In der Ukraine sind nach Angaben der Vereinten Nationen Dutzende Amtsträger, Journalisten und Aktivisten durch russische Soldaten festgenommen oder verschleppt worden. Einige Fälle erinnerten an „Geiselnahmen“ teilte Matilda Bogner, Vertreterin des UN-Menschenrechtsbüros in der Ukraine, am Freitag mit. Seit dem Beginn der russischen Invasion vor gut einem Monat seien 22 Fälle dokumentiert worden, in denen ukrainische Behördenvertreter willkürlich festgenommen worden oder verschwunden seien. 13 von ihnen seien später wieder freigelassen worden.

Der bekannteste Fall ist der des Bürgermeisters der südukrainischen Stadt Melitopol, Iwan Fedorow, der nach Angaben ukrainischer Behörden von russischen Soldaten entführt und tagelang festgehalten wurde, bevor er wieder freikam.

UN konnte viele Todesfälle in Mariupol nicht überprüfen

„Dies scheint ein Muster zu sein, das in von der Russischen Föderation besetzten Gebieten vorkommt“, sagte Bogner. Russische Streitkräfte würden „gezielt festnehmen und Angehörige und andere nicht informieren, wohin sie die Menschen bringen“, sagte Bogner vor Journalisten in Genf per Viddeokonferenz aus dem westukrainischen Uschhorod aus. „Dies scheint in einigen Fällen eine Form der Geiselnahme zu sein.“

Bogner zufolge wurden auch 15 Journalisten und Aktivisten aus der Zivilgesellschaft festgenommen, die in mehreren Regionen „lautstark gegen die Invasion protestiert haben“. Es sehe „ganz sicher so aus, dass die Zielgruppe pro-ukrainische Aktivisten sind oder solche, die von den russischen Truppen als pro-ukrainisch angesehen werden“. UN-Mitarbeiter gingen Berichten nach, wonach fünf Journalisten und drei Aktivisten inzwischen freigelassen worden seien. Der Verbleib der anderen Betroffenen bleibe unklar.

Mutmaßlich starben seit dem Einmarsch der russischen Truppen am 24. Februar bereits Tausende ukrainische Zivilisten und Tausende Soldaten auf beiden Seiten. Das UN-Menschenrechtsbüro konnte bislang den Tod von 1081 Zivilisten, darunter 93 Kinder, bestätigen, geht aber von einer sehr viel höheren Opferzahl aus.

Uno hat kaum Zugang zu Mariupol

Bogner zufolge konnte das Menschenrechtsbüro viele Todesfälle in der belagerten südukrainischen Hafenstadt Mariupol bislang nicht überprüfen. Die Behörden der Stadt sprechen von mehr als 2000 Toten. Bei dem russischen Angriff auf ein Theater der Stadt könnten etwa 300 Menschen getötet worden sein, vermutete die Stadtverwaltung von Mariupol am Freitag und verwies auf Augenzeugenberichte.

Bogner sagte, die Uno habe kaum Zugang. Satellitendaten wiesen aber auf Massengräber in Mariupol hin, darunter eines mit rund 200 Toten. Derzeit sei es nicht möglich zu klären, ob es sich um Zivilisten handele oder um Kämpfer der Konfliktparteien.

Das „Ausmaß der zivilen Opfer und die Zerstörung ziviler Objekte deutet stark“ darauf hin, dass internationale Gesetze zum Schutz von Zivilisten im Ukraine-Konflikt verletzt werden, sagte Bogner. „Diese Angriffe verursachen unermessliches menschliches Leid und könnten Kriegsverbrechen gleichkommen.“