Die Vereinten Nationen werfen den Herstellern von Milchpulver für Babys aggressives und unethisches Marketing vor, das wirtschaftliche Interessen über die Gesundheit der Kinder stelle. Obwohl die gesundheitlichen Vorteile des Stillens weithin anerkannt seien, bekämen immer noch zu viele Säuglinge Fläschchen mit industriell gefertigter Babymilch, heißt es in einem Bericht, den die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das UN-Kinderhilfswerk Unicef am Mittwoch vorlegten.

Die Hersteller stellten damit „die Interessen ihrer Aktionäre über die der Kinder und der öffentlichen Gesundheit“, kritisierten WHO und Unicef. Die Säuglingsmilch-Industrie hat demnach ein Volumen von 55 Milliarden Dollar (48,6 Milliarden Euro). Bis zu fünf Milliarden Dollar pro Jahr steckten die Hersteller in aggressive Marketing-Strategien, um Eltern sowie Mitarbeiter von Gesundheitsdiensten von den Vorteilen ihrer Produkte zu überzeugen.

„Dieser Bericht zeigt sehr klar, dass das Marketing für Milchpulver weiterhin inakzeptabel allgegenwärtig, irreführend und aggressiv ist“, erklärte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus. Unicef-Chefin Catherine Russell forderte „robustes politisches Vorgehen, Gesetzgebungen und Investitionen in das Stillen um sicherzustellen, dass Frauen vor unethischen Marketing-Praktiken geschützt sind“. Dies umfasse das Anbieten von Stillberatung, angemessene Elternzeiten und ein Verbot für Babymilch-Hersteller, Gesundheitspersonal zu sponsern.

Studien: Mit dem Stillen sinkt das Krebsrisiko für Frauen

Schon seit langem heben Experten die gesundheitlichen Vorteile des Stillens hervor. Kinder, die in ihrer ersten Lebensphase gestillt wurden, sind demnach im Schnitt gesünder, schneiden besser in Intelligenztests ab und haben ein geringeres Risiko für Übergewicht oder Diabetes. Überdies haben Frauen, die die Brust gegeben haben, Studien zufolge ein geringeres Risiko für Brust- und Eierstockkrebs. Die WHO empfiehlt daher, Babys bis zu einem Alter von sechs Monaten voll zu stillen.

Dem Bericht zufolge ist dies tatsächlich aber nur bei 44 Prozent der Babys unter sechs Monaten der Fall. Die weltweite Stillquote habe in den vergangenen zwei Jahrzehnten zwar leicht zugenommen, der Verkauf von Fertigmilch für Babys habe sich im gleichen Zeitraum aber mehr als verdoppelt.

Für den UN-Bericht wurden in acht Ländern in verschiedenen Weltregionen 8500 Eltern und schwangere Frauen sowie 300 Mitarbeiter von Gesundheitsdiensten befragt. Mehr als die Hälfte der Eltern und Schwangeren gaben an, Werbung für industrielle Babymilch bekommen zu haben. In Großbritannien lag dieser Prozentsatz bei 84 Prozent, in China sogar bei 97 Prozent.

UNO-Vorwurf: Babymilch-Industrie nutzt die Sorge der Eltern

Um ihre Produkte zu verkaufen, nutze die Babymilch-Industrie die Sorgen und Nöte junger Eltern aus, sagte der federführend an dem Bericht beteiligte WHO-Abteilungschef für die Gesundheit von Müttern, Neugeborenen, Kindern und Jugendlichen, Nigel Rollins, der Nachrichtenagentur AFP. „Kinder oder Babys, die weinen und nicht schlafen, machen Eltern große Sorgen und die Industrie nutzt diese Momente um zu sagen: ‚Unser Produkt ist die Lösung für Euer Problem‘.“

Die Werbebotschaften werden dem Bericht zufolge mit kostenlosen Warenproben, Werbegeschenken, Forschungsstipendien und gesponserten Fachkonferenzen verbreitet. Ein Drittel der befragten Frauen gab an, sie hätten von Mitarbeitern der Gesundheitsdienste eine bestimmte Babymilch-Marke empfohlen bekommen.

Rollins hob hervor, das Ziel der Vereinten Nationen sei nicht, industrielle Babymilch komplett aus den Regalen der Geschäfte zu verbannen, denn Stillen komme nicht in allen Fällen in Frage. Es müsse aber mehr getan werden, damit die Vermarktung von Fertig-Babymilch die Förderung des Stillens nicht behindere.

In dem Bericht wurde keine Hersteller namentlich genannt. Der größte Babymilch-Hersteller Nestlé versicherte jedoch in einer Stellungnahme gegenüber AFP, dass er sich in hohem Maße an die Vorgaben der WHO halte. So stelle er Ende des Jahres Werbung für Babymilch für Säuglinge von null bis sechs Monaten freiwillig ein.