Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine vor knapp zwei Wochen haben die ukrainischen Streitkräfte ein erstaunliches Maß an Widerstandsfähigkeit an den Tag gelegt. Analysten zufolge basiert ihre Leistung gegen die zahlenmäßig weit überlegene russische Armee auf einer Kombination aus guter Vorbereitung, nationaler Solidarität und russischen Fehlern. Fünf Gründe, warum die Ukraine den russischen Streitkräften bislang einigermaßen standhalten konnte:

Vorbereitung: Seit 2014, als Russland die ukrainische Halbinsel Krim in einer Blitzoperation annektierte und pro-russische Separatisten Teile der Ostukraine überrannten, hat die Ukraine mit westlicher Hilfe ihre Streitkräfte deutlich aufgestockt. Im Jahr 2016 begannen die Nato und Kiew ein Ausbildungsprogramm für ukrainische Spezialkräfte, inzwischen ist diese Truppe 2000 Mann stark.

„Die Ukrainer haben die vergangenen acht Jahre damit verbracht, den Widerstand gegen eine russische Besatzung zu planen, sich auszubilden und auszurüsten“, sagt Douglas London von der Georgetown Universität. Da die Ukraine wisse, dass die USA und die Nato ihr auf dem Schlachtfeld nicht zu Hilfe kommen werden, konzentriere sich die Strategie Kiews darauf, „Moskau bluten zu lassen, um eine Besetzung unmöglich zu machen“.

Ortskenntnis: Russland, das wohl auf die noch aus Sowjetzeiten stammende Vertrautheit mit dem ukrainischen Staatsgebiet baute, hat offenbar den Heimvorteil der ukrainischen Streitkräfte unterschätzt. Dazu gehören sowohl die Kenntnis des Geländes - zu einer Jahreszeit, in der sich die Wege in schlammige Trassen verwandeln können - als auch die Bereitschaft der Zivilbevölkerung, selbst zu den Waffen zu greifen.

In einem solchen Szenario können schwächere Kräfte ihre Vorteile gegenüber stärkeren Gegnern maximieren - „Geländevorteile, lokale Kenntnisse und soziale Verbindungen“, nennt das Spencer Meredith, der als Professor am College of International Security Affairs lehrt.

Die Herausforderungen für den Angreifer werden demnach noch größer, wenn es zu Kämpfen in den Städten kommt - etwa wenn Russland versucht, in die Hauptstadt Kiew einzudringen. „Das würde alles ändern“, heißt es aus französischen Militärkreisen. „Die Russen werden an jeder Straßenecke in Schwierigkeiten geraten, Gebäude für Gebäude.“

Solidarität: Angeführt von Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich nach wie vor in Kiew aufhält, obwohl dort bei einem russischen Eindringen sein Leben auf dem Spiel steht, haben die Ukrainer ein Höchstmaß an Widerstandsfähigkeit an den Tag gelegt. Einfache Bürger haben sich freiwillig gemeldet, um an der Front zu kämpfen. Im Internet kursieren Aufnahmen, die zeigen, wie Zivilisten Molotow-Cocktails bauen oder Bauern erbeutetes russisches Militärgerät mit ihren Traktoren abschleppen.

Strategische Fehler Moskaus: Analysten zufolge hat Russland in den ersten Tagen nach seinem Einmarsch mehrere strategische Fehler begangen. Unter anderem habe der Kreml in der Anfangsphase zu wenig Bodentruppen entsandt und es versäumt, die Streitkräfte zu Land und in der Luft gemeinsam operieren zu lassen.

Offenbar hatte Moskau damit gerechnet, binnen weniger Tage einen militärischen Erfolg zu erzielen. „Am Anfang dachten sie, sie könnten sehr schnell Einheiten in die Hauptstadt Kiew einschleusen“, sagt der Direktor des Russland-Studienprogramms am Center for Naval Analyses in den USA, Michael Kofman. „Aber sie haben sich schon sehr früh ein blaues Auge geholt.“

Psychologische Kriegsführung: Die Moral der russischen Truppe wird durch die Todesopfer auf eigener Seite, zu denen laut Angaben aus französischen Militärkreisen mindestens ein Generalmajor gehört, nicht gerade gestärkt. Ein Zeichen dafür sei unter anderem, dass sich die oberste militärische Elite gezwungen gesehen habe, die Soldaten an der Front zu besuchen. Nach Ansicht von Tom Pepinsky von der Brookings Institution spielt die sinkende Moral der Russen den Ukrainern in die Hände. „Der ukrainische Widerstand wird am effektivsten sein, wenn die Russen nervös, schlaflos und anfällig für Überreaktionen sind.“