Paris - Der französische Tweet der zu Danone gehörenden Wassermarke Evian bestand nur aus wenigen Worten. „RT Si vous avez déjà bu 1L aujourd’hui!“. Das bedeutet übersetzt: „Verbreiten Sie diesen Tweet weiter, wenn Sie heute bereits einen Liter getrunken haben!“ Über diese wenigen Worte ist in Frankreich jetzt ein Streit entbrannt, bei dem es um Islamophobie, Rassismus, Minderheiten, verletzte religiöse Gefühle sowie um Meinungsfreiheit, Cancel Culture und Puritanismus geht. 

Teile der muslimischen Gemeinde in Frankreich attackierten Evian scharf, nachdem das Unternehmen Menschen am 13. April per Twitter dazu aufgefordert hatte, Wasser zu trinken. An diesem Tag beginnt der diesjährige Ramadan. Der Ramadan hat für Muslime weltweit eine zentrale Bedeutung. Während dieses Monats ist nach dem Koran das Fasten eine der Hauptpflichten für die Gläubigen. Dann verzichten Muslime in der Regel von der Morgendämmerung bis Sonnenuntergang auf Essen, Trinken und Sex.

Das für den Tweet von Evian gewählte Datum sei daher „kein Zufall“, eine „bewusste Provokation“ und zeige „die islamophobe und rassistische“ Einstellung von Teilen der französischen Gesellschaft, so die Vorwürfe vieler User. Evian zeigte sich in einer schnellen Reaktion auf die Vorwürfe prompt reumütig.

Französischer Autor spricht von „Entrismus der muslimischen Religion“

Und entschuldigte sich noch am 13. April für den Tweet. „Bonsoir, ici la team Evian, désolée pour la maladresse de ce tweet qui n'appelle à aucune provocation!“, schrieben die Social Media Mitarbeiter, was übersetzt bedeutet: „Guten Abend, hier ist das Team Evian, wir entschuldigen uns für den ungeschickten Tweet, der keinerlei Provokation darstellt.“

Nun wird in sozialen Netzwerken, in französischen und britischen Leitmedien wie der Times sowie den öffentlich-rechtlichen Sendern in Frankreich teils heftig über den Tweet und die Entschuldigung von Evian diskutiert. Auch die Politik hat sich inzwischen geäußert. In der angesehenen Zeitung Le Figaro, die neben Le Monde als die wichtigste meinungsbildende Zeitung Frankreichs gilt, schreibt Essayist und Buchautor Mathieu Slama, dass sowohl die ursprüngliche Auseinandersetzung als auch die Reaktion von Evian einiges über den „Zustand unserer öffentlichen Debatte“ sowie „unser kollektives Scheitern angesichts der Religiosität und des Entrismus der muslimischen Religion“ aussage. 

„Cancel Culture zerstört Karrieren und Unternehmen“

Besagter Entrismus stelle, so Slama weiter, nahezu „alle überlieferten Werte unserer Kultur“ in Abrede. „Im Namen des einer Religion geschuldeten Respektes müssten wir auf bestimmte Freiheiten verzichten. Im Namen dieses Respektes müssten wir Grenzen der Freiheit akzeptieren, müssten wir bestimmten Empfindlichkeiten gerecht werden.“

Mit anderen Worten würde das bedeuten, „von Evian und von anderen Marken oder Institutionen zu fordern, bei ihren Mitteilungen die religiösen Besonderheiten einer Gemeinschaft zu berücksichtigen. Wie sollte man in einer solchen Anweisung nicht eine extrem gefährliche Schräglage für unsere Demokratie erkennen?“, fragt der in Frankreich populäre Autor.

Hinter der Entschuldigung von Evian vermutet Slama zudem einen wirtschaftlichen Aspekt: So wolle man sich als progressiv beweisen, auch wenn „dies dazu führt, Ideen zu verteidigen, die von einem demokratischen Gesichtspunkt aus gefährlich sind“. Evian habe sich demnach entschuldigt, weil man „angesichts einer möglichen Boykottaktion durch Muslime Angst bekommen hat“.

„Meute der Beleidigten“ und „erbärmliche Entschuldigung“

Diese „Cancel Culture“, so Slama weiter, „dieses Produkt einer angelsächsischen puritanischen und intoleranten Kultur, zerstört Karrieren und Unternehmen, je mehr sie an Einfluss gewinnt“. Man dürfe dieser „neuen Intoleranz nicht nachgeben“ und müsse heute „mehr denn je die Werte, auf denen unsere Gesellschaft beruht, proaktiv verteidigen“. 

Ebenfalls zu Wort meldete sich Raphaël Enthoven, Philosoph, Autor, Moderator und Ex-Partner von Carla Bruni. Enthoven spottete bei Twitter: „Gegen die erste Firma, die mir am Jom-Kippur-Tag was von Essen erzählt, prozessiere ich wegen Beleidigung“.

Auch die Politik ist mittlerweile in die Diskussion eingestiegen, Sarah El-Haïry, Staatssekretärin für Jugend und Engagement, sagte dem Sender RTL France: „Twitter ist nicht das wahre Leben, und es ist eine Schande, dass sich die Marke entschuldigt. Es sagt etwas über unsere Gesellschaft aus, wenn wir es schaffen, Evian zum Zweifeln zu bringen. Das ist ist traurig und das ist skandalös.“

Man spreche hier schließlich davon, dass eine Firma, die Wasser verkaufe, Werbung für Wasser mache, sagte El-Haïry sichtlich aufgeregt.

Die in Frankreich ebenfalls populäre Journalistin und Essayistin Eugénie Bastié schrieb dazu: „Évian entschuldigt sich dafür, am ersten Tag des Ramadan zum Trinken von Wasser aufgefordert zu haben. Man weiß nicht, was am ärgerlichsten ist: die Meute der Beleidigten nach dem Anfangstweet oder diese erbärmliche Entschuldigung, die vor dem Opfer-Shitstorm einknickt“.