Sabotage an Nord-Stream-Pipelines: Gasleck wohl doch nicht behoben

+++ Aus Nord Stream 2 tritt doch wieder Gas aus +++ Bundesjustizminister  Buschmann: „Wir werden die Verantwortlichen jagen“+++ Kreml macht USA verantwortlich +++ Alle Infos im Newsblog +++

29. September: Ein Foto des dänischen Militärs zeigt Blasen und Strudel auf der Wasseroberfläche über einem Gasleck in der Ostsee.
29. September: Ein Foto des dänischen Militärs zeigt Blasen und Strudel auf der Wasseroberfläche über einem Gasleck in der Ostsee.AP/Armed Forces of Denmark
Das Wichtigste zu den Lecks in Nord Stream 1 und Nord Stream 2:
  • In den beiden Gasleitungen von Russland nach Deutschland wurden insgesamt vier Lecks entdeckt.
  • Russland blockiert Resolution im UN-Sicherheitsrat.
  • Bis zu 300.000 Tonnen Gas könnten entweichen, der Schaden für Umwelt und Tiere könnte immens sein.
  • Die Ursache wurde noch nicht festgestellt.
  • Offenbar wurden hochwirksame Sprengsätze eingesetzt.
  • Die EU ist von einem Sabotageakt überzeugt und hat mit Gegenmaßnahmen gedroht.
  • Behörden wiesen darauf hin, dass die Vorfälle keine Auswirkung auf die Gasversorgung hätten.

Montag, 3. Oktober

Nord Stream 2: Erneut Austritt von Gas entdeckt

Der Austritt von Gas an den beschädigten Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee ist anders als erwartet noch nicht vollständig versiegt. Wie die schwedische Küstenwache am Montag mitteilte, hat sich bei dem kleineren Leck an Nord Stream 2 die Fläche, an der Gas aus dem Wasser emporsteigt, sogar verdoppelt. Aktuell trete auf einer Fläche von etwa 30 Metern Gas aus.

Am Wochenende hatte die Küstenwache noch einen Durchmesser von 15 Metern vermeldet. Die zunächst größere Austrittsstelle an der Nord-Stream-1-Pipeline sei – wie bereits am Sonntag von dänischen Behörden mitgeteilt – nicht mehr an der Wasseroberfläche zu erkennen.

Sonntag, 2. Oktober

Justizminister Buschmann: „Wir werden die Verantwortlichen jagen“

Bundesjustizminister Marco Buschmann sprach im Interview mit der Bild am Sonntag im Zusammenhang mit dem mutmaßlichen Anschlag auf Nordstream 1 und 2  von „verfassungsfeindlicher Sabotage mit Auswirkungen auf Deutschland“. Auch der Straftatbestand des Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion komme infrage, so Buschmann. 

Die Bundesregierung wolle „die Verantwortlichen jagen – mit allen Instrumenten, die unserem Rechtsstaat zur Verfügung stehen“.  Was den Tätern drohe, formulierte Buschmann wie folgt: „Auf ‚verfassungsfeindliche Sabotage‘ steht laut Strafgesetzbuch eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder eine Geldstrafe.“

Noch sei man allerdings nicht so weit. Im Moment gehe es erst einmal darum, Informationen zu sammeln und sich mit den EU-Partnern auszutauschen. Ziel sei es, der Täter habhaft zu werden und sie in Deutschland vor Gericht zu stellen. 

Dänische Energieagentur: Kein Gas-Austritt mehr an Nord Stream 2

Den dänischen Behörden zufolge soll aus dem Leck an der geborstenen Pipeline Nord Stream 2 kein Gas mehr austreten.

Die dänische Energieagentur teilte auf Twitter mit, dass sich der Druck in der Erdgasleitung, die von Russland nach Deutschland verläuft, stabilisiert habe. Daraus lasse sich schließen, dass kein Gas mehr austrete. Wie es um die ebenfalls beschädigte Erdgasleitung Nord Stream 1 steht, war nicht bekannt.

Samstag, 1. Oktober

Deutschland will Ermittlungsgruppe zu Nord-Stream-Lecks gründen

Nach den Explosionen an den Gas-Pipelines Nord Stream 1 und 2 in der Ostsee will Deutschland Dänemark und Schweden bei den Ermittlungen unterstützen. Innenministerin Nancy Faeser (SPD) kündigte eine gemeinsame Ermittlungsgruppe an. „Alle Hinweise sprechen für Sabotageakte an den Nord-Stream-Pipelines“, sagte sie der Bild am Sonntag. Deutschland arbeite mit Dänemark und Schweden sehr eng zusammen, um die Hintergründe aufzuklären. „Wir wollen jetzt ein Joint Investigation Team bilden – eine gemeinsame Ermittlungsgruppe nach EU-Recht, in die alle drei Staaten Ermittler entsenden.“

Hier sollten Experten von Marine, Polizei und Nachrichtendiensten zusammenarbeiten. Faeser kündigte zudem See-Kontrollen mit den Nachbarländern Polen, Dänemark und Schweden an. „Wir patrouillieren eng miteinander abgestimmt auf See. Wir zeigen die maximal mögliche Präsenz“, sagte sie. Dafür würden alle verfügbaren Schiffe der Bundespolizei eingesetzt. Ähnlich äußerte sie sich in der „Süddeutschen Zeitung“.

Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) sagte in den ARD-„Tagesthemen“, man werde in der Ermittlungsgruppe nicht nur darüber sprechen aufzuklären. Dies sei wichtig. Es gehe aber auch darum, „welchen Schutz können wir bieten und wie können wir uns auch mit der deutschen Marine einbringen“. Dazu werde die Bundesregierung Vorschläge machen. Dabei rede man aber über „sehr, sehr lange Strecken“.

Nötig sei Unterstützung von vielen, ergänzte Lambrecht. Darum werde die Bundesregierung werben. Deutschland sei bereits heute in der Ostsee sehr wachsam und auch mit der Marine unterwegs. „Deswegen können wir auch beitragen über unsere Erkennung, über unsere Informationen, welche Bewegungen es in diesem Bereich gegeben hat.“

Wasserdruck hat die defekte Rohrleitung mehr oder weniger verschlossen

Aus der beschädigten Gaspipeline Nord Stream 2 tritt kein Gas mehr aus. Der Druck in der Gasleitung in der Ostsee sei mittlerweile auf das gleiche Niveau wie der Wasserdruck gefallen, sagte Ulrich Lissek, Sprecher der Betreiberfirma, am Samstag der Nachrichtenagentur AFP. „Der Wasserdruck hat also die Rohrleitung mehr oder weniger verschlossen, sodass das Gas im Inneren nicht entweichen kann.“

800 Millionen Kubikmeter Gas aus Lecks ausgeströmt

Im Zuge der mutmaßlichen Sabotage an den Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee ist inzwischen so viel Gas ausgetreten, wie in drei Monaten nach Dänemark geliefert wird. Das berichtet der NDR unter Berufung auf den russischen Betreiber-Mutterkonzern Gazprom. Dabei handelt es sich wohl um 800 Millionen Kubikmeter Gas. Die Vereinten Nationen sprechen von der wohl größten jemals registrierten Einzelfreisetzung von Methan.

Gas von Westen statt Osten: Netzbetreiber Gascade baut in Lubmin um

Am Pipeline-Knotenpunkt im vorpommerschen Lubmin wird angesichts fehlender Gaslieferungen aus Russland umgebaut. Der Netzbetreiber Gascade arbeitet dort an der Verrohrung einer Empfangsstation. Sei das Gas in der Vergangenheit vornehmlich aus dem Osten gekommen, komme es jetzt aus dem Westen und werde weiter nach Süden geleitet, teilte eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage mit. Dabei könne es sich zum Beispiel um Gas aus den Niederlanden oder Norwegen handeln.

„Die Maßnahme wird vor dem Hintergrund durchgeführt, dass wir für den kommenden Winter gut aufgestellt sein wollen, um alle möglichen Konstellationen zu bedienen.“ Es gehe um mehr Flexibilität auf der Station für die Flüsse zwischen den Pipeline-Verbindungen.

Von Lubmin aus verlaufen die Pipelines NEL nach Westen sowie Opal und Eugal nach Süden. Außerdem enden hier die beiden aus Russland kommenden Ostsee-Pipelines Nord Stream 1 und 2. Von den insgesamt vier Leitungen war nach letztem Stand nur noch eine Leitung von Nord Stream 2 intakt.

Landesinnenminister Pistorius: neue Sicherheitslage nach Gaslecks

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius stellt sich nach den mutmaßlichen Anschlägen auf die Gaspipelines in der Ostsee auf eine verstärkte Gefährdungslage ein. „Wir müssen uns auf Szenarien einstellen, bei denen wir es mit neuen Akteuren, möglicherweise aber auch mit neuen Zielen zu tun bekommen. Es geht nicht nur um Gaspipelines in der Ostsee, sondern auch um Erdgasspeicher oder neue Flüssiggasterminals, die aktuell in Niedersachsen und Schleswig-Holstein realisiert werden“, sagte der SPD-Politiker der Süddeutschen Zeitung.

