Karlsruhe - Rund 190 Menschen haben seit Gründung des bundesweiten Krisentelefons für sogenannte Tatgeneigte vor einem Jahr beim Opferschutzverein Bios angerufen und sich beraten lassen. Das Ziel: Ein Gewaltbereiter holt sich Hilfe, statt zur Tat zu schreiten. Der Verein hatte das kostenlose und anonyme Angebot im März 2020 mit Blick auf die Corona-Krise eingerichtet.

Es ist für Leute gedacht, die zum Beispiel Angst davor haben, gewalttätig gegen einen Angehörigen zu werden, einen sexuellen Übergriff an einem Kind zu begehen oder eine verbotene Seite mit kinderpornografischem Inhalt zu besuchen. Etwa 60 Prozent der Anrufenden habe der Verein der Kategorie „tatgeneigt“ zugeordnet, sagte Bios-Sprecherin Lisa Bux. Aber auch Menschen mit Depressionen und Transsexuelle hätten über die Rufnummer 0800/7022240 Hilfe gesucht. In der Regel würden die Telefonate rund eine Stunde dauern, auch mehrmalige Anrufe seien möglich. Das Angebot sei in dieser Art deutschlandweit einmalig, so Bux.

Bis zu 20 Prozent der Hilfesuchenden seien sofort in eine Therapie aufgenommen worden, hieß es. Anderen würden passende Angebote von Partnerorganisationen gesucht, sagte Bux weiter. Wichtig sei, dass die Therapie in der Nähe des Wohnorts angeboten werde: „Wir können online zwar viel machen“, so die Bios-Sprecherin, aber „in einer Therapie sollte man nicht nur mit einer Mattscheibe reden.“

Gerade bei Themen wie sexuellen Fantasien gegenüber Kindern sei die Hemmschwelle groß, mit jemanden darüber zu sprechen. Daher entspreche die Resonanz den Erwartungen: „Vor allem haben die Personen angerufen, für die wir es konzipiert haben.“ Auch die Polizei gebe positives Feedback und vermittle potenzielle Täter.

Mehr Anrufe an Weihnachten

Vor den nach und nach immer weiter verschärften Einschränkungen des öffentlichen Lebens wegen der Corona-Pandemie im November hatte die Initiative darauf hingewiesen, dass besonders Ausgangsbeschränkungen die Gefahr bestimmter Straftaten erhöhen könnten. Gefühle von Einsamkeit oder Langeweile, Isolation, eine Zunahme von Gefahrennachrichten und finanzielle Nöte könnten Spuren hinterlassen. Das habe sich bislang glücklicherweise nicht bestätigt, sagte Bux.

Nur um die Weihnachtstage habe es mit vier bis fünf Anrufen täglich ein erhöhtes Aufkommen gegeben, berichtete sie. Das hing Bux zufolge womöglich aber auch daran, dass weniger andere Anlaufstellen in dieser Zeit für Hilfesuchende erreichbar gewesen seien.