Paris - Milliarden Jahre zurück ins Universum zu blicken – das soll mit dem neuen Weltraumteleskop James Webb möglich sein. Nach Jahrzehnten der Entwicklung und mehreren Verzögerungen soll die Rakete mit der kostbaren Fracht nun an Heiligabend vom Weltraumbahnhof in Kourou in Französisch-Guyana starten.

Das neue Teleskop übertrifft seinen Vorgänger Hubble in Größe und Komplexität bei Weitem. Sein Spiegel misst 6,5 Meter im Durchmesser und muss gefaltet werden, um überhaupt in die Ariane-5-Rakete zu passen, die das Teleskop auf seine Umlaufbahn bringen wird. Das James-Webb-Teleskop soll die Frühzeit des Universums erforschen, nur wenige hundert Millionen Jahre nach dem Urknall. Es werde „einen nie zuvor gesehenen Teil von Raum und Zeit direkt beobachten“, erklärt die US-Weltraumbehörde NASA.

Weiter in den Weltraum zu blicken bedeutet, weiter zurück in die Vergangenheit zu sehen. Während das Licht der Sonne acht Minuten braucht, um unsere Augen auf der Erde zu erreichen, wird das neue Teleskop das Licht der ersten Galaxien einfangen, die vor mehr als 13,4 Milliarden Jahren entstanden sind.

Astrophysiker: Webb könne „viel, viel mehr Galaxien“ enthüllen

Der Hubble-Satellit, der seit 1990 im Einsatz ist, beobachtet hauptsächlich das sichtbare Licht. Webb hingegen konzentriert sich auf die Infrarot-Strahlung. Das Teleskop werde noch genauere Bilder liefern, mit einer 100-mal höheren Empfindlichkeit, sagt der Schweizer Astrophysiker Pascal Oesch. Er ist sich sicher, dass „viel, viel mehr Galaxien enthüllt werden, die aber viel weniger hell sind“.

Webb soll dazu beitragen, eine Schlüsselphase in der Entwicklung des Universums zu erklären, als „die Lichter angingen, als die allerersten Sterne zu entstehen begannen“, erläutert Oesch. Letztlich geht es auch darum, herauszufinden, ob die Erde einzigartig ist oder ob es ähnliche Planeten gibt, auf denen Leben entstehen könnte.

Das neue Teleskop, benannt nach einem ehemaligen Direktor der US-Raumfahrtbehörde, wurde gemeinsam von der NASA, der europäischen Weltraumorganisation ESA und der kanadischen Weltraumagentur CSA entwickelt. Auch das Max-Planck-Institut für Astronomie, die Universität Köln sowie mehrere deutsche Unternehmen beteiligten sich.

Spiegel und Sonnenschutzschild des Teleskops sind so groß wie ein Tennisplatz

Das 1989 gestartete Projekt sollte ursprünglich Anfang der 2000er Jahre in Betrieb gehen. Immer neue Probleme verzögerten das Vorhaben, die Kosten verdreifachten sich auf fast 10 Milliarden Dollar (8,8 Milliarden Euro). „Die Aufregung ist groß, wir haben lange auf diesen Moment gewartet“, sagt Pierre Ferruit, Wissenschaftler bei der ESA, der den größten Teil seiner Karriere dem Projekt widmete. Schon jetzt konkurrierten Forscher um den Zugang zu dem neuen Teleskop, das unsere Sonne umkreisen soll.

„Die Nachfrage nach Beobachtungszeit ist sehr groß. Allein für das erste Betriebsjahr hat die ESA über tausend Anträge erhalten“, sagt Ferruit. „Auch nach 20 Jahren sind die Fragen, für deren Beantwortung Webb gebaut wurde, noch genauso dringlich.“

Doch bis das Teleskop die ersten Bilder liefert, dauert es noch eine Weile: In etwa einem Monat soll es seine Umlaufbahn 1,5 Millionen Kilometer von der Erde entfernt erreichen. Anschließend müssen der Spiegel und der Sonnenschutzschild von der Größe eines Tennisplatzes entfaltet werden. Erst wenn auch diese Herausforderung gemeistert ist und der Spiegel genau justiert wurde, kann in etwa einem halben Jahr der Blick zurück in die Vergangenheit des Universums beginnen.