Berlin - In Berlin und Brandenburg kann es in den kommenden Tagen zu Gewittern und Starkregen kommen. Meteorologen schließen schwere Sturmböen bis 100km/h nicht aus. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) erwartet jedoch in Berlin und Brandenburg keinen Dauerregen wie im Westen Deutschlands. Am Freitag und Samstag gebe es nachmittags und abends allerdings das Potenzial für kräftige Gewitter mit Starkregen, sagte ein Meteorologe des DWD in Potsdam. Es sei nicht ausgeschlossen, dass örtlich bei einem „Gewittervolltreffer“ der eine oder andere Keller volllaufe. Weggespülte Straßenzüge wie in Teilen Westdeutschlands seien aber nicht zu erwarten. Am Sonntag sorge ein Hochdruckgebiet von den britischen Inseln für trockenes Wetter mit Sonne und Wolken.

Mindestens 106 Menschen wurden nach Überflutungen getötet

Tief Bernd sorgte in Teilen Deutschlands für Chaos. Die Wassermassen fressen sich regelrecht durch die Straßen, ganze Orte versinken in braunen Fluten. Es sind unfassbare Bilder und Szenen, die sich am Donnerstag in der Eifel und in Teilen von Nordrhein-Westfalen abspielten. Das, was die meisten Menschen in Deutschland bislang nur aus weiter Ferne kannten, ist plötzlich ganz nah.

Die Zahl der Unwettertoten ist aktuell auf mehr als einhundert gestiegen. In Rheinland-Pfalz erhöhte sich die Zahl der Toten auf mindestens 63, wie Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) am Freitag nach einer Sitzung ihres Kabinetts in Mainz sagte. In  Nordrhein-Westfalen gibt es mindestens 43 Tote. In Rheinland-Pfalz werden noch Hunderte Menschen vermisst. Mehrere Häuser sind eingestürzt, viele sind instabil. 

Kanzlerin Merkel verspricht schnelle Hilfe für Hochwassergebiete

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat den Menschen in den Hochwassergebieten in Deutschland derweil Unterstützung zugesagt. Wo die Bundesregierung helfen könne, werde sie das tun, sagte Merkel am Donnerstag am Rande ihres Besuches in Washington. „Dies sind für die Menschen in den Überschwemmungsgebieten entsetzliche Tage. Meine Gedanken sind bei ihnen. Und sie können darauf vertrauen, dass alle Kräfte unseres Staates – von Bund, Ländern und Gemeinden – gemeinsam alles daran setzen werden, auch unter schwierigsten Bedingungen Leben zu retten, Gefahren abzuwenden und Not zu lindern.“

Malu Dreyer: „Es gibt Tote, es gibt Vermisste“

Als die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) zu Beginn der Landtagsplenarsitzung am Donnerstag in Mainz das Wort ergriff, wurde deutlich, welche Katastrophe sich gerade ereignet hat – und noch ereignet. „Es gibt Tote, es gibt Vermisste, es gibt viele, die noch in Gefahr sind“, sagte Dreyer. „Es ist wirklich verheerend.“ Ganze Orte seien überflutet, Häuser einfach weggeschwemmt.

Polizeihubschrauber sind unterwegs, um Menschen von Hausdächern zu retten. Es gebe sehr viele Vermisste, sagte Dreyer. Noch sei unklar, ob sie sich hätten retten können. Sie zu erreichen sei schwierig, da das Mobilfunknetz zum Teil ausgefallen sei.

Im Kreis Euskirchen im Süden von Nordrhein-Westfalen kamen nach bisherigen Erkenntnissen 15 Menschen bei dem schweren Unwetter ums Leben. Genauere Angaben – etwa weshalb genau die Menschen im Zusammenhang mit dem Unwetter starben – machte der Kreis zunächst nicht. In mehreren Orten sei die Lage sehr kritisch. „Es finden Menschenrettungen statt“, hieß es weiter.

Teilweise bestehe kein Zugang zu den Orten. Im Kreisgebiet sei die Kommunikation weitgehend ausgefallen. Auch der Feuerwehr-Notruf 112 und die Kreisverwaltung seien nicht zu erreichen. Die Altstadt von Bad Münstereifel wurde regelrecht verwüstet. Am Mittag standen die Menschen fassungslos zwischen den Trümmern.

