Port-au-Prince - Nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti haben verzweifelte Betroffene einen Hilfskonvoi geplündert. Ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP berichtete von chaotischen Szenen in der besonders schwer getroffenen Stadt Les Cayes, in der am Freitag (Ortszeit) Reissäcke an Opfer des Bebens verteilt werden sollten. Einer der beiden Lastwagen des Konvois wurde von Plünderern gestürmt, die verbliebenen Lebensmittel wurden schließlich auf einer wahllos Polizeistation verteilt.

Das Erdbeben der Stärke 7,2 hatte vor einer Woche den Südwesten Haitis erschüttert, mehr als 130.000 Häuser wurden dem Erdboden gleichgemacht. Bis Freitag wurden mehr als 2000 Todesopfer durch das Beben bestätigt. Engpässe bei der Grundversorgung lösten in der Bevölkerung massive Wut aus. Zwar wurden in die betroffenen Regionen bereits etliche Hilfskonvois geschickt. Bei der Verteilung der Hilfsgüter gibt es aber logistische Probleme.

Nicht jeden erreichen die Hilfsgüter

Der zweifache Familienvater Marcel Francois aus Les Cayes berichtete, dass ein Freund von ihm extra aus Port-au-Prince angereist sei, um ihn mit Wasser und Lebensmitteln zu versorgen. Diese habe er mit seinen Nachbarn geteilt. Zwar sehe er von den Trümmern seines Hauses aus viele Behördenvertreter in mit Sirenen ausgestatteten Fahrzeugen „und große Autos“ von Hilfsorganisationen. „Es kommen auch Lastwagen mit Hilfsgütern vorbei, aber für mich ist bisher nichts angekommen“, sagte der 30-Jährige.

Haiti befand sich bereits vor dem schweren Erdbeben in einer tiefen Krise. Im Juli war in dem von großer Armut geprägten Karibikstaat Präsident Jovenel Moïse ermordet worden. Hinzu kommen hohe Infektionszahlen mit dem Coronavirus.

Haiti wird regelmäßig von schweren Naturkatastrophen heimgesucht. Im Jahr 2010 hatte es in dem Land ein schweres Erdbeben gegeben, dessen Epizentrum in der Nähe der Hauptstadt Port-au-Prince lag und bei dem mehr als 200.000 Menschen getötet wurden. Von den Folgen dieses Bebens hat sich der Karibikstaat bis heute nicht vollständig erholt.