Dort würden etwa schon Sicherheitsmaßnahmen verstärkt. „Wir sind auf jede mögliche Lage vorbereitet, immer auf aktuellem Stand, immer mit entsprechendem Kräfteansatz. Es gibt zwar aktuell keine Hinweise auf konkrete sogenannte schädigende Szenarien“, betonte er. Die Gefährdungslage werde aber weiter als abstrakt hoch eingeschätzt.

Olaf Scholz sagt Unterstützung bei Aufklärung von Gaspipeline-Lecks zu

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat Dänemark und Schweden Unterstützung bei den Untersuchungen zu den Lecks an den Nord-Stream-Pipelines zugesagt. Das teilte Regierungssprecher Steffen Hebestreit am Freitagabend nach Videokonferenzen des Kanzlers mit Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sowie mit den Regierungschefinnen und -chefs von Dänemark, Schweden und Norwegen zu den Schäden an den Erdgas-Pipelines mit.

„Alle gegenwärtig vorliegenden Informationen weisen auf einen vorsätzlichen Sabotageakt an den Pipelines hin“, erklärte Hebestreit. Deutschland werde gemeinsam mit seinen Partnern und Verbündeten in Nato und EU zudem „die Vorsorge und den Schutz vor Sabotage für kritische Infrastruktur verstärken“.

Norwegen habe die Unterstützung Frankreichs, Deutschlands und Großbritanniens angenommen, sagte Norwegens Regierungschef Jonas Gahr Störe. „Wir sind in Gesprächen mit unseren Verbündeten, um die (militärische) Präsenz im norwegischen Sektor zu erhöhen“, sagte Störe.

Es gebe derzeit keine Hinweise darauf, dass Norwegens Ölanlagen direkt bedroht seien. Er könne aber die Sorge angesichts der jüngsten Vorfälle in der Ostsee verstehen, sagte Störe. Norwegen ist seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine zum wichtigsten Gaslieferanten Europas geworden.

Nancy Faeser: „Wir schützen uns“

Nach Angaben von Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) zeigt die Bundespolizei angesichts der Bedrohungslage derzeit „mit allen verfügbaren Kräften“ Präsenz auf See. „Wir nehmen die aktuellen Bedrohungslagen ernst – und schützen uns“, sagte sie der Süddeutschen Zeitung.

Die Bundespolizei verfüge über „spezialisierte Fähigkeiten zur Intervention in konkreten Gefahrenlagen“, hob Faeser hervor. Dafür stünden moderne Polizeihubschrauber, neue Schiffe und maritime Fähigkeiten von Spezialkräften zur Verfügung. Auch im Bereich der Cybersicherheit seien in jüngster Zeit „Kräfte gebündelt und Schutzmaßnahmen hochgefahren“ worden.

Freitag, 30. September

Nord Stream 1 und 2: Gazprom plant Reparatur, weiß aber noch nicht, wie

Für die Reparatur der Lecks an den Erdgas-Pipelines Nord Stream 1 und 2 gibt es nach Angaben des russischen staatlichen Gaskonzerns Gazprom derzeit noch keinen absehbaren Zeitplan. Der Konzern habe damit begonnen, nach „möglichen Lösungen zu suchen, um das System wieder funktionsfähig zu machen“, sagte Sprecher Sergej Kuprijanow. Die Dauer dieser Reparatur könne derzeit aber noch nicht abgeschätzt werden. Die Aufgabe sei aus technischer Hinsicht „sehr überwältigend“. Solche Lecks habe es zuvor nie gegeben.

Resolution zur Verurteilung der Annexion scheitert im UN-Sicherheitsrat

Mit einem Veto hat Russland im UN-Sicherheitsrat eine Resolution zur Verurteilung seiner Annexion von vier ukrainischen Regionen verhindert. Russland stimmte am Freitag in New York als einziges der 15 Ratsmitglieder gegen den Entwurf, der die vorausgegangenen „Referenden“ in der Ukraine für einen Anschluss an Moskau als „illegal“ einstuft. Zehn Sicherheitsratsmitglieder stimmten für den von den USA und Albanien vorgelegten Text. Vier Staaten – China, Indien, Brasilien und Gabun – enthielten sich.

Die Resolution war im Sicherheitsrat von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen. Als eines von fünf ständigen Mitgliedern des mächtigsten Gremiums der Vereinten Nationen hat Russland ein Vetorecht und kann damit jede Resolution blockieren.

Biden über Putin: „Wir wissen, dass das, was er sagt, nicht wahr ist“

US-Präsident Joe Biden hat die Lecks an den Erdgas-Pipelines Nord Stream 1 und 2 als Folge von Sabotage bezeichnet und Untersuchungen an den beschädigten Leitungen angekündigt. Zum gegebenen Zeitpunkt „werden wir Taucher runterschicken, um herauszufinden, was passiert ist“, sagte Biden am Freitag in Washington. „Es war ein Akt vorsätzlicher Sabotage“, betonte er zugleich.

Nach Einschätzung Schwedens und Dänemarks hatten mindestens zwei Explosionen mit der Wucht einer wohl mehrere Hundert Kilogramm kräftigen Sprengladung die Lecks an den Ostsee-Gaspipelines verursacht. Biden warf Russland vor, jetzt „Falschinformationen und Lügen“ zu den Schäden zu verbreiten. Kremlchef Wladimir Putin hatte zuvor den Westen für die Lecks verantwortlich gemacht. Biden rief auf, nicht auf Putin zu hören: „Wir wissen, dass das, was er sagt, nicht wahr ist.“

UN-Sicherheitsrat tagt ab 21 Uhr

Um 21 Uhr tagt der UN-Sicherheitsrat auf Antrag Russlands: Bei der Sitzung sollte es zunächst auf Bitten Russlands eine Debatte über die Lecks geben. Anschließend sollte über eine Resolution debattiert werden, in der die russische Annexion von ukrainischen Gebieten als Völkerrechtsbruch verurteilt und Russland zum sofortigen militärischen Rückzug aufgefordert wird. Es wird aber erwartet, dass Russland sein Veto dagegen einlegen wird.

Die russische Führung versuchte, die USA als Hauptverdächtigen im Fall der beschädigten Pipelines darzustellen. Es sei „offensichtlich, dass der Hauptnutznießer, vor allem wirtschaftlich, die USA sind“, sagte der Sekretär des nationalen Sicherheitsrats in Russland, Nikolai Patruschew, der Nachrichtenagentur Interfax zufolge.

Dänemark und Schweden gehen von zwei schweren Explosionen aus

Mindestens zwei vorsätzliche Explosionen mit der Wucht einer wohl mehrere Hundert Kilogramm kräftigen Sprengladung sind nach Ansicht Dänemarks und Schwedens für die Lecks an den Gaspipelines in der Ostsee verantwortlich. Das geht aus einem Schreiben der beiden skandinavischen Länder zu den Lecks an den Gas-Röhren Nord Stream 1 und 2 hervor, das als Grundlage einer für Freitag angesetzten Dringlichkeitsdebatte im UN-Sicherheitsrat (ab 21 Uhr MESZ) dienen sollte.

Seismologische Institute hätten eine Stärke von 2,3 und 2,1 gemessen, was „vermutlich einer Sprengladung von mehreren Hundert Kilogramm“ entspreche, hieß es in dem auf Donnerstag datierten Brief.

Nach bisherigem Stand gibt es an beiden Leitungen von Nord Stream 1 je ein bekanntes Leck und zwei an einer der Nord-Stream-2-Leitungen. Oberhalb der Lecks sprudelt seit Tagen ununterbrochen Gas an die Wasseroberfläche. Die Nato und die EU gehen von Sabotage aus.

Robert Habeck: „Die einzige Wahrheit, die aus Russland kommt, ist die Lüge“

Vizekanzler Robert Habeck glaubt russischen Aussagen zu den Lecks der Gas-Pipelines Nord Stream 1 und 2 nicht. „Die einzige Wahrheit, die aus Russland kommt, ist die Lüge“, sagte der Grünen-Politiker am Freitag in Brüssel auf die Frage, ob er Russland glaube, dass das Land nicht in eine mögliche Sabotage der Pipelines involviert sei. Die Wahrheit habe Russland verlassen. Der Kreml hatte Vorwürfe unter anderem der Ukraine als „absurd“ bezeichnet, das Russland seine eigene Infrastruktur zerstöre, um die Energiekrise in Europa zu verschärfen.

„Ich weiß nicht, wer die Explosionen durchgeführt hat. Aber zu sagen: ‚Wir waren es nicht‘ – das ist keine Antwort, der ich traue“, betonte Habeck. Es liefen derzeit Ermittlungen. Diese sollte man abwarten, bevor man zu einem Urteil komme, sagte er.

