Berlin - Unter dem Hashtag #allesaufdentisch sorgt eine Aktion im Netz für Aufsehen, die unter anderem die Corona-Maßnahmen und die mediale Berichterstattung darüber kritisiert. Mit dabei sind etwa die Schauspieler Volker Bruch, Maxim Mehmet und Wotan Wilke Möhring. Auf der dazugehörigen Internetseite wurden mehrere Videos veröffentlicht, in denen über medizinische und gesellschaftliche Aspekte der Pandemie gesprochen wird. „Mit zunehmender Sorge beobachten wir die Entwicklung des politischen Handelns in der Corona-Krise“, heißt es dort. 

Die Videos gingen am Donnerstagvormittag auch auf Youtube online. In den Clips interviewen Künstler aus ganz Deutschland von ihnen ausgewählte Fachleute zum Thema Corona. Es geht um eine mögliche Impfpflicht, die Infektionszahlen, die Medien und die Kinder in der Pandemie.

Runder Tisch für Corona-Krisenmanagement gefordert

Bei #allesaufdentisch handelt es sich um eine Folgeaktion: Bereits im April kritisierten  Dutzende prominente Schauspieler mit der Kunstaktion #allesdichtmachen die Corona-Maßnahmen in Deutschland. In ihren Videos schlugen die Teilnehmer oft einen ironischen und sarkastischen Ton an. Es gab breite Zustimmung, aber auch heftige Kritik an der Aktion. Viele Schauspieler zogen ihre Clips nach massiven Shitstorms zurück, andere wie der Schauspieler Volker Bruch („Babylon Berlin“) behielten sie im Netz.

Bruch, der bereits ein prominentes Gesicht der Aktion #allesdichtmachen war, ist auch im Impressum der Seite als Verantwortlicher aufgeführt. Teil der Aktion #allesaufdentisch ist eine Petition, die einen „Runden Tisch“ für das Corona-Krisenmanagement fordert. In den 55 Videos kommen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler „vieler Disziplinen u.a. der Medizin, Virologie, Epidemiologie, Psychologie sowie den Rechtswissenschaften, Ökonomie und Ethik zu Wort“. Auch die beteiligten Künstlerinnen und Künstler sollen verschiedene Hintergründe haben.

So interviewt Volker Bruch selbst den anerkannten Medienwissenschaftler Michael Meyen, Kommunikationswissenschafts-Professor der Uni München. Meyen schrieb zahlreiche Bücher. Er nannte den Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen einen „professionellen Journalisten“. Meyen hinterfragt im Interwiev mit Volker Bruch die Arbeit von Faktencheckern und behauptet, dass es ein internationales Netzwerk besagter Faktenchecker gebe. Belege dafür bringt er nicht vor.  Auch den Begriff Fakt und die Verwendung von Fakten hinterfragt er. Faktenchecker müssten angeblich zertifiziert sein. Auch für diese Behauptung liefert Meyen keine Belege.

#allesaufdentisch: Wichtiger Dialog zwischen Künstlern und Wissenschaftlern?

Auf Twitter sind unterdessen ähnliche Reaktionen wie bei #allesdichtmachen im April zu beobachten. Zustimmung und scharfe Kritik wechseln sich ab. „Ein wichtiger Dialog zwischen Künstlern und Wissenschaftlern“, heißt es von Befürwortern, die zum Mitmachen auffordern. „Bis auf Wotan und den Babylon-Typ kenne ich da niemanden. Wird wohl bald zurecht in der Versenkung verschwinden diese Aktion“, schreibt ein Kritiker auf Twitter. Ein dritter User schimpft: „Werdet endlich erwachsen!“ 

Viele Kommentare sind eher unter der Gürtellinie, andere dafür in gemäßigtem Ton. „Während bei #allesdichtmachen professionelle und kurze Videos zu bewundern waren, sind hier langatmige, unprofessionelle ‚Interviews‘ zu sehen“, schreibt ein User.  Die Aktion sei unseriös, weil sie mit dem Schauspieler und #allesdichtmachen-Teilnehmer Jan-Josef Liefers beworben werde, der bei #allesaufdentisch aber offenbar nicht dabei ist.

Politikwissenschaftler spricht von „schädlichem Narrativ“

Nach Ansicht eines Experten für Verschwörungsideologien befeuert die Aktion ein „schädliches Narrativ“. Über die Schauspieler und Künstler verbreiteten sich wissenschaftliche Minderheitenmeinungen über die Pandemie-Leugner-Szene hinaus, diese würden als Mehrheitspositionen dargestellt, sagte Politikwissenschaftler Josef Holnburger. „Durch einen wissenschaftlichen Anschein werden die Beiträge aufgewertet.“

Solche Debatten würden aber auf Konferenzen und in Studien geführt – zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, sagte Holnburger. Zudem ließen sie sich selten nur durch zwei Personen darstellen. „Mit der Aktion zieht man den Diskurs aus der Forschung heraus.“ Es entstehe ein Ungleichgewicht („false balance“) der wissenschaftlichen Standpunkte, so der Geschäftsführer des Centers für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS), das unter anderem Desinformation in sozialen Medien beobachtet. „Man holt sich Vertreter und Vertreterinnen einer wissenschaftlichen Minderheitenmeinung und setzt ihnen Gesprächspartner aus Kunst, Kultur und Schauspiel gegenüber statt anderer Forschender.“