Berlin/Warschau - Knapp 600 Kilometer entfernt von Berlin liegt eine Stadt, die den Reisenden auf eine Zeitreise schickt. Auf eine Reise in die Zeit vor Corona, vor Masken, vor all den Regeln, Einschränkungen und Verboten. Ich war mit einigen Freunden für vier Tage in Warschau. Wir haben eine Stadt erlebt, in der es zumindest in der Öffentlichkeit kein Corona zu geben scheint. Und in der das Leben tobt. Gleich vorweg: Ja, es hat sich gut angefühlt. Und es hat Mut gemacht, dass auch hier das Leben irgendwann wieder normal werden wird.

Natürlich haben wir uns vor Reisebeginn auf der Seite des Auswärtigen Amtes erkundigt, ob und wie eine Reise nach Polen möglich ist. Und ob es überhaupt Sinn macht. Bis auf wenige Ausnahmen gilt demnach eine Quarantänepflicht, von der man sich aber freitesten kann. Auch für Geimpfte oder Genesene gilt die Quarantäne nicht. Da wir alle entweder geimpft oder genesen sind, sollte uns zumindest die Einreise nicht vor Probleme stellen. Mit digitalisierten Impfnachweisen und sorgsam in Folien verwahrten Quarantäneanordnungen der hiesigen Behörden ausgestattet reisen wir also in unser Nachbarland. 

Sehen will unsere Nachweise auf dem Weg nach Polen via Zug aber dann niemand. Wirklich niemand. Mehrfach marschieren polnische Polizeikräfte im Zug an uns vorbei, einmal bleiben sie stehen und mustern uns. Vorbildlich und gut erzogen ziehen wir unsere Quarantänenachweise hervor und wollen sie den Grenzern zeigen. Wir ernten aber nur eine abwertende Handbewegung und ein paar grunzende Laute, die zumindest nach unserer Auffassung wohl bedeuten: Lasst uns mit dem Quatsch in Ruhe. Etwas, das wir in den folgenden Tagen sehr oft signalisiert und auch direkt gesagt bekommen werden. 

Auswärtiges Amt: In Polen herrschen strenge Regeln

Ok, die Einreise ist also schonmal kein Problem. Wie es wohl in Warschau selber sein wird? Weil die Internetseite der polnischen Behörden logischerweise auf Polnisch gehalten ist und wir den zumeist mäßig exakten Übersetzungsdiensten bei dem weltweiten Regel-Wirrwarr rund um Corona nicht trauen, haben wir uns beim guten, alten Auswärtigen Amt informiert. 

Hier heißt es unter anderem:

  • Das öffentliche Leben ist eingeschränkt.
  • Es besteht eine Maskenpflicht in geschlossenen Räumen und in öffentlichen Verkehrsmitteln.
  • Der Mindestabstand im öffentlichen Raum beträgt 1,5 Meter.
  • Geschäfte, Banken und Tankstellen dürfen nur mit Handschuhen betreten werden, die von den Geschäften zur Verfügung gestellt werden müssen.
  • Die Einhaltung der Vorschriften wird von der Polizei verstärkt kontrolliert, bei Verstößen drohen Geldstrafen. Verstöße können mit Geldbußen in Höhe von 5000 bis 30.000 PLN geahndet werden.

Ok, im worst case also über 6000 Euro Strafe. Hm. Da wir das auch in Ermangelung eines heimischen Goldesels natürlich nicht wollen und vergleichbare Regeln sowieso aus Deutschland gewohnt sind, behalten wir also auch im Zug zunächst brav unsere Masken auf. Auch wenn wir nahezu die einzigen sind, egal. 

Als wir gegen Abend in Warschau ankommen und am Hauptbahnhof aussteigen, haben wir unsere inzwischen alltäglich gewordenen Stoffbegleiter noch immer auf Mund und Nase – und wieder sind wir die einzigen. Am ganzen Bahnhof. Kein Reisender, kein Schaffner, kein Verkäufer trägt einen wie auch immer bezeichneten Mund-Nasen-Schutz. Dann stiefelt ein Trupp Polizisten an uns vorbei – und auch von ihnen trägt niemand irgendetwas im Gesicht. Also nehmen auch wir unsere Masken ab und machen uns zu Fuß auf den Weg in die Unterkunft. 