Seit der Nacht zum Montag wurden insgesamt vier Lecks an den Pipelines Nord Stream 1 und 2 festgestellt. Viele Staaten gehen von Sabotage aus. Mindestens zwei Explosionen seien unter Wasser geschehen, teilten Dänemark und Schweden in einem auf Donnerstag datierten Schreiben mit. Seismologische Institute hätten eine Stärke von 2,3 und 2,1 gemessen, was „vermutlich einer Sprengladung von mehreren Hundert Kilogramm“ entspreche.

Bericht an UN: Sprengkraft wie „Hunderte Kilo“ TNT

Die vier Lecks an den Gas-Pipelines Nord Stream 1 und 2 sind einem dänisch-schwedischen Bericht zufolge von Explosionen mit einer Sprengkraft wie „Hunderte Kilo“ Sprengstoff verursacht worden. Die Wucht der Explosionen sei mit 2,3 und 2,1 auf der Richterskala beziffert worden, heißt es in dem am Freitag an den UN-Sicherheitsrat übermittelten offiziellen Bericht. Der Rat berät am Freitag auf Antrag Russlands über die Nord-Stream-Lecks.

DIW-Energieexpertin Kemfert sieht „fossilen Energiekrieg“

Die Energieexpertin Claudia Kemfert hat nach den Schäden an den Gas-Pipelines Nord Stream 1 und 2 vor weiteren Anschlägen auf die Energieversorgung in Europa gewarnt. „Wir sind in einem fossilen Energiekrieg. Die Mittel, die da jetzt gewählt werden, sind drastisch“, sagte Kemfert dem Fernsehsender Phoenix. Dass es jetzt Sabotage-Akte gebe und die Energieversorgung in Gefahr geraten könne, entspreche dem Drehbuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Man müsse damit rechnen, dass es Anschläge auf alle möglichen Bereiche der Energieversorgung gebe, so die Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Konkret nannte sie die Gefahr von Cyber-Angriffen auf Atomkraftwerke.

Kapitän zur See: „Die militärische Aufmerksamkeit wird erhöht“

Die Nato ist schon seit Beginn des Ukraine-Krieges verstärkt in der Ostsee im Einsatz. Dies bestätigte Fregattenkapitän Dennis Keßler vom Presse- und Informationszentrum der Marine gegenüber den Lübecker Nachrichten vom Freitag. Laut Vizeadmiral Jan Christian Kaack, dem Inspekteur der Deutschen Marine, wird derzeit überprüft, „wie man die vorhandenen Systeme verbessern und optimieren kann auf die aktuelle Bedrohung“. „Auch unter Wasser hat Russland erhebliche Kapazitäten aufgebaut“, erklärte Kaack bereits einige Tage zuvor.

Marine-Kapitän Michael Giss, Chef des Bundeswehr-Landeskommandos Hamburg, sprach von einer „hybriden Bedrohung“. Die Bundeswehr stelle sich darauf „auch in anderen Dimensionen hier in Deutschland“ ein, so Giss gegenüber den Lübecker Nachrichten. Die militärische Aufmerksamkeit werde erhöht. Auch die Bundespolizei See sei im Einsatz, ließ ein Sprecher der Bundespolizeidirektion in Bad Bramstedt wissen. Details sind jedoch nicht bekannt.

Küstenwache: Austritt über einem Nord-Stream-Leck nun kleiner

Die schwedische Küstenwache hat eine Veränderung bei einem der vier Lecks an den Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee beobachtet. Der Gas-Austritt oberhalb des kleineren der beiden Lecks in der Ausschließlichen Wirtschaftszone Schwedens – dem über Nord Stream 2 – habe an Umfang abgenommen, gehe aber nach wie vor weiter, schrieb die Behörde am Donnerstagabend in einem Update zu den Vorfällen. Dies habe die Küstenwache aus der Luft beobachtet.

Außerdem wies die Behörde darauf hin, dass Schiffe in den Gebieten nun einen Sicherheitsabstand von sieben Seemeilen (knapp 13 Kilometer) statt wie bisher fünf Seemeilen halten sollten. Dies stand so auch in den Navigationshinweisen der schwedischen Schifffahrtsbehörde für Handelsschiffe in der Region.

Moskau verdächtigt Washington der Anschläge auf Pipeline Nord Stream

Die russische Führung hat eine Aufklärung der mutmaßlichen Sabotage an der Ostseepipeline Nord Stream gefordert und die USA als Hauptverdächtigen dargestellt. „Es ist aber offensichtlich, dass der Hauptnutznießer (der Pipeline-Explosionen), vor allem wirtschaftlich, die USA sind“, sagte der Sekretär des nationalen Sicherheitsrates, Nikolai Patruschew, der Nachrichtenagentur Interfax zufolge am Freitag auf einer Sitzung mit den Geheimdienstchefs der GUS-Staaten.

Erste Aufnahmen der Gaslecks aus dem All

Satellitenanalysen haben die ersten Bilder der massiven Methanausstöße enthüllt, die durch die mutmaßlichen Explosionen an den Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee ausgelöst wurden. Das International Methane Emissions Observatory der Vereinten Nationen teilte auf Twitter mit, dass es entsprechende Analysen mit Forschern der Universitat Politècnica de Valencia durchgeführt habe. Die Größe der Nord-Stream-Gaslecks haben die Forscher noch nicht berechnet. Sie erklärten in einem Tweet, dass der Sichtradius von blubberndem Gas von 700 Metern Breite am 26. September auf 520 Meter Breite am 29. September geschrumpft sei.

Nord-Stream-Betreiber: Warten auf Genehmigungen

Die Nord Stream AG, der Betreiber der von Russland geführten Gaspipeline Nord Stream 1, teilte am Donnerstag mit, sie beabsichtige, mit der Bewertung der Schäden an der Pipeline zu beginnen, sobald sie die erforderlichen behördlichen Genehmigungen erhält. Dies berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Demnach wird der Zugang zum Schadensbereich erst gestattet, nachdem sich der Druck in der Gasleitung stabilisiert hat.

UN-Sicherheitsrat befasst sich mit Lecks an Nord-Stream-Pipelines

Der UN-Sicherheitsrat in New York befasst sich am Freitag (15 Uhr Ortszeit; 21 Uhr MESZ) mit den Lecks an den Nord-Stream-Gaspipelines in der Ostsee. Die Sitzung des mächtigsten Gremiums der Vereinten Nationen wurde von Russland beantragt.

Donnerstag, 29. September

Wladimir Putin: „Akt des internationalen Terrorismus“

Der russische Präsident Wladimir Putin hat die Lecks an den Ostsee-Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 als einen „Akt des internationalen Terrorismus“ bezeichnet. Nach Kremlangaben sprach Putin am Donnerstag bei einem Telefonat mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan von einer „beispiellosen Sabotage“ gegen die Gasleitungen von Russland nach Deutschland. Russland habe dazu für diesen Freitag eine Dringlichkeitsdebatte im UN-Sicherheitsrat beantragt, sagte Putin demnach.

Die russische Generalstaatsanwaltschaft hatte wegen der mutmaßlichen Sabotage an den Pipelines am Mittwoch ein Verfahren wegen internationalen Terrorismus eingeleitet. Auch Kremlsprecher Dmitri Peskow sprach bereits von einem „Terrorakt“ – Putin selbst hatte sich bislang aber noch nicht so klar geäußert.

Russische Marineschiffe am Ort der Explosion gesichtet

Europäische Sicherheitsbeamte haben am Montag und Dienstag zwei russische Marineschiffe in der Nähe der Lecks an den Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee gesichtet. Das berichtet CNN unter Berufung auf westliche Geheimdienstmitarbeiter. Auch russische U-Boote sollen in der vergangenen Woche in dem Gebet unterwegs gewesen sein.

Finnland und Schweden erhöhen Sicherheit

Finnland und Schweden wollen nach den mutmaßlichen Sabotageakten an den Nord-Stream-Gaspipelines in der Ostsee die Sicherheit rund um wichtige Infrastruktur verstärken. Dies gelte insbesondere für das Stromnetz und die Balticconnector-Gas-Pipeline, sagte die finnische Finanzministerin Annika Saarikko am Donnerstag. Es gebe derzeit keine Berichte über „spezifische Drohungen“ gegen Finnland, fügte die Ministerin hinzu. „Aber diese sehr außergewöhnlichen und schwerwiegenden Sabotageakte geben uns Anlass, unsere eigenen Vorkehrungen zu verstärken.“

In den beiden wichtigsten Atomkraftwerken Schwedens in Forsmark und Ringhals gilt künftig nach Betreiberangaben „erhöhte Wachsamkeit“. Eine Sprecherin des dritten Kernkraftwerks in Oskarshamn erklärte, das Unternehmen äußere sich grundsätzlich nicht zu seinen Sicherheitsvorkehrungen.

Mehrere Länder haben nach den Vorfällen in der Ostsee angekündigt, die Sicherheitsmaßnahmen rund um Energie- oder andere wichtige Infrastruktur zu verstärken, darunter auch Deutschland. An den von Russland nach Deutschland führenden Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 waren in den vergangenen Tagen auf schwedischem und dänischem Gebiet mehrere Lecks festgestellt worden.

