Eigentlich sollte Karl Lauterbach dort sitzen. Auf dem cremefarbenen Sessel, gegenüber von Sandra Maischberger. Lauterbach hat sich jedoch „stark erkältet“ (kein Corona, versicherte die Moderatorin) und musste den TV-Auftritt bei „Maischberger. Die Woche“ kurzfristig absagen. An seiner statt nahm Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen bei Maischberger Platz und diskutierte mit dem Lungenfacharzt Thomas Voshaar über die aktuelle Corona-Politik. Zielscheibe von Voshaars Kritik waren dann beide, Lauterbach und Dahmen.

Pneumologe Voshaar – auch Verbandschef der deutschen Lungenkliniken – führt an, dass die Belastung des medizinischen Personals auf Intensivstationen nicht zum „Maßstab aller Dinge“ gemacht werden sollte. Er sage das als Arzt, der vom ersten Tag an mitten im Gefecht stehe. Auch die Zahl der dort betreuten Patienten sei wenig aussagekräftig: Die Belegung sei „sehr, sehr heterogen“ – sowohl Leicht- als auch Schwerkranke seien inzwischen auf Intensivstationen untergebracht, erklärt der Experte. Die Datenlage sei nicht differenziert genug, um auf ihrer Basis argumentieren zu können.

Sandra Maischberger lenkt das Gespräch auf ein Papier, das von Voshaar und weiteren Wissenschaftlern verfasst wurde. Darin heißt es, dass Omikron „eine Hoffnung“ und „Chance“ sei, mit dem Virus zu leben. Die Strategie einer vollständigen Ausrottung sei durch Omikron gescheitert. Omikron mache es möglich, das Virus einfach laufen zu lassen – mit anderen Worten: die Bevölkerung zu durchseuchen, so die Grundthese des Papiers.

Omikron-Variante „vom Himmel geschickt“?

Voshaar adressiert Gesundheitsexperte Dahmen (stellvertretend für die Regierung) direkt: „Auf welchen Moment“ wolle er eigentlich warten, um Varianten, die zwar hochansteckend, aber wenig gefährlich sind, mehr Raum zu geben? Der Ausweg aus einer Pandemie sei immer nur der Übergang zur Endemie, der durch „wiederholte Infektionen“ auf Basis einer „stabilen Grundimmunisierung“ zu erreichen sei. Und weil Omikron jene Variante mit hoher Infektiosität bei geringer Gesundheitsgefahr sei, jene Variante also, die uns den Weg aus der Pandemie ebnen könne, sei sie „vom Himmel geschickt“, so die Worte des Pneumologen.

Grünen-Gesundheitsexperte Dahmen sieht das anders. Das seien „die falschen Worte“: Angesichts der vergleichsweise geringen Impfquote, besonders bei den Über-60-Jährigen, sei Deutschland „schlecht vorbereitet“ mit Blick auf eine mögliche Durchseuchung. Vorausschauende Planbarkeit statt vorschnelles Lockern sollten die Handlungsmaxime der nächsten Wochen sein, so Dahmen.

Voshaar: Es braucht jetzt „ein bisschen Optimismus“

Indes sieht Voshaar in der politischen Kommunikation während der Pandemie ein Hauptproblem. Der Genesenen-Status sei ein Beispiel dafür, „dass man seine wissenschaftliche Arbeit nicht gut gemacht“ habe, kritisiert er. Inzwischen gebe es „jede Menge Studien“, die belegen, dass die Genesung „mindestens“ so starken Schutz bedeute wie die zweifache Impfung. Zum Schluss gibt Voshaar dem Grünen-Gesundheitsexperten noch ein paar politische Ratschläge mit auf den Weg: Gemeinsam mit RKI-Chef Wieler und Gesundheitsminister Lauterbach solle dieser erklären, dass die Datenlage zum Genesenen-Status inzwischen aktueller sei.

Folglich sollte die Verkürzung des Genesenen-Status „auf der Stelle“ zurückgenommen werden, auch um das Vertrauen der Bevölkerung nicht gänzlich zu verlieren, meint der Experte. Was es jetzt brauche, sei „ein bisschen Optimismus“: Den Menschen müsse auch mal gesagt werden, wo ein Ausweg aus der Pandemie sei, bekräftigt Voshaar. Dieser Weg sollte nicht von einer „obsessiven Angst getriggert“ sein. Nicht von ihr sollte man sich treiben lassen, „sondern von der Vernunft“.

Bei Twitter erfährt Pneumologe Voshaar für seinen TV-Auftritt viel Zustimmung, der Hashtag #maischberger trendet derzeit. Eine Nutzerin etwa wünscht sich Voshaar zum Gesundheitsminister. Twitter-Nutzer Michael Ziesmann spricht von der „fachlichen Zerstörung des Janosch Dahmen“.