Berlin - Hendrik Streeck sieht die Ausweitung der 2G-Regel in Deutschland kritisch. Gegenüber dem Sender RTL sagte der Virologe: „Auf den ersten Blick wirkt es wie eine gute Regelung, aber ich halte es für gefährlich.“ Streeck begründet seine Warnung zum einen mit der verminderten Testbereitschaft von Ungeimpften. Zum anderen würden Studien und Umfragen belegen, dass sich Menschen durch die 2G-Regel nicht zum impfen drängen ließen. 

Zudem hätten Geimpfte das Gefühl, nicht mehr Teil der Pandemie zu sein, weshalb sie weniger vorsichtig seien. Der Direktor des virologischen Instituts der Universität Bonn plädiert daher dafür, weiterhin viel zu testen. „Idealerweise würden wir das machen wie in England. Die haben repräsentative Stichproben, um das Infektionsgeschehen unter Geimpften und Ungeimpften genau zu verstehen“, so Streeck. Corona-Tests sollten nach Ansicht des Mediziners wieder Geimpften und Ungeimpften kostenfrei zur Verfügung stehen.

Streeck: Impf-Booster nicht für alle

Entgegen der Empfehlung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), derzufolge auch Unter-70-Jährige eine Auffrischungsimpfung nach sechs Monaten in Anspruch nehmen sollten, sagte Streeck in einem Interview mit der Fuldaer Zeitung: „Generell sieht man, dass auch ein Jahr nach der Impfung die meisten Menschen noch eine hohe Immunität haben. Das gilt übrigens auch für Genesene.“ Aus gutem Grund habe die Ständige Impfkommission (Stiko) eine „Boosterung“ nicht für alle ausgesprochen, sondern nur für Menschen ab 70.

Unterdessen wird der Ruf nach einer bundesweiten 2G-Regelung lauter. Im Freistaat Sachsen wurde bereits eine flächendeckende Einführung der Vorgabe beschlossen. Ab Montag haben nur noch Geimpfte und Genesene Zutritt etwa zu Innenräumen von Gastronomie, Clubs oder Freizeit- und Kultureinrichtungen. Ausnahmen gibt es für Kinder, Jugendliche und Menschen, die sich nicht impfen lassen können. Sie müssen allerdings einen Test vorlegen. 

In Berlin wird derweil die sogenannte 2G+-Regelung diskutiert. Event-Teilnehmer müssten sich demnach selbst dann, wenn sie geimpft oder genesen sind, zusätzlich testen lassen. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller hatte angekündigt, dass man die 2G+-Regel möglicherweise in der kommenden Woche beschließen wolle. 

Virologe Schmidt-Chanasit: 2G-Regel vermittelt „Scheinsicherheit“

Unterdessen hat der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit davor gewarnt, die Wirkung von 2G-Regeln zu überschätzen. 2G gebe eine „Scheinsicherheit“, sagte Schmidt-Chanasit am Samstag im Deutschlandfunk. Auch Geimpfte könnten sich infizieren und das Virus übertragen, auch wenn die Wahrscheinlichkeit geringer sei.

Wenn man wirklich Sicherheit wolle, helfe nur 1G weiter – also alle zu testen, egal ob geimpft, ungeimpft oder genesen. Das sollte vor allem für problematische Bereiche gelten, wo vulnerable Menschen gefährdet seien. Man sollte das wichtige Instrument des Testens nicht aus der Hand geben, mahnte der Virologe. Er warb zugleich für eine „Testoffensive“ und kritisierte, dass die kostenlosen Bürgertests Mitte Oktober abgeschafft wurden. (mit dpa)