Hochwirksame Sprengsätze eingesetzt

Nach Überzeugung der deutschen Sicherheitsbehörden waren für die Unterbrechung der Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee hochwirksame Sprengsätze nötig. Laut einem Spiegel-Bericht berechnete man, dass für die Zerstörung der Röhren jeweils Sprengsätze eingesetzt worden sein müssen, deren Wirkung mit der von 500 Kilogramm TNT vergleichbar ist.

Schaden wird am Wochenende begutachtet

Weitere Informationen erhofft sich die Bundesregierung von einer genaueren Untersuchung der Pipelines Nord Stream 1 und 2, die nordöstlich und südöstlich von der Ostseeinsel Bornholm unterbrochen sind. In Sicherheitskreisen hieß es, dass Taucher oder ein ferngesteuerter Roboter möglicherweise schon am Wochenende die Schäden begutachten könnten.

Lecks in Nord-Stream-Pipelines: So hoch ist der Schaden für die Tiere

Laut der Meeresschutzexpertin der Umweltorganisation BUND, Nadja Ziebarth, werden die Auswirkungen der Gaslecks auf das marine Ökosystem „wahrscheinlich lokal begrenzt“ bleiben. Akut bestehe für die Tiere in der Umgebung allerdings die Gefahr zu ersticken. Davon könnten in schwedischen Gewässern insbesondere die Laichgebiete des Dorschs betroffen sein. Außerdem schloss Ziebarth nicht aus, dass in dem austretenden Gasgemisch weitere schädliche Substanzen enthalten sind, die örtliche Umweltschäden anrichten könnten.

Lecks in Nord-Stream-Pipelines: So groß ist der Schaden für das Klima

Das UBA erklärte am Mittwoch, die Lecks an den Nord-Stream-Leitungen führten zu „erheblichem Klimaschaden“, da wegen fehlender Abschottungsmechanismen an den Pipelines das gesamte darin enthaltene Methan in die Atmosphäre gelangen werde. Die DUH warnte, durch die Lecks sei bereits „unermesslicher Schaden“ für das Klima entstanden.

Auch der Klimaforscher Piers Forster von der Universität Leeds sieht einen „unmittelbaren erwärmenden Effekt“ und Auswirkungen auf die Luftqualität. Im globalen Vergleich ist der Effekt laut dem US-Astrobiologen Jeffrey Kargel aber gering. Die durch die Pipeline-Lecks freigesetzten Emissionen entsprächen gerade einmal der Emissionsmenge, die weltweit innerhalb von nur zweieinhalb Stunden ausgestoßen werde.

Kargel sieht in den Nord-Stream-Lecks jedoch eine weitere Mahnung zur Abkehr von klimaschädlichen Energieträgern. Auch der WWF-Experte Viehberg hob hervor, die Nord-Stream-Lecks zeigten „einmal mehr die Fragilität und die Sicherheitsrisiken fossiler Energiesysteme“.

Nord Stream 1 und Nord Stream 2: Über 200.000 Tonnen Erdgas entweichen durch vier Lecks

Umweltschützer warnen, dass durch die Gaslecks ein nachhaltiger Schaden für die Umwelt entsteht. Erdgas besteht bis zu 99 Prozent aus Methan, einem wirkmächtigen Treibhausgas. In einem Zeitraum von 100 Jahren ist die erderwärmende Wirkung von Methangas 28-mal größer als die von Kohlendioxid. Allerdings dauert die Zersetzung von Methan in der Atmosphäre nur etwa zehn Jahre, während CO2 mehrere Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte in der Atmosphäre bleibt. 

Bei Kontakt mit Wasser oxidiert ein Teil des Methans aus den Nord-Stream-Pipelines, so dass CO2 entsteht, wie der Atmosphärenphysiker Grant Allen von der Universität Manchester erläutert. Angesichts des Ausmaßes der Lecks werde aber der größte Teil des Erdgas in Form von Methan an die Oberfläche der Ostsee steigen.

Klimaexperte Lauri Myllvirta befürchtet, dass zwischen 180.000 und 270.000 Tonnen Erdgas durch die Lecks entweichen werden. Das Umweltbundesamt (UBA) schätzte die reinen Methanemissionen am Mittwoch, also vor der Entdeckung des vierten Lecks, auf 300.000 Tonnen, die Deutsche Umwelthilfe (DUH) nannte 350.000 Tonnen.

Küstenwache: Gaslecks in der Ostsee teils dicht beieinander

Drei der vier Lecks an den Nord-Stream-Gasleitungen in der Ostsee befinden sich in wenigen Kilometern Abstand zueinander. Die beiden Austrittspunkte in der Ausschließlichen Wirtschaftszone Schwedens liegen nur eine Seemeile voneinander entfernt, was knapp 1,8 Kilometern entspricht, wie die schwedische Küstenwache am Donnerstag mitteilte. Der kleinere davon und einer der beiden in der dänischen Zone hätten einen Abstand von 2,6 Seemeilen (rund 4,6 Kilometern) zueinander.

Die Küstenwache stellte Aufnahmen online, die die unruhige Wasseroberfläche oberhalb der Lecks auf schwedischer Seite zeigen. Der größere Austrittspunkt befindet sich den Angaben zufolge oberhalb von Nord Stream 1, der kleinere bei Nord Stream 2. Der Gasaustritt, der an der Oberfläche zu sehen ist, sei insgesamt konstant, berichte die Besatzung an Bord des Küstenwachenschiffs „KBV 003 Amfitrite“, schrieb die Behörde.

Nato: Alles deutet auf Sabotage der Nord-Stream-Pipelines hin

Die Lecks in den Gas-Pipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 sind nach Überzeugung der Nato wohl auf Sabotage zurückzuführen. „Alle derzeit verfügbaren Informationen deuten darauf hin, dass dies das Ergebnis vorsätzlicher, rücksichtsloser und unverantwortlicher Sabotageakte ist“, hieß es in einem Statement des Nordatlantikrats der 30 Mitgliedstaaten vom Donnerstag. Ein möglicher Verantwortlicher wird in dem Statement nicht genannt. Bereits am Vortag hatte auch Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg – ebenfalls ohne Schuldzuweisung – von Sabotage gesprochen.

Zugleich machen die Nato-Länder deutlich, dass „jeder vorsätzliche Angriff auf die kritische Infrastruktur der Bündnispartner“ mit einer „gemeinsamen und entschlossenen Reaktion beantwortet werden“ würde. Man habe sich dazu verpflichtet, sich auf den „Einsatz von Energie und anderer hybrider Taktiken durch staatliche und nicht-staatliche Akteure“ vorzubereiten, sie abzuschrecken und abzuwehren.

Die Beschädigung der beiden Pipelines Nordstream gebe Anlass zu großer Sorge. Die Lecks gefährdeten die Schifffahrt und verursachten erhebliche Umweltschäden. „Wir unterstützen die laufenden Ermittlungen zur Klärung der Schadensursache.“

IOW: Klimaeinfluss von Nord-Stream-Lecks eher gering

Der Einfluss der Lecks in den Nord-Stream-Gaspipelines auf den Klimawandel ist laut dem Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) vergleichsweise gering. „Das Klimageschehen wird dadurch nicht verändert“, sagte IOW-Forscher Oliver Schmale am Mittwoch in Rostock. Nichtsdestotrotz entspreche die Gesamtmenge von 500 Millionen Kubikmetern Erdgas, die nach Annahmen verschiedener Medien aus den Leitungen entweichen kann, rund 18 Prozent des Jahresausstoßes an Methan in Deutschland im Jahr 2021. Im globalen Vergleich sind es Schmale zufolge jedoch lediglich 0,06 Prozent. Das aus der Pipeline entweichende Erdgas besteht den Angaben nach zu rund 97 Prozent aus Methan.

Der Wissenschaftler will den Schaden, der vom Treibhausgas Methan ausgelöst wird, jedoch nicht kleinreden. Der Treibhausgaseffekt sei bei Methan rund 25-mal stärker als bei CO2. Durch die Anreicherung der Gase in der Atmosphäre wird von der Erde abgestrahlte Energie – die eigentlich ins All entweichen würde – wieder zurückgeworfen. Rein wissenschaftlich betrachtet würde es Schmale zufolge also Sinn machen, das entweichende Erdgas über der Wasseroberfläche zu entzünden und damit seine Umwandlung zu CO2 auszulösen. Ob dies in der Praxis gangbar ist, könne er jedoch nicht einschätzen.

Dänischer Außenminister: „Es handelt sich um einen beispiellosen Angriff“

Der dänische Außenminister Jeppe Kofod hat erklärt, dass die Lecks in den Nord Stream-Pipelines durch „absichtliche“ Explosionen verursacht wurden und dass es sich um einen „beispiellosen“ Angriff handelte.

