Neapel - Die 300 Grad heiße Asche begrub alles unter sich: Menschen, Häuser, Gärten. Als im Jahre 79 n. Chr. der Vesuv ausbracht, radierte er ganze Ortschaften aus, darunter Pompeji und Herculaneum.

Rund 4000 Menschen lebten seinerzeit in dem kleinen Hafenstädtchen, das insofern etwa halb so groß war wie das heute viel bekanntere Pompeji. Die Menschen lebten in relativem Wohlstand, sie betrieben Ackerbau, lebten vom Fischfang. Sie hatten aber auch Zeit für Muße – und davon zeugt die beeindruckende Villa dei Papiri.

Die Villa der Papyrusrollen war ein sehr pompöses Wohn-Anwesen, 253 mal 32 Meter groß, mit Meerblick sowie einer beeindruckenden Bibliothek. So wurden mehr als 1800 griechische Papyrusrollen in einem 3 mal 3 Meter großen Raum aufbewahrt – es ist die einzig erhaltene Bibliothek der Antike. Die Schriften waren auch Namensgeber für die Villa dei Papiri, die 1750 von dem Ingenieur Karl Weber entdeckt wurde. Der Schweizer gilt seither als Pionier der Archäologie.

Eigentümer des Anwesens war der Politiker Lucius Calpurnius Piso Caesonius, der Schwiegervater des berühmt-berüchtigten Caesar. Die Villa in Herculaneum ist heute nicht mehr begehbar, wurde aber in Los Angeles originalgetreu nachgebaut – inklusive des 100 Meter langen Wasserbeckens im Innenhof.

Als der Vesuv ausbrach, wurden die Papyri durch die große Hitze verkohlt und mit Asche bedeckt. Sie lagerten sowohl in der Mitte des Raumes, als auch an den Wänden in Regalen. Unter den Schriftrollen waren sehr viele des antiken Philosophen Philodemus von Gadara (ca. 110 v. Chr. bis 40 oder 35 v. Chr.), genannt Philodem. Die Papyri werden heute in der Nationalbibliothek in Neapel aufbewahrt, darunter auch rund 5000 Bruchstücke von entrollten Schriften.

D. Delattre, Bibliothèque de l’Institut de France
Brüchig wie Blätterteig: Eine verkohlte Papyrusrolle aus der Villa dei Papiri in Herculaneum.

Die Reste der Schriften sind braunschwarz, fest zusammengerollt, mit bloßem Auge ist kein Buchstabe zu erkennen. Dr. Kilian Fleischer von der Universität Würzburg hat sich vorgenommen, das zu ändern. Der Altphilologe leitet das Forschungsprojekt „Philodems Geschichte der Akademie (Index Academicorum)“ und entschlüsselt Papyri mit modernsten Hilfsmitteln. „Das ist wie ein Puzzle“, sagt der Wissenschaftler.

„Als die Papyri vor 250 Jahren entdeckt wurden, hat man den Großteil auseinandergerollt – aus heutiger Sicht etwas dilettantisch. Vieles ist dabei unwiederbringlich zerbröselt“, so Fleischer. „Normalerweise ist solch eine Papyrusrolle zehn bis 15 Meter lang. Aber aus praktischen Zwecken wurden sie beim Aufrollen in etwa 30 bis 40 Zentimeter lange Teile zerschnitten.“ Erhalten sind also viele Schnipsel, mal größer, mal kleiner.

Fleischer konzentriert sich auf eine bestimmte Rolle, wie er berichtet: „Sie ist Teil eines zehnbändigen Werks, das Philodem über Platons Philosophenschule verfasst hat.“ Die Rolle wird Index Academicorum genannt und ist somit Namensgeberin für das Forschungsprojekt des Wissenschaftlers.

Kilian Fleischer
So sehen die Papyrusfragmente, die mittels modernster Technik gescannt werden, im Original aus.

Der Papyrus ist auf beiden Seiten beschrieben und umfasst rund 5000 Wörter. Ursprünglich waren es wohl um die 20.000 Wörter, doch etliche Fragmente wurden beim Entrollen zerstört. „Insgesamt lässt sich der Inhalt aber gut erschließen und rekonstruieren“, so Dr. Kilian Fleischer, der seit vier Jahren jeden Tag daran arbeitet. Noch bis Anfang 2023 dauert das Projekt.

Fleischers Papyrus-Stück ist ein Autorenmanuskript mit Anmerkungen und Änderungsvorschlägen. „Es enthält aber auch Schülerlisten, Biografien, Anekdoten“, so der Altphilologe weiter. „Es sind Informationen, von denen bislang niemand wusste. Sie galten als verloren.“

Dank modernster Technik geben die Papyri ihre Informationen preis

Die Schriften werden mittels sogenannter multispektraler Bildgebungsverfahren (MSI) erforscht. Die Papyri werden mit Licht unterschiedlicher Wellenlängen fotografiert, wodurch der Kontrast verbessert wird: Man kann Tinte und Papyrus besser voneinander unterscheiden, sodass auch Text lesbar wird, der für das menschliche Auge unsichtbar ist.

Fleischer erstellte mit einem Team auch erstmals Hyperspektralbilder (HSI) eines Herkulanischen Papyrus. Hierbei nutzt man noch mehr Wellenlägen und kann Buchstaben sichtbar machen, die dem bloßen Auge oder den MSI sonst verborgen bleiben. Eine innovative und bahnbrechende Technik.

Universität Würzburg/Gunnar Bartsch
Dr. Kilian Fleischer von der Uni Würzburg entziffert 2000 Jahre alte Papyri. Auf dem Laptop ist der Scan von einem Fragment zu sehen, das der Forscher entschlüsselt.

Nur durch solche Technologien ist es möglich, die Papyri nun umfassend zu lesen und ihren Inhalt zu entschlüsseln, sagt Fleischer, der regelmäßig einen ganzen Tag lang vor dem Scan des Papyrusstücks sitzt und rätselt: „Ist das Tinte oder eine dunkle Faser? Mitunter ist das wirklich harte Arbeit.“ Manchmal reicht es schon, wenn er einen einzelnen neuen Buchstaben entdecke. Dieser könne den Anstoß für ein neu entschlüsseltes Wort geben und dieses wiederum trägt dazu bei, einen ganzen Satz zu entziffern.

Große Hoffnungen setzt der Altphilologe nun auf eine Art Kernspintomographen (X-Ray-Phase contrast tomography), um noch ungeöffnete Rollen virtuell aufzuwickeln und zu lesen: „Ein Erfolg des virtual unrolling in naher Zukunft wär eine Riesensensation und würde uns Forscher sehr viel weiterbringen“, sagt Fleischer. In den nächsten zwei bis drei Jahren könnte es so weit sein und Hunderte bisher verloren geglaubte antike Texte wieder ans Licht kommen – mit dem Potenzial für eine zweite Renaissance.