USA: Kein schneller Sieg der Ukraine gegen Russland zu erwarten

Neben Kämpfen in Ostukraine flammen auch Gefechte an der südlichen Front wieder auf. Ein schneller militärischer Sieg der Ukraine ist wohl nicht wahrscheinlich.

Ein ukrainischer Soldat raucht in einem Schützengraben an der Frontlinie in der Nähe von Bachmut. 
Ein ukrainischer Soldat raucht in einem Schützengraben an der Frontlinie in der Nähe von Bachmut. AP/Evgeniy Maloletka

US-Generalstabschef Mark Milley hält die Chance auf einen baldigen, militärischen Sieg der Ukraine im von Russland begonnenen Krieg weiter für gering. Aus militärischer Sicht sei es „sehr, sehr schwierig“ für die Ukraine, in diesem Jahr die russischen Streitkräfte aus jedem Zentimeter der Ukraine und russisch besetzten Gebieten zu vertreiben, sagte Milley am Freitag nach einer Ukraine-Konferenz auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein. „Das heißt nicht, dass es nicht passieren kann“, betonte er, „aber es wäre sehr, sehr schwierig“. Er glaube, dass auch dieser Krieg wie viele zuvor am Verhandlungstisch enden werde.

Zwar fänden massive Kampfhandlungen statt und der Ukraine seien einige wichtige Vorstöße gelungen. Die Frontlinie sei aber sehr lang und überwiegend statisch, sagte Milley weiter. Zu erwarten sei zunächst eher, dass der Fokus weiterhin auf der Verteidigung liege, um die Front zu stabilisieren. Und je nachdem, wie schnell die Waffenlieferungen internationaler Partner und das Training des ukrainischen Militärs an neuen Waffensystemen vorankämen, sei auch eine bedeutende Gegenoffensive der Ukraine möglich, um so viel ukrainisches Gebiet wie möglich zu befreien.

Bachmut: Ein Anwohner geht nach schweren Kämpfen eine Straße entlang. 
Bachmut: Ein Anwohner geht nach schweren Kämpfen eine Straße entlang. AP/LIBKOS

Milley: „Dies ist ein sehr, sehr blutiger Krieg“

„Dies ist ein sehr, sehr blutiger Krieg. Und es gibt erhebliche Verluste auf beiden Seiten“, sagte Milley. Dies genau zu beziffern, sei im Krieg immer schwierig. Er rechne aber damit, dass Russland „deutlich mehr als 100.000“ Soldaten verloren habe. Das beinhalte reguläre Mitglieder des Militärs, aber auch Söldner, die auf russischer Seite kämpften. „Die Russen haben eine enorme Anzahl von Opfern in ihrem Militär zu beklagen.“ Für Russland entwickle sich der Krieg zu einer „absoluten Katastrophe“.

Signifikante Verluste gebe es auch beim ukrainischen Militär, betonte Milley - ohne jedoch Zahlen zu nennen. Hinzu kämen die vielen unschuldigen Zivilisten in der Ukraine, die getötet worden seien.

BND besorgt über hohe ukrainische Verluste

Der Bundesnachrichtendienst (BND) ist nach Informationen des Nachrichtenmagazins Spiegel besorgt über hohe Verluste der ukrainischen Armee beim Kampf um die strategisch wichtige Stadt Bachmut im Osten. Gewarnt wurde nach einem Bericht vom Freitag auch vor den Folgen einer möglichen Einnahme der Stadt durch russische Streitkräfte.

Der Spiegel berief sich auf Informationen, die der BND in einer geheimen Sitzung Sicherheitspolitikern des Bundestages gegeben habe. Demnach verliere die ukrainische Armee bei den Kämpfen mit den russischen Invasoren um Bachmut derzeit täglich eine dreistellige Zahl an Soldaten. Eine Einnahme der Stadt könne weitere russische Vorstöße ins Landesinnere ermöglichen, hieß es im Spiegel weiter.

Ukrainische Soldaten tragen den Sarg eines Kameraden, der in Bachmut im Kampf gefallen ist. 
Ukrainische Soldaten tragen den Sarg eines Kameraden, der in Bachmut im Kampf gefallen ist. AP/Daniel Cole

Die hohen russischen Verluste spielten für die Kriegstaktik der russischen Armeeführung offensichtlich keine Rolle, hieß es in dem Bericht weiter. Die russische Armee gehe bei Bachmut mit gnadenloser Härte vor und werfe derzeit Soldaten wie Kanonenfutter nach vorn. Bachmut ist seit Monaten heftig umkämpft.

Russland verkündet Einnahme von Klischtschiiwka

Das russische Verteidigungsministerium verkündete unterdessen die Einnahme des Dorfes Klischtschiiwka südwestlich von Bachmut. Auch in der südukrainischen Region Saporischschja flammten die Kämpfe offenbar wieder auf. Die Situation in der Ukraine sei „weiter außerordentlich dramatisch“, sagte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) in Ramstein.

Das Verteidigungsministerium in Moskau erklärte, prorussische Separatisten hätten mit Hilfe von Artillerie und Unterstützung aus der Luft die Kontrolle über das Dorf Klischtschiiwka übernommen. Das Dorf mit rund 500 Bewohnern vor Kriegsbeginn liegt südwestlich von Bachmut, was darauf hindeuten könnte, dass Russland versucht, die strategisch wichtige Stadt einzukreisen. Das russische Verteidigungsministerium verkündete zudem die „Befreiung“ des Dorfes Lobkowe in der Region Saporischschja.

„Im Moment gibt es überall Kämpfe“

„In Richtung Saporischschja hat die Intensität der militärischen Aktivitäten stark zugenommen“, erklärte auch Wladimir Rogow, Vertreter der von Russland eingesetzten Verwaltung, im Messengerdienst Telegram. „Wenn wir die Frontlinie anschauen, gibt es im Moment überall Kämpfe“, sagte er laut der russischen Nachrichtenagentur Ria Nowosti. In den vergangenen Monaten war der Frontverlauf relativ statisch gewesen.

Saporischschja und Donezk sind zwei der vier Regionen, deren Annexion der russische Präsident Wladimir Putin im September verkündet hatte.

Erster UN-Hilfskonvoi erreicht Gebiet der umkämpften Stadt Soledar

Im Gebiet der nahe Bachmut gelegenen Stadt Soledar traf unterdessen ein erster Hilfskonvoi der Vereinten Nationen ein, wie Jens Laerke, Sprecher der UN-Hilfsagentur Ocha, in Genf sagte. Es handele sich um den ersten gemeinsamen Konvoi mehrerer Hilfsagenturen seit Beginn des Krieges. Der aus drei Lastwagen bestehende Konvoi brachte demnach Wasser, Lebensmittel, Hygieneartikel und medizinische Hilfsgüter für 800 Zivilisten.

Russland hat nach eigenen Angaben Soledar eingenommen. Die Ukraine widerspricht dem und erklärt, der Kampf um die Stadt halte an.

Die ukrainische Armee teilte am Freitagmorgen mit, ihre Truppen hätten in den zurückliegenden 24 Stunden russische Angriffe in rund einem Dutzend Ortschaften in der Region Donezk „zurückgedrängt“. „Soledar wurde von feindlichem Feuer getroffen“, hieß es.