Der Minister erklärte, dass die dänischen Behörden eng mit ihren Nachbarländern, der Nato und der EU zusammenarbeiten und fügte hinzu: „Wir alle müssen auf unsere kritischen Infrastrukturen aufpassen.“

Er betonte, dass die Abhängigkeit von der russischen Energieversorgung beendet werden müsse: „Für uns in Dänemark und auch für das übrige Europa ist seit langem klar, dass wir uns von jeglicher Abhängigkeit von russischer Energie, sei es Gas, Kohle oder Öl, lösen müssen, und wir arbeiten sehr hart daran, dieses Ziel zu erreichen.“

Dänemark trage seinen Teil dazu bei, indem das Land massiv in erneuerbare Energien investiere, etwa die Offshore-Windkraft sowie in die Energieeffizienz. Diesen Kurs wolle man nicht ändern, so der Minister.

CDU-Politiker Kiesewetter fordert besseren Schutz der Infrastruktur

Der CDU-Politiker Roderich Kiesewetter hat in der Debatte um die Schäden an den Ostsee-Pipelines Nord Stream 1 und 2 einen besseren Schutz der kritischen Infrastruktur unter Wasser gefordert. „Wir müssen uns sehr intensiv um den Schutz der Infrastruktur kümmern“, sagte Kiesewetter am Donnerstag im ARD-Morgenmagazin. Dies bedeute auch neue Aufgaben für die Marine.

Beim Schutz der Infrastruktur im Meer komme es auf internationale Abkommen an, so Kiesewetter. In diesem Zusammenhang müssten auch die Kommunikationsleitungen nach Nordamerika und Skandinavien in den Fokus genommen werden. Kiesewetter ist Mitglied im Auswärtigen Ausschuss des Bundestags und im Parlamentarischen Kontrollgremium, das die Nachrichtendienste des Bundes kontrolliert.

Sicherheitsexperte vermutet Russland hinter mutmaßlichem Sabotageakt

Der Sicherheitsexperte Johannes Peters hält es für „relativ unwahrscheinlich“, dass die Schäden an den Ostsee-Pipelines Nord Stream 1 und 2 durch einen Unfall entstanden sein könnten. Vielmehr vermute er Russland hinter dem mutmaßlichen Sabotageakt. „Das wirkt vordergründig natürlich etwas widersinnig, die eigenen Pipelines zu zerstören“, sagte der Experte vom Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel am Donnerstag im ARD-„Morgenmagazin“. Es gebe aber durchaus gute Gründe dafür.

Ein Grund sei sicherlich, ein „starkes Signal“ an Europa zu senden, vor allem an Deutschland und Polen, dass man dasselbe auch mit Pipelines machen könnte, die für unsere Versorgungssicherheit deutlich wichtiger seien, etwa die Pipelines aus Norwegen: „Also seid euch mal nicht so sicher, dass ihr für den Winter gut aufgestellt seid und dass ihr in der Lage seid, unser Gas zu kompensieren.“

Ein weiterer möglicher Grund für einen möglichen russischen Sabotageakt sei, dass man im Winter „die noch intakte Nordstream-2-Röhre dazu nutzen kann, um Druck auf Deutschland zu erhöhen, wenn beispielsweise der innenpolitische Druck auf die Regierung wachsen sollte, weil die Gaspreise hoch sind, weil wir vielleicht doch nicht genügend Gas haben für den Winter.“ Dann könnte Russland anbieten, durch die intakte Leitung doch noch Gas zu liefern. Dafür müsste Deutschland aber „aus dem westlichen Sanktionsregime ausscheren.“

Schwedische Küstenwache: Viertes Leck gefunden

Die schwedische Küstenwache entdeckte Anfang dieser Woche ein viertes Gasleck an den beschädigten Pipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2, so ein Sprecher gegenüber der Zeitung Svenska Dagbladet, die von der Nachrichtenagentur Reuters zitiert wird. „Zwei dieser vier befinden sich in Schwedens ausschließlicher Wirtschaftszone“, sagte eine Sprecherin der Küstenwache, Jenny Larsson, der Zeitung am späten Mittwoch. Die anderen beiden Lecks liegen in der dänischen Wirtschaftszone.

Bericht: Schiffe der russischen Marine in der Nähe von Lecks beobachtet

Europäische Sicherheitsbeamte haben offenbar Unterstützungsschiffe der russischen Marine in der Nähe der Lecks in den Nord Stream-Pipelines beobachtet. Dies geht aus einem Bericht des Nachrichtensenders CNN hervor, der sich auf zwei westliche Geheimdienstmitarbeiter und eine andere mit der Angelegenheit vertraute Person beruft. 

Den Quellen zufolge ist unklar, ob die Schiffe etwas mit den Explosionen zu tun hatten, aber es sei Ermittlungsgegenstand. Einer der Geheimdienstmitarbeiter behauptet dem Bericht zufolge auch russische U-Boote seien vergangene Woche unweit der Lecks beobachtet worden.

EU-Innenkommissarin kündigt Belastungstests an

EU-Innenkommissarin Ylva Johansson hat die mutmaßliche Sabotage an den Ostsee-Pipelines Nord Stream 1 und 2 als Warnruf bezeichnet und einen Belastungstest für die kritische Infrastruktur in Europa angekündigt. „Wir (die EU-Kommission) werden uns jetzt an alle Mitgliedstaaten wenden und wir werden einen Belastungstest durchführen in Bezug auf die kritische Infrastruktur“, sagte die Schwedin am Mittwochabend im ZDF-„heute journal“.

Angesichts der Lecks in den Pipelines sprach sie von einem „Anschlag“, der eine „Eskalation“ und „eine Bedrohung“ sei. „Soweit ich es beurteilen kann, ist es ein sehr intelligenter Anschlag, der nicht verübt worden sein kann von einer normalen Gruppe von Menschen“, sagte die Kommissarin. Das Risiko sei groß, dass ein Staat dahinter stehe. „Wir haben natürlich einen Verdacht. Aber es ist zu früh, das abschließend zu beurteilen.“

Mittwoch, 28. September

Times: Russische Unterwasser-Drohne für Anschlag verantwortlich

Ein Angriff durch eine russische Unterwasser-Drohne könnte hinter den beschädigten Gaspipelines in der Ostsee stecken. Darüber berichtet die Times aus Großbritannien. Die Aktion sei womöglich schon vor Monaten vorbereitet worden, wird eine Quelle aus dem britischen Verteidigungsbereich zitiert.

Die Drohne könnte schon vor Monaten von einem kleinen Schiff, etwa einem Fischerboot, zu Wasser gelassen worden sein, wird die Quelle in dem Bericht zitiert. Danach habe sie womöglich Sprengsätze nahe der Pipeline fallen gelassen.

Russland leitet Ermittlungen wegen „internationalem Terrorismus“ ein

Russlands Geheimdienst FSB hat nach der Beschädigung der Nord-Stream-Pipelines Ermittlungen wegen „internationalem Terrorismus“ eingeleitet. Die russische Generalstaatsanwaltschaft teilte am Mittwoch im Onlinedienst Telegram mit, die Vorermittlungen seien eingeleitet worden, nachdem die Gaspipelines nahe der Insel Bornholm „vorsätzlich“ beschädigt worden seien, was „erheblichen wirtschaftlichen Schaden“ für Russland verursacht habe.

Dänische Behörden: Hälfte des Gases ist schon entwichen

Nach Angaben der dänischen Energiebehörde sei bereits mehr als die Hälfte des Gases aus den betroffenen Leitungen entwichen. Voraussichtlich am Sonntag sollen die Leitungen demnach leer sein, wie Behördenchef Kristoffer Böttzauw bei einer Pressekonferenz am Mittwoch sagte.

Nach Berechnungen der Behörde entspricht die Klimabelastung des Gasaustritts etwa einem Drittel der gesamten Klimabelastung Dänemarks in einem Jahr. Ein konkretes Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung – besonders auf der Ostsee-Insel Bornholm – bestehe aber nicht, hieß es.

USA nennt Andeutungen Russlands „lächerlich“

Die US-Regierung hat Andeutungen Russlands, sie könnte hinter den am Montag entdeckten Lecks an den Nord-Stream-Gaspipelines stecken, als „lächerlich“ bezeichnet. „Wir alle wissen, dass Russland eine lange Geschichte der Verbreitung von Falschinformationen hat, und es tut es hier jetzt wieder“, sagte die Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrates des Weißen Hauses, Adrienne Watson, am Mittwoch.

Zuvor hatte die Sprecherin des russischen Außenministeriums angedeutet, US-Präsident Joe Biden könnte eine Sabotage der Ostseepipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 angeordnet haben. „Der US-Präsident muss auf die Frage antworten, ob die USA ihre Drohung umgesetzt haben“, teilte Maria Sacharowa bei Telegram mit. „Europa muss die Wahrheit kennen.“ Auch Polens früherer Verteidigungs- und Außenminister Radosław Tomasz Sikorski hatte zuvor in einem kryptischen Twitter-Post auf eine Beteiligung der USA an dem Gasleck angespielt.

