Urteil gegen Rapper: Ein Jahr und vier Monate Haft auf Bewährung für „Herrn Fler“

Der Rapper musste sich wegen Beleidigung, Körperverletzung, Bedrohung und Sachbeschädigung verantworten. Nun wurde er verurteilt – und gab ein Versprechen ab.

Rapper Fler im Gerichtsaal, bei einer früheren Verhandlung. Am Mittwoch erschien er nicht.
Rapper Fler im Gerichtsaal, bei einer früheren Verhandlung. Am Mittwoch erschien er nicht.dpa/Paul Zinken

Die Stimmung im Gerichtssaal 105 des Amtsgerichts Tiergarten ist fast so unterkühlt wie der Novembermorgen draußen vor der Tür. Der Angeklagte Patrick Losensky, besser bekannt als „Gangster“-Rapper Fler, ist nicht erschienen. Er hatte es bereits angekündigt, am Tag zuvor bei Twitter: „§ 231 Abs. 2 StPO“, schrieb er da – die Norm, wonach eine Verhandlung auch ohne den Angeklagten zu Ende geführt werden kann.

Für den Anwalt der Nebenklage ist dies nur der Beweis für das „große Desinteresse“ Flers an diesem Prozess. Zuerst sei der Rapper beim vorherigen Termin einfach rausgestürmt, nun komme er nicht einmal mehr, „unmöglich“ sei das. Und darüber hinaus nutze er das Ganze auch noch für eigenes Marketing, sagt der Anwalt, der einen vom Rapper zusammengeschlagenen Kameramann vertritt. Er nuschelt beim Sprechen unter seiner Maske und wirkt insgesamt sehr unzufrieden. Aus seiner Sicht hätte das Gericht Losensky zwingen können zu erscheinen, da an diesem Tag das Urteil gegen ihn verhängt werden soll.

Die Vorsitzende Richterin Franziska Bauersfeld geht darauf gar nicht ein. Auch sie wirkt genervt, spricht schnell und ohne Betonung, als würde sie das Ganze möglichst rasch hinter sich bringen wollen. Neben der Faustattacke gegen den Kameramann geht es in diesem Prozess auch noch um weitere Taten Flers. Und sie liest nun mit monotoner Stimme alle dessen verbalen Ausfälle vor: „Du Hipsterschlampe“, „du Nutte“, „du fettes Stück Scheiße, ich werde dir ins Gesicht fi****“. Sie spricht das ganze Wort aus. Mehrere Frauen hat der Rapper auf Instagram auf diese Weise beleidigt. Bei einer postete er sogar ein Bild von ihr und schrieb dazu: „Wer die Nutte ranbringt 2 000 € Berlin-Charlottenburg“. Zudem drohte er dem Comedian Shahak Shapira, er werde ihm so lange ins Gesicht schlagen, bis dieser „nie wieder reden“ könne.

Einen Deal zwischen Gericht und Fler gibt es bereits

Einzig zufrieden bei diesem Prozess scheint der Anwalt von Fler zu sein. Hansgeorg Birkhoff, der vielen auch als einer der Anwälte des Clan-Bosses Arafat Abou-Chaker bekannt sein dürfte, ist guter Laune. Schon vor der Verhandlung wurde zwischen Gericht und Fler ein Deal vereinbart. Bei einem umfassenden Geständnis und der Zahlung eines Schmerzensgeldes in Höhe von 10.000 Euro an den verprügelten Kameramann soll Fler eine Freiheitsstrafe von höchstens einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung bekommen. Und gestanden hat Fler bereits sowie auch das Geld überwiesen.

In seinem Schlussplädoyer sagt der Anwalt: „Zum Stilmittel eines Gangster-Rappers gehört die verbale  Entgleisung, auch wenn ich diese nicht toleriere.“ Ihm scheint dabei zu entgehen – bewusst oder unbewusst –, dass Fler, den er stets als „Herr Fler“ bezeichnet, hier nicht in seinen Songs entgleiste, sondern gegenüber echten Menschen. Und dass es nicht bei verbalen Entgleisungen blieb. Birkhoff spricht lange, zieht schiefe Vergleiche zum amerikanischen Musiker Frank Zappa, der – „die Älteren werden sich erinnern“ – in den Achtzigern gegen die Warnung vor expliziten Inhalten in Songtexten aufbegehrte. „Mir persönlich gefällt die Musik meines Mandanten auch nicht“, sagt Birkhoff, „aber ich respektiere seine Persönlichkeit“.

Zudem kritisiert Birkhoff die Medien, die auch an diesem Tag in Form mehrerer Journalisten und einem Kamerateam vertreten sind. Aus seiner Sicht seien die nämlich in gewisser Weise mitverantwortlich für die Entgleisungen von Herrn Fler. Er verweist auf die Attacke gegen den Kameramann, der mit seinem Team von RTL Fler am Kudamm aufgelauert, und dessen Kollegin Fler mit kritischen Fragen bedrängt habe. Bei seinem Mandanten seien da die Sicherungen durchgebrannt. „Eine unschöne Geschichte“, sagt Birkhoff, „die vermieden hätte werden können, wenn nicht jemand bei RTL angerufen hätte.“

Dann kommt es zum Urteilsspruch. Richterin Bauersfeld verkündet eine Haftstrafe für Fler von einem Jahr und vier Monaten auf Bewährung. Sie sagt, dies sei die letzte Chance für den Rapper, der bereits vor einigen Jahren schon einmal eine Bewährungsstrafe bekommen hatte, sich damals aber nichts zuschulden kommen lassen habe. Es gebe auch seit den hier verhandelten Fällen im Jahr 2020 keine neuen Vorfälle, zudem habe Fler versprochen, dass er sich künftig kritischen Situationen entziehe, um seine Entgleisungen zu verhindern. Vielleicht ist er ja auch deshalb an diesem Tag nicht ins Gericht gekommen.