Berlin - In Zusammenhang mit den vom Springer Management bestätigten Compliance-Untersuchungen um Bild-Chef Julian Reichelt wird im Netz kontrovers diskutiert. Reichelt werden Machtmissbrauch und Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen vorgeworfen. Springers Chief Compliance Officer Florian von Götz untersucht die Vorwürfe, ebenso die renommierte Kanzlei Freshfields aus unabhängiger Perspektive. Gleichzeitig gilt die Unschuldsvermutung für Julian Reichelt.

Doch jetzt beginnt die erbittert geführte Diskussion um Reichelt die Politik zu erreichen. Peter Altmaier, CDU-Politiker und Vertrauter von Bundeskanzlerin Angela Merkel, werden Victim Blaming und Sexismus in Zusammenhang mit den Anschuldigungen gegen Reichelt vorgeworfen. Auslöser des Shitstorms ist ein Tweet von Minister Altmaier. In diesem zitiert der Politiker aus der „Lore-Ley“ von Heinrich Heine aus dem Jahre 1824.

Altmaier schreibt: „Ich weiß nicht was soll es bedeuten, dass ich soo trauaurig bin, ein Märchen aus uralten Zeiten, das geht mir nicht aus dem Sinn. ... Die schönste der Jungfrauen sitzet, dort ooben wunderbar, ihr goldnes Geschmeide Blitzer, sie kämmt ihr goldenes Haar.“ Das Zitat ist die Antwort auf einen vorangegangenen Tweet, verfasst von einem Chefredaktions-Mitglied der Bild-Zeitung.

Medienexperte: Wirtschaftsminister macht bei Victim Blaming mit

Dieser hatte geschrieben: „Den Schiffer im kleinen Schiffe / ergreift es mit wildem Weh; / er schaut nicht die Felsenriffe, / er schaut nur hinauf in die Höh. / Ich glaube, die Wellen verschlingen / am Ende Schiffer und Kahn; / und das hat mit ihrem Singen / die Lore-Ley getan.“

Lorenz Meyer, Medienexperte und einer der führenden Köpfe des medienkritischen Watchblogs „BILDblog“, wittert hinter den vermeintlich harmlosen Tweets hartes Kalkül. Meyer schreibt: „Das muss man erstmal bringen: Ein hochrangiger Vertrauter von Bild-Chef Reichelt will mit dem zitierten Gedicht offensichtlich seinen Chef hinsichtlich des in Rede stehenden Fehlverhaltens gegenüber Frauen reinwaschen und der Wirtschaftsminister macht beim Victim Blaming mit.“

Kanzlei Freshfields untersucht die Vorwürfe gegen Bild-Chef Julian Reichelt

In einem Tweet eines anderen Users heißt es dazu: „Die Loreley ist der Sage nach eine Zauberin, die oben auf dem Felsen sitzend mit ihrer Schönheit die Seefahrer abgelenkt und in den Tod geführt hat. Will Cremer von der Bild andeuten, dass Reichelt von den bösen Frauen hereingelegt wurde? Und Altmaier springt auf?“

An anderer Stelle: „Was postet ein Bild-Redaktionsleiter, während Reichelt seine Macht gegenüber Frauen missbraucht? Klar: Zeilen aus Heine-Klassiker über eine Frau, die Männer ins Verderben führt! Was könnte am Weltfrauentag noch unangemessener sein.“ Ein weiterer User schreibt: „Geht, und gibt’s schon immer: Täter-Opfer-Umkehr“. Von einem anderen Twitter-Nutzer heißt es: „Er will ihn ja nicht nur reinwaschen, er will ihn zum hilflosen Opfer der weiblichen Verführung machen.“

Von Peter Altmaier, der den jetzigen Shitstorm provozierte, gab es zunächst keine offizielle Stellungnahme zu dem Tweet. Der Untergebene von Julian Reichelt hingegen versucht sich in einer Antwort zu rechtfertigen. Und versucht halbherzig zu kontern: „Merke, zwei (nachgewiesene) Liebhaber der Werke von Heine dürfen keinen kleinen Austausch über ein Gedicht haben, ohne dass wildeste Falschbehauptungen aufgestellt werden. In jede Richtung, die sich jeweilig bietet. Ich lese in der Wanne jetzt nur noch Twitter.“

Inwieweit dieser offensiv die Position Reichelts unterstützende Kommunikationsstil selbst eines Ministers eine sachliche Aufarbeitung unterstützt oder konterkariert, müssen die Untersuchungsführer des Axel Springer Verlages als auch von Freshfields beurteilen. Gleichzeitig zeigt sich hier die offenbar nur mäßig vorhandene Bereitschaft im engen Umfeld Reichelts, bis zur Klärung der Vorwürfe mit der angemessenen Zurückhaltung zu agieren.