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte, es sei „dumm und absurd“ zu vermuten, dass Russland hinter den Lecks stecke. Die Lecks seien für Moskau „ziemlich problematisch“, sagte er.

Russland fordert Sondersitzung im UN-Sicherheitsrat

Russland fordert wegen der Lecks an den Nord-Stream-Gaspipelines eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats. Die Sitzung werde für Donnerstag erwartet, teilte der Vizechef der russischen UN-Vertretung in New York, Dmitri Poljanski, am Mittwoch auf seinem Telegram-Kanal mit. Auch die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, erklärte, Russland wolle im Zusammenhang mit den „Provokationen“ um die Ostseepipelines eine Sicherheitsratssitzung beantragen.

Norwegen will seine Öl- und Gasanlagen militärisch schützen

Nach der mutmaßlichen Sabotage der Nord-Stream-Gaspipelines will Norwegen in schwedischen und dänischen Gewässern Militär in der Nähe seiner Öl- und Gasanlagen stationieren. Das sagte Ministerpräsident Jonas Gahr Støre bei einer Pressekonferenz. „Das Militär wird bei norwegischen Öl- und Gasanlagen sichtbarer sein“. Wie der Spiegel berichtete, gibt es derzeit keine Hinweise auf eine direkte Bedrohung der Öl- und Gasanlagen.

EU-Kommission stellt neue Russland-Sanktionen vor

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EU-Chefdiplomat Josep Borrell haben am Mittwoch einen Vorschlag für ein weiteres Sanktionspaket gegen Russland vorgestellt. Das Paket enthalte unter anderem die Rechtsgrundlage für einen Preisdeckel für Ölimporte aus Russland sowie weitere Importbeschränkungen im Wert von sieben Milliarden Euro, kündigte die Kommissionschefin bei ihrer Rede in Brüssel an. Auch ein Verbot für EU-Bürger, Sitze in Führungsgremien russischer Staatsunternehmen einzunehmen, sei geplant. Dies war insbesondere im Hinblick auf Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) gefordert worden, der lange Aufsichtsratschef des russischen Ölkonzerns Rosneft gewesen war.

Hauptgrund der bereits im Vorfeld angekündigten Sanktionen war vor allem die russische Invasion in der Ukraine sowie die vor kurzem durchgeführten Scheinreferenden in russisch besetzten Gebieten im Osten des Landes. „Russland hat die Invasion in der Ukraine auf ein neues Level gebracht“, sagte von der Leyen. Man sei „entschlossen, den Kreml den Preis für diese weitere Eskalation zahlen zu lassen“. Bevor die neuen Sanktionen gegen Russland in Kraft treten können, müssen die EU-Staaten noch über den Vorschlag beraten und einstimmig darüber entscheiden.

Regierungskreise: Nord-Stream-Leitungen „für immer zerstört“

Die nach einem mutmaßlichen Sabotageakt beschädigten Gas-Pipelines Nord Stream 1 und 2 könnten schon bald für immer unbrauchbar sein, wie der Tagesspiegel unter Berufung auf Regierungskreise berichtet. Zuvor hatte die Betreiberfirma Nord Stream AG noch eine Reparatur der beiden Nord-Stream-1-Röhren nicht ausgeschlossen. Würde dies nicht schnellstens passieren, so heiße es aus Regierungskreisen, könnte der Einlauf einer großen Menge Salzwasser zum Korrodieren der Pipelines führen. Damit wären die insgesamt drei Stränge der durch die Ostsee verlaufenden Gasleitungen „für immer zerstört“.

Nord-Stream-1-Betreiber schließt Reparatur von Pipeline nicht aus

Der Betreiber der Pipeline Nord Stream 1 schließt eine Reparatur des beschädigten Doppelstrangs nicht aus. Es gebe Erfahrungen und Anbieter für solche Arbeiten, sagte ein Sprecher der Nord Stream AG am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. Bevor ein Vorgehen festgelegt werden könne, müssten allerdings die Schäden begutachtet werden. Es gebe bisher keine Bilder der eigentlichen Lecks. Man wolle die Schäden so schnell wie möglich inspizieren, dass setze aber voraus, dass die Behören die verhängten Sperrzonen aufhöben. Zu möglichen Kosten und wer diese übernehme, wollte der Sprecher keine Angaben machen. Zunächst müssten die Schäden und Möglichkeiten der Reparatur festgestellt werden.

Sprecher von Nord Stream 2 AG: Beispielloser „Riesenriss“

Der Nord Stream 2 AG sind die genauen Schäden an ihrer weitgehend parallel verlaufenden Pipeline nach eigenen Angaben noch unbekannt. Es könne „kein Mensch momentan seriös sagen, wie es da unten aussieht“ und welche technischen Möglichkeiten es nun gebe, sagte Sprecher Ulrich Lissek. Das Ausmaß könne man nur anhand der umfangreichen Blasenbildung einschätzen. „Die strukturelle Integrität der Pipeline muss massiv beschädigt sein.“ Er sprach von einem möglichen „Riesenriss“. Der Sprecher der Nord Stream AG sagte, es sei „beispiellos“, dass innerhalb kurzer Zeit derartige Schäden an mehreren Leitungen eingetreten seien.

Für die Nord Stream 2 AG dürften etwaige Erkundungen oder gar Reparaturen auch deshalb schwierig werden, weil das Unternehmen seit Anfang des Jahres unter US-Sanktionen steht, die Geschäfte mit dem Unternehmen mit Sitz in der Schweiz unmöglich machen.

Nach Angabe der Betreiber der Schwesterpipeline Nord Stream 1 will man zuerst mit unbemannten Unterwasserfahrzeugen, die von Schiffen aus gesteuert werden, die Schäden erkunden. Ähnliche Geräte kämen auch bei regelmäßigen Inspektionen zum Einsatz.

Umweltschützer warnen vor Klimaschäden durch Gaslecks

Angesichts der großen Gasmenge, die bereits durch die am Montag entdeckten Lecks in den Ostsee-Pipelines Nord Stream 1 und 2 ausgetreten ist, rechnen Umweltschützer mit langfristigen Folgen für das Klima. Laut Berechnungen der Umweltorganisation Greenpeace hätten sich in beiden Pipelines jeweils 155 Millionen Kubikmeter Gasgemisch befunden. Dies entspreche etwa 30 Millionen Tonnen CO2, die nun in die Atmosphäre gelangt seien - mehr als das gesamte Land Dänemark im Jahr 2020 ausgestoßen hatte.

Verheerend seien die Nord-Stream-Lecks auch deshalb, weil das von Russland gelieferte Erdgas zu einem Großteil aus Methan bestehe, das gut 84-mal klimaschädlicher sei, als Kohlenstoff­dioxid. „Sobald das gasförmige Methan über die Meeresoberfläche in die Atmosphäre aufsteigt, trägt es massiv zum Treibhauseffekt bei“, sagte Sascha Müller-Kraenner, Bundeschef der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Auch die bekannte Umweltschützerin Luisa Neubauer äußerte sich zu den Gaslecks. „Wer meint, Klimaaktivist:innen seien Gefahren für sichere und intakte Gesellschaften, der wird es schwer haben, die eigentlichen Gefahren zu erkennen – bevor es zu spät ist“, twitterte Neubauer am Mittwoch.

Kreml weist Verantwortung für Nord-Stream-Lecks zurück

Der Kreml hat Vorwürfe einer angeblichen Verantwortung Russlands für die Lecks an den Gas-Pipelines Nord Stream 1 und 2 als „dumm und absurd“ zurückgewiesen. „Es ist ziemlich vorhersehbar und vorhersehbar dumm und absurd, solche Annahmen zu treffen“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Mittwoch nach Angaben der Agentur Interfax. In der Ukraine gab es Vorwürfe, Russland habe die Pipelines gezielt sabotiert, um die Energiekrise in Europa zu verschärfen und Panik vor dem Winter auszulösen.

Christine Lambrecht: Deutsche Marine beteiligt sich an Aufklärung von Schäden an Nord-Stream-Pipelines

Die Deutsche Marine will sich an der Suche nach den Ursachen der Schäden an den Nord-Stream-Gaspipelines in der Ostsee beteiligen. Sie stehe dazu im Kontakt mit ihrem dänischen Amtskollegen „und unsere Marine wird sich mit ihrer Expertise bei der Aufklärung einbringen“, erklärte Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) am Mittwoch in Berlin.

„Die Umstände dieses beunruhigenden Ereignisses müssen nun schnell geklärt und die Verantwortlichen identifiziert werden“, verlangte Lambrecht weiter. „Der mutmaßliche Sabotageakt an den Ostsee-Pipelines führt uns erneut vor Augen, dass wir auf kritische Infrastruktur angewiesen sind - auch unter Wasser“, erklärte die Ministerin.  Die Beschädigung der Pipelines zeige uns auch, wie wichtig eine starke Marine innerhalb einer leistungsfähigen Bundeswehr für die Sicherheit unseres Landes und die unserer Verbündeten sei, betonte Lambrecht. Daher werde die Bundesregierung die Modernisierung der Deutschen Marine „als Teil einer starken Gemeinschaft von Ostseeanrainern“ vorantreiben.

