünen zur Bildung einer „Ampel“-Koalition sagte er, andere Konstellationen seien zwar denkbar, aber „die Zeichen, sie stehen auf Ampel“. Zu Spekulationen über ein mögliches „Jamaika“-Bündnis von Union, Grünen und FDP sagte Hans, es wäre „Irrsinn, sich an einem Strohhalm festzuklammern“.

In der Wählergunst ist die Union laut einer Insa-Umfrage weiter abgerutscht. Im „Sonntagstrend“ des Meinungsforschungsinstituts für die Bild am Sonntag liegen CDU und CSU zusammen nun bei 20 Prozent, ein Prozentpunkt weniger als in der Vorwoche. Die SPD liegt weiter bei 28 Prozent.