„Fuck Covid, man!“

Als wir nach kurzem Frischmachen lostigern und wenig später die erste einladende Bar entdecken, fallen wir beinahe vom deutschen Corona-Glauben ab. Der Laden ist voll, innen und außen. Keiner hat hier eine Maske auf. Keiner hält Abstand. Keiner kontrolliert Abstände. Keiner will einen Test sehen. Keiner will Kontaktdaten zwecks Nachverfolgung, zumindest nicht im Hinblick auf Corona. Als ich mich über den Tresen beuge und die Barkeeperin meine seit Monaten treueste Begleiterin – die am Arm baumelnde Maske – entdeckt, blafft sie mich an: „Put away the mask, it's a party here! What you want to drink?“ Auf die leicht eingeschüchterte Nachfrage, wie es denn hier eigentlich mit den Corona-Regeln so sei, kommt die ebenso kurze wie klare Antwort: „Fuck Covid, man!“

Privat
Menschen beim Flanieren an der Weichsel, andere sehen sich gemeinsam das EM-Finale an.

Als wir später in einem Club landen, fühle ich mich endgültig in die Zeit vor Corona zurückversetzt. Kontaktdaten und Tests vorzeigen, die Masken bitte nur am Tisch abnehmen? So wie man es aktuell aus dem einst wildesten Club Europas, dem Berghain, kennt? Weit gefehlt. Die Türsteher suchen nach reinen Türsteher-Kriterien aus. Passen Gesicht, Style und Verhalten, kommst du rein. Sonst nicht. So einfach ist das.

Corona und irgendwelche damit verbundenen Regeln oder Einschränkungen spielen hier schlichtweg keine Rolle. Wir sehen den gesamten Abend nicht eine einzige Maske. Stattdessen: Menschen, die lachen, trinken, rauchen, feiern, singen, prosten, flirten, tanzen und knutschen, als wäre es die letzte Party ihres Lebens. 

Auch beim Public Viewing zum EM-Finale an der Weichsel sitzen wir einen Tag später dicht an dicht gedrängt im Sand. Die Sicherheitskräfte passen lediglich darauf auf, dass noch Durchgänge für Passanten auf der angrenzenden Promenade bleiben. Corona-Regeln? Scheinen nicht zu existieren. Nirgends. In den Supermärkten, Klamottenläden, Frühstückslokalen oder Drogeriemärkten hat niemand eine Maske auf, und Abstände werden nur zufällig eingehalten, wenn zu wenige Menschen im Laden sind. Spätestens beim Anstehen an der Kasse stehen die Menschen so an, wie es auch hierzulande üblich war, bevor Corona das Leben komplett umgekrempelt hat.  

Lachende, flirtende und glückliche Menschen in Warschau

Nun könnte man sagen, das Verhalten ist verantwortungslos. Man könnte sagen – wie könnt ihr nur? Man könnte sagen, die Menschen in Warschau sind alle Corona-Leugner, Verschwörungstheoretiker, Aluhut-Träger. Man könnte die Menschen in dieser wunderschönen Stadt, die keine Masken tragen und Corona ganz offensichtlich ignorieren, allesamt verurteilen. Und ich bin überzeugt davon, dass viele, die diesen Text gelesen haben, so denken werden. Und der Meinung sind, man müsste das Verhalten der Warschauer kritisch hinterfragen, mit Zahlen, Inzidenzen und Vergleichswerten arbeiten, um die Verantwortungslosigkeit der Menschen wissenschaftlich untermauert zu beweisen. 

Man könnte aber auch sagen, die Menschen in Warschau haben ganz einfach gelernt, mit dem Virus zu leben. Fakt ist: Ich habe in den vergangenen Tagen so viele fröhliche, lachende, schnatternde und ehrlich glücklich wirkende Menschen gesehen wie in Berlin oder Deutschland seit über einem Jahr nicht mehr.

PS: Auf dem Rückweg nach Deutschland gingen kurz vor Frankfurt die polnischen Schaffner durch den Zug und wiesen die Passagiere darauf hin, dass man bitte an die Maskenpflicht denken solle, wir würden demnächst über die Grenze fahren. Als wir sie passiert hatten und wieder auf deutschem Boden waren, saß ich also wieder mit Maske im Zug. Etwas länger als gedacht übrigens, weil eine Signalstörung die Weiterfahrt verzögerte. Und Handyempfang hatte ich plötzlich auch nicht mehr. Dafür den folgenden, leicht betrübten Gedanken: Willkommen zurück.