Die Ministerin verwies auf die geplante Beschaffung von Seefernaufklärern, Fregatten der Klasse 126, neuen Marinehubschraubern und den Bau neuer U-Boote. Hinzu kämen weitere Einheiten wie Korvetten und Flottendienstboote sowie und nicht zuletzt mit der Erwerb der MV-Werften.

Die Linke: Bundesregierung soll internationale Untersuchung unterstützen

Die Linksfraktion verlangte eine internationale Untersuchung der Vorfälle. „Es braucht dringend Aufklärung darüber, ob terroristische Anschläge die Lecks in den Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee verursacht haben“, erklärte die Linken-Außenpolitikerin Sevim Dagdelen. Die Bundesregierung solle dazu „eine unabhängige internationale Untersuchung unter Leitung der Vereinten Nationen unterstützen“.

Dagdelen wandte sich zudem in diesem Zusammenhang gegen eine „unkritische Verbreitung indizienloser Schuldzuweisungen“. Sollte es sich jedoch „um einen terroristischen Angriff auf die Energieinfrastruktur handeln“, müsse dies „als Attacke auf die demokratische Souveränität der Bundesrepublik Deutschland gewertet und entsprechend geahndet werden“.

Schwedens Küstenwache: Gas tritt unverändert stark aus Lecks aus

Das Gas aus den drei Nord-Stream-Lecks tritt nach Angaben der schwedischen Küstenwache mit unveränderter Kraft aus. „Leider kann das Gas nicht eingefangen oder bekämpft werden“, sagte ein Sprecher der Küstenwache der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch. Zur Menge des austretenden Gases konnte er keine Angaben machen. „Wir sind aber sehr sicher, dass die bestehenden Sicherheitsmaßnahmen ausreichen, damit niemand zu Schaden kommt.“

Die Lecks befinden sich teils in der dänischen, teils in der schwedischen ausschließlichen Wirtschaftszone. Beide Länder hatten nach der Entdeckung Sicherheitszonen für die Schifffahrt errichtet. Schiffe dürfen das Gebiet um die Lecks in einem Radius von fünf Seemeilen (knapp 9,3 Kilometer) nicht passieren. „Wenn sich Schiffe aus dieser Zone heraushalten, besteht kein Risiko für die Besatzung“, sagte der Sprecher.

Die schwedische Küstenwache sei mit einem Schiff mit einer speziell ausgebildeten Crew vor Ort und behalte die Lecks im Auge. Gerate ein Schiff oder Boot versehentlich in die Sperrzone, kann die Küstenwache diesem zu Hife kommen.

Kopenhagen: Inspektion von Pipeline-Lecks wohl erst in ein bis zwei Wochen

Die Inspektion der Lecks an den Ostsee-Pipelines Nord Stream 1 und 2 wird nach Angaben der dänischen Regierung voraussichtlich erst in ein bis zwei Wochen möglich sein. Der dänische Verteidigungsminister Morten Bodskov verwies am Mittwoch auf den derzeit in den Leitungen herrschenden Druck und die Menge des austretenden Gases als Hindernisse für die Inspektion.

Es sei realistischerweise davon auszugehen, dass es „ohne Weiteres ein bis zwei Wochen dauern kann“, bis sich die Lage an den Lecks soweit entspannt habe, „dass sich anschauen lässt, was tatsächlich passiert ist“ sagte Bodskov am Rande eines Treffens mit Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg in Brüssel. Die Explosion sei „sehr groß“ gewesen, „deswegen wird Zeit gebraucht, bevor wir uns dorthin begeben können“.

Regierungschef: Keine Bedrohung für norwegische Öl- und Gasanlagen

Mit Blick auf die vermutete Sabotage an den Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee sieht Norwegen seine Öl- und Gasanlagen nicht in konkreter Gefahr. Es bestehe keine spezifische Bedrohung für den norwegischen Festlandsockel, sagte Ministerpräsident Jonas Gahr Støre am Mittwoch der Nachrichtenagentur NTB. Auf diesem Sockel befinden sich die Anlagen. Hilfe vonseiten der Nato bedürfe es derzeit nicht, sagte Støre demnach.

Wie der Rundfunksender NRK und die Zeitung „Verdens Gang“ berichteten, hat der Öl- und Gaskonzern Equinor in der Nacht zum Mittwoch allerdings das Bereitschaftsniveau auf den norwegischen Anlagen erhöht.

Gazprom droht mit Zahlungsstopp von Gebühren für Gas-Transit

Der russische Gaskonzern Gazprom hat auf Twitter damit gedroht, die Zahlungen der Gebühren für den Transit von Gas an das ukrainische Unternehmen Naftogaz einzustellen, sollten Rechtsstreitigkeiten nicht beigelegt werden. Naftogaz führt russisches Gas über Pipelines nach Europa.

Nord Stream nimmt „physische Beschädigung“ als Ursache für Lecks an

Nord Stream nimmt als Ursache für die Lecks, die den massiven Druckabfall herbeigeführt haben, eine „physische Beschädigung“ der Pipeline an. Dies geht aus einer Mitteilung des Unternehmens hervor. Nord Stream kündigt überdies an, nicht sagen zu können, wie lange eine Reparatur dauere. Es sei „nicht möglich, einen Zeitrahmen für die Wiederherstellung der Gastransportinfrastruktur abzuschätzen.“

Stoltenberg spricht von Sabotage der Nord-Stream-Pipelines

In Zusammenhang mit den Lecks an den Ostsee-Gasleitungen Nord Stream 1 und 2 hat nun auch Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg von Sabotage gesprochen. In einem Gespräch mit dem dänischen Verteidigungsminister Morten Bødskov sei es um „die Sabotage“ der Pipelines gegangen, schrieb der Norweger am Mittwoch auf Twitter. Zudem hätten sie über den Schutz der kritischen Infrastruktur in den Nato-Staaten gesprochen.

Bødskov sagte in Brüssel, da so viel Gas in den Leitungen sei, könne es eine oder zwei Wochen dauern, bis ausreichend Ruhe in dem Gebiet eingekehrt sei, um die Lecks in etwa 80 Metern Tiefe untersuchen zu können. Er betonte, dass sich die Vorfälle in internationalen Gewässern ereignet hätten und es sich nicht um kritische Infrastruktur seines Landes handle. Die insgesamt drei Lecks befinden sich dort in den Ausschließlichen Wirtschaftszonen Dänemarks und Schwedens.

Norwegen erhöht nach Lecks Sicherheitsvorkehrungen an Ölanlagen

Nach der Entdeckung mehrerer Lecks an den Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 verstärkt Norwegen auch die Sicherheitsvorkehrungen an seinen Ölanlagen. Die Regierung habe entschieden, „Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit“ der Infrastruktur, Terminals und Installationen auf dem norwegischen Festland in Kraft zu setzen, erklärte Energieminister Terje Aasland am Dienstagabend.

Die Regierung in Oslo reagiert nun auch auf Drohnen, die Ölfirmen kürzlich rund um ihre Plattformen in norwegischen Gewässern gesichtet hatten. Die für die Sicherheit der Ölinfrastruktur des Landes zuständige Behörde hatte vor einigen Tagen bereits zu einer erhöhten Wachsamkeit aufgerufen und angesichts der entdeckten Drohnen vor möglichen Unfällen oder Angriffen gewarnt. Norwegen ist seinerseits wegen der ausbleibenden russischen Energielieferungen zum mittlerweile wichtigsten Gaslieferanten für Europa aufgestiegen. Experten halten auch dieses großes Pipelinenetz für anfällig für Sabotage.

Sorgen an der Börse: Dax fällt unter 12.000 Punkte

An der Wall Street hatten sich am Vorabend erneut Forderungen von Notenbankern nach mehr Zinserhöhungen belastend ausgewirkt, weil diese weltweit die Sorgen vor einer Rezession erhöhen. Weiter grassiert auch die Angst vor einer tiefer gehenden Energiekrise: Größer werden neuerdings die Sorgen um die Stabilität des Energienetzes, etwa wegen der Lecks an den beiden Ostsee-Gaspipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2.

Der Dax bleibt wegen Inflations-, Zins- und Konjunktursorgen im Abwärtsstrudel. Erstmals seit November 2020 sackte er am Mittwoch unter die Marke von 12.000 Punkten. Erst bei 11 914 Zählern konnte er sich vorerst etwas fangen. Am Ende der ersten Handelsstunde betrug das Minus für den Leitindex 1,44 Prozent auf 11.964,95 Punkte. Der MDax fiel um 1,97 Prozent auf 21.902,77 Zähler, der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 verlor 1,3 Prozent an Wert.

