Der jüngste Warnstreik bei der BVG  ist gerade mal eine Woche her.
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BerlinNach dem Warnstreik ist vor dem Warnstreik: Das hatte die Gewerkschaft Verdi angekündigt, als am 29. September rund 4000 Beschäftigte der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) die Arbeit niederlegten. Es war kein leeres Versprechen. Am Dienstag kündigte Verdi an, dass U- und Straßenbahnen sowie die meisten Linienbusse am kommenden Freitag erneut in den Betriebshöfen bleiben werden. Von drei Uhr morgens an soll sich bei der BVG 24 Stunden lang kein Rad bewegen, hieß es. Erst am Sonnabendmorgen werde der Betrieb wieder anlaufen. Mit dem Ausstand legt die Gewerkschaft im bundesweiten Tarifkonflikt um bessere Arbeitsbedingungen nach. Der erste Warnstreik in dieser Auseinandersetzung hatte in Berlin, anders als in anderen deutschen Städten, lediglich neun Stunden gedauert. Nun liegt die BVG länger lahm.

Das Landesunternehmen reagierte gereizt. „Zu unserem absoluten Unverständnis kündigt die Gewerkschaft Verdi an, die BVG erneut zu bestreiken. Angesichts steigender Coronawerte kommt auch dieser, für ganze 24 Stunden geplante Warnstreik zu einem völlig falschen Zeitpunkt. Er setzt unsere Fahrgäste einem unnötigen Gesundheitsrisiko aus“, teilte die BVG am Dienstagnachmittag mit.

„Ein ganztägiger Streik ist in der jetzigen Situation alles andere als hilfreich“, sagte Jens Wieseke, Sprecher des Fahrgastverbands IGEB, mit Blick auf Corona. „Ich fordere beide Seiten auf zu verhandeln. Was macht eigentlich die Senatsverkehrsverwaltung? Ganze Stadtteile im Tarifgebiet Berlin B werden ohne ÖPNV-Angebot sein.“ Wieseke wies darauf hin, dass in München am Freitag nur ein Teil des kommunalen Nahverkehrs bestreikt wird – in diesem Fall die Busse. U- und Straßenbahnen verkehren regulär.

Wie am 29. September werden am kommenden Freitag auch im Land Brandenburg öffentliche Verkehrsunternehmen bestreikt – diesmal allerdings nicht 24 Stunden lang, sondern bis Freitag gegen 12 Uhr. Laut Verdi sind beim kommenden Warnstreik folgende Betriebe betroffen: ViP Verkehrsbetriebe Potsdam GmbH, Regiobus Potsdam Mittelmark GmbH, Havelbus Verkehrsgesellschaft mbH und die Verkehrsbetriebe Brandenburg an der Havel GmbH. Bei allen anderen brandenburgischen Verkehrsunternehmen wird der Betrieb voraussichtlich normal laufen, teilte die Gewerkschaft mit.

S-Bahnen und dutzende Buslinien der BVG bleiben in Betrieb

S-Bahnen und Regionalzüge verkehren am Freitag regulär, sie gehören nicht der landeseigenen BVG und sind von der Tarifauseinandersetzung nicht betroffen. Diese Bahnen können Fahrgästen also als Alternative dienen. Das gilt auch für die Buslinien in Berlin, die im Auftrag der BVG von privaten Busfirmen betrieben werden. Insgesamt geht es um rund acht Prozent des Linienbusverkehrs in der Hauptstadt.

23 Tages-Buslinien und 23 Nacht-Buslinien werden am Freitag komplett in Betrieb sein,  teilte das Unternehmen mit. Dabei handelt es sich um die Linien 106, 112, 140, 161, 163, 168, 175, 179, 184, 234, 275, 284, 334, 341, 349, 363, 369, 370, 371, 380, 399, 740, 744, N12, N23, N34, N35, N39, N40, N52, N53, N56, N58, N60, N61, N62, N67, N68, N69, N77, N84, N88, N90, N91, N95 und N97. Vier weitere Linien werden mit leichten Einschränkungen bedient - 218, 283, 395, 398. Die BVG-Fähren werden ebenfalls regulär verkehren. Auch sie werden nicht von dem Landesunternehmen betrieben. Zwischen Wannsee und Kladow hält die Stern und Kreisschifffahrt den Betrieb als Subunternehmer aufrecht. Für die übrigen Fährlinien erhielt die Weiße Flotte Stralsund den Auftrag.

Nach dem Warnstreik der ÖPNV-Beschäftigten am 29. September sei die Vereinigung kommunaler Arbeitgeberverbände (VKA) weiterhin nicht zu Verhandlungen über einen bundesweiten Tarifvertrag bereit, hieß es bei Verdi. Im Tarifkonflikt im Nahverkehr geht es um die Arbeitsbedingungen. Verdi fordert bundesweit einheitliche Regelungen in Fragen wie Nachwuchsförderung, Entlastung sowie den Ausgleich von Überstunden und Zulagen für Schichtdienste.

„Die Verkehrswende und der demografische Wandel sind weiterhin die großen Herausforderungen für den öffentlichen Nahverkehr in Berlin und Brandenburg“, sagte Jeremy Arndt, Verdi-Fachbereichsleiter Verkehr in Berlin und Brandenburg. „Um den anstehenden Bedarf an Personal zu bewältigen und sich nicht gegenseitig Konkurrenz zu machen, sind einheitliche Regelungen bei den Arbeitsbedingungen nötig. Nur so können benötigte Fachkräfte rekrutiert und das bestehende Personal gehalten werden. Derzeit führen die schlechten Arbeitsbedingungen regelmäßig zu hohen Krankenständen. Diese haben auch Auswirkungen auf die Linienleistung und führen zu Fahrausfällen“, so Jeremy Arndt.

Im Vergleich zum Jahr 2000 ist die Zahl der Beschäftigten um 18 Prozent geschrumpft, während die Anzahl der Fahrgäste im gleichen Zeitraum um ein Viertel zugenommen hat, so Verdi. Aufgrund der Belastungen komme es zu überdurchschnittlich hohen Krankenständen und der Anhäufung von Überstunden. Die Situation drohe sich weiter zu verschärfen, denn der Altersdurchschnitt in den Unternehmen beträgt 49 Jahre, somit gehe bis 2030 jeder zweite Beschäftigte in den Ruhestand.