FDP-Energiepolitiker: Wichtige Pipelines wirksam schützen

Nach den Lecks an den Osteee-Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 hält der FDP-Energiepolitiker Michael Kruse einen wirksamen Schutz anderer Pipelines für notwendig. Sie müssten vor „Sabotage und Angriffen“ geschützt werden, sagte Kruse am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. „Im Nord- und Ostseeraum müssen die Gaspipelines nach Norwegen gesichert werden, weil sie für die deutsche und europäische Gasversorgung von überragender Bedeutung sind. Wir müssen aber auch Pipelines im Mittelmeer und auf dem Festland wirksam schützen, denn sie sind ebenfalls wichtig für die Energieversorgung Europas.“

Pipelines und LNG-Terminals müssten Tag und Nacht überwacht, geschützt und vor möglichen Angriffen gesichert werden, so Kruse. „Ein Angriff auf unsere Energie-Infrastruktur ist ein Angriff auf unser Land und auf die Europäische Union.“

Lettland: Neue Phase des hybriden Krieges

Lettlands Außenminister hat die „vorsätzlichen Angriffe“ auf die Gasleitungen Nord Stream 1 und Nord Stream 2 verurteilt. „Die Sabotage an den Pipelines Nordstream I und II muss als schwerwiegendster Sicherheits- und Umweltvorfall in der Ostsee eingestuft werden“, twitterte er in der Nacht zum Mittwoch. „Es scheint, dass wir in eine neue Phase des hybriden Krieges eintreten.“

Lettland steht nach Angaben von Edgar Rinkevics solidarisch an der Seite Dänemarks und sei bereit, die Ermittlungen auf jede erdenkliche Weise zu unterstützen. „Die Nato und die EU sollten dies ernst nehmen und entsprechend reagieren“, schrieb er nach einem Telefonat mit seinem dänischen Amtskollegen Jeppe Kofod zu den Ermittlungen.

EU droht mit Sanktionen

Die Europäische Union hält Sabotage als Ursache für die Lecks an den Gas-Pipelines Nord Stream 1 und 2 für wahrscheinlich und hat mit Gegenmaßnahmen gedroht. „Alle verfügbaren Informationen deuten darauf hin, dass diese Lecks das Ergebnis einer vorsätzlichen Handlung sind“, erklärte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell am Mittwoch im Namen der 27 Mitgliedstaaten. Jede vorsätzliche Störung der europäischen Energieinfrastruktur werde „mit einer robusten und gemeinsamen Reaktion beantwortet werden“.

Zuvor hatte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mitgeteilt, sie halte Sabotage als Ursache für die Lecks an den Gas-Pipelines Nord Stream 1 und 2 für möglich und drohte den möglichen Tätern mit härtesten Konsequenzen. „Jede vorsätzliche Störung der aktiven europäischen Energieinfrastruktur ist inakzeptabel und wird zu der schärfsten möglichen Antwort führen“, twitterte von der Leyen.

Sie habe mit der dänischen Ministerpräsidentin Mette Frederiksen über die „Sabotageaktion“ gesprochen. „Es ist von größter Wichtigkeit, die Vorfälle jetzt zu untersuchen und vollständige Klarheit über die Ereignisse und die Gründe zu erhalten. Insgesamt drei Lecks waren – nach einem ersten Druckabfall in der Nacht auf Montag – sowohl in einer der Röhren von Nord Stream 2 wie auch in beiden Röhren der Nord-Stream-1-Pipeline entdeckt worden. Bereits am Dienstag war in Polen, Schweden, Dänemark und Russland ein Anschlag auf die europäische Gasinfrastruktur als Ursache für die als beispiellos geltenden Schäden an beiden Pipelines als für denkbar gehalten worden.

Auch aus Sicht deutscher Sicherheitskreise sprach vieles für Sabotage. Sollte es sich um einen Anschlag handeln, würde angesichts des Aufwands nur ein staatlicher Akteur infrage kommen, hieß es. Zwar wird derzeit durch keine der Pipelines Gas geliefert, der Gaspreis stieg angesichts der Verunsicherung aber.

Dänemark und Schweden vermuten absichtliche Tat

Die schwedische Ministerpräsidentin Magdalena Andersson hatte am Dienstagabend gesagt, die Informationslage sei noch alles andere als vollständig, aber zwei Explosionen seien identifiziert worden, die drei Lecks verursacht hätten. Basierend auf schwedischen und dänischen Informationen komme man zu dem Schluss, dass es sich vermutlich um eine absichtliche Tat handle. „Es ist also wahrscheinlich eine Frage der Sabotage“, sagte sie.

Ähnlich äußerte sich die dänische Regierung. Die Behörden seien zu der eindeutigen Bewertung gekommen, dass es sich um absichtliche Taten handle und nicht um ein Unglück, sagte Ministerpräsidentin Frederiksen am Abend. Innerhalb kurzer Zeit seien mehrere Explosionen beobachtet worden. Es gebe noch keine Informationen dazu, wer dahinterstecke. Zu den Vorfällen sei es in internationalen Gewässern in den Ausschließlichen Wirtschaftszonen Dänemarks und Schwedens vor der Ostsee-Insel Bornholm gekommen.

In Moskau wollte die Regierung einem Sprecher zufolge keine Variante ausschließen. Der Betreiber von Nord Stream 2 war skeptisch: Die Leitungen seien so verlegt, dass eine gleichzeitige Beschädigung mehrerer Leitungen etwa durch einen einzelnen Schiffsunfall höchst unwahrscheinlich ist.

CDU-Politiker: „gezielter staatlich veranlasster Sabotageakt“

Der CDU-Verteidigungsexperte Roderich Kiesewetter geht derweil davon aus, dass die Leckagen auf einen Sabotageakt Russlands zurückzuführen seien. „Nach allem, was wir wissen, kann es sich bei den Lecks in den Pipelines Nord Stream I und II fast nur um einen gezielten staatlich veranlassten Sabotageakt handeln“, sagte Kiesewetter dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Aus sicherheitspolitischer Perspektive diene ein solcher Sabotageakt der Abschreckung und Bedrohung. „Es ist deshalb wahrscheinlich, dass Russland auf diese Weise versucht, einerseits Verunsicherung in der europäischen Bevölkerung zu schüren und anderseits auf staatlicher Ebene ein weiteres Mal auf die Bedrohungsmöglichkeit durch den Angriff auf kritische Infrastruktur hinweist.“

Dass die Nord-Stream Pipelines als Werkzeug und Energie als Waffe gegen Deutschland eingesetzt würden, habe Russland bereits in der Vergangenheit gezeigt, sagte der CDU-Politiker. „Deshalb würde ein solcher Sabotageakt auch zu der von Staatsterrorismus geprägten und hybriden Vorgehensweise Russlands passen.“

Marie-Agnes Strack-Zimmermann vermutet Sabotageakt

Auch die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Bundestages, die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann, vermutet Russland hinter dem möglichen Sabotageakt. „Je länger und brutaler der russische Überfall auf die Ukraine andauert, desto größer ist auch die Gefahr, dass es zu solch enthemmten Anschlägen kommt“, sagte Strack-Zimmermann dem RND. „Nicht ausgeschlossen ist, dass sie von Russland gelenkt werden, um unsere Märkte zu erschüttern.“

Habeck warnt vor Spekulationen

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hatte sich zurückhaltend zur Ursache der Lecks geäußert. Eine Spekulation darüber verbiete sich so lange, wie die Aufklärung nicht erfolgt sei, sagte der Grünen-Politiker. Auf die Frage, wie besorgt er generell sei über Attacken auf das Energienetz, sagte Habeck: „Wir sind natürlich in einer Situation in Europa und auch in Deutschland, wo kritische Infrastruktur – und die Energieversorgung darf man dazu insgesamt zählen – potenzielle Ziele sind.“ Natürlich sei die kritische Infrastruktur ein potenzielles Ziel, „aber das wissen wir nicht erst seit gestern, sondern das ist Grundlage der Arbeit seit Monaten gewesen“.

Deutsche und dänische Behörden wiesen darauf hin, dass die Vorfälle keine Auswirkung auf die Gasversorgung hätten, da die Leitungen zuletzt nicht für den Gasimport benutzt worden seien. Während über Nord Stream 1 bis vor einigen Wochen noch Gas aus Russland nach Deutschland geflossen war – wenn auch mit gedrosselter Kapazität – war die Genehmigung für Nord Stream 2 kurz vor dem russischen Angriff auf die Ukraine von der Bundesregierung auf Eis gelegt worden. Danach hatte sie wegen des Krieges eine Nutzung ausgeschlossen.

Bundesregierung schließt Anschläge nicht aus

Die Bundesregierung schließt Anschläge auf die Gaspipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 – mit dem Motiv, Verunsicherung auf den europäischen Gasmärkten zu provozieren – nicht aus. Dies berichtet der Spiegel. Demnach werden nun mit hoher Dringlichkeitsstufe die Sicherheitskonzepte anderer Pipelines und Gasversorgungsanlagen überprüft.