An der Steinbachtalsperre in Nordrhein-Westfalen werden die Orte Schweinheim, Flamersheim und Palmersheim evakuiert. Die Talsperre sei von einem Sachverständigen als „sehr instabil“ eingestuft worden, sagte der Landrat des Kreises Euskirchen, Markus Ramers (SPD), am Donnerstagnachmittag. Von der Evakuierung seien 4500 Einwohner betroffen. Gerüchte, wonach die Talsperre bereits gebrochen sei, hatte der Nachbarkreis zuvor dementiert.

Plünderungsversuche in Stolberg: Polizei im Einsatz

In Stolberg bei Aachen nutzen bereits Kriminelle die Hochwasserlage aus: Dort sei es zu einzelnen Plünderungsversuchen von Geschäften gekommen, sagte ein Polizeisprecher am Donnerstag. Demnach hatten in drei Fällen Zeugen gemeldet, dass sich Personen in überschwemmten Läden befänden. Die Polizei nahm in einem Juweliergeschäft einen Verdächtigen fest.

Als die Beamten an den anderen Tatorten – einem Supermarkt und einer Drogerie – eintrafen, sind demnach mehrere Unbekannte geflüchtet. Ob etwas gestohlen wurde, war zunächst unklar. Eine Hundertschaft der Polizei sei nun in Stolberg, um die verlassenen Wohnhäuser und Geschäfte vor Plünderungen zu schützen.

Städte im Ruhrgebiet sollen Trinkwasser abkochen

In mehreren Städten im Ruhrgebiet sollen Anwohner wegen des Hochwassers ihr Trinkwasser abkochen. „Es ist mit gravierenden Geschmacks- und Geruchsveränderungen zu rechnen“, teilte die Stadt Mülheim an der Ruhr am Donnerstag mit. Betroffen seien die Versorgung von Mülheim an der Ruhr (ohne Mintard), Ratingen-Breitscheid und Teile von Oberhausen und Bottrop.

Durch das Hochwasser sei das Uferfiltrat von Flusswasser beeinträchtigt worden, hieß es in der Mitteilung. Die Wasserwerksgesellschaft desinfiziere das Wasser daher mit Ozon, UV-Licht und Chlor „in extrem hoher Konzentration“.

Ein Bild der Zerstörung: Der Ort Schuld ist völlig verwüstet

In Rheinland-Pfalz traf es den kleinen Eifel-Ort Schuld besonders schwer. Das Dorf mit etwa 700 Einwohnern – nahe der Landesgrenze zu NRW – liegt in einer Schleife an der Ahr, die normalerweise ein kleiner Fluss ist. Nun hat sich die Ahr in ein reißendes Gewässer verwandelt.

Die Fluten rissen mehrere Häuser weg. Es lief ein dramatischer Rettungseinsatz, weil sich Dutzende Menschen auf den Dächern in Sicherheit gebracht hatten. Viele weitere Häuser gelten nun als einsturzgefährdet.

Luftaufnahmen lassen das Ausmaß besonders erahnen: Schuld ist völlig verwüstet, auch Altenburg, ein Ortsteil von Altenahr, versinkt regelrecht in den gefährlichen Fluten. In Bad Neuenahr-Ahrweiler berichtete eine Anwohnerin, in einer Kellerwohnung seien mindestens drei Menschen ertrunken. 

„Sehr viele“ Menschen befanden sich auf den Hausdächern, die Rettungseinsätze liefen auf Hochtouren, sagte ein Sprecher der Polizei in Koblenz am Donnerstag der Nachrichtenagentur AFP. Eine Vielzahl von Häusern sei instabil, es bestehe Einsturzgefahr. Der Katastrophenfall wurde ausgerufen.

Mehrere Menschen starben im Eifel-Kreis Ahrweiler in verschiedenen Orten. Auf Bildern zeigt sich die Gewalt, mit der das Wasser die Dörfer und Orte überflutet hat: Autos, Bäume, ganze Häuser sind einfach weggerissen, Trümmer stapeln sich im schmutzigen Wasser.

Unter den Todesopfern in Rheinland-Pfalz waren auch Bewohner einer Einrichtung für behinderte Menschen in Sinzig. Die Fluten seien schneller gekommen, als die Menschen hätten in Sicherheit gebracht werden können, erklärte das Innenministerium.

Zwei Feuerwehrmänner sterben im Einsatz

Heftiger Regen verursachte auch im Sauerland Überschwemmungen, Hochwasser und Stromausfälle. Vielerorts dürfte es nun an die Aufräumarbeiten gehen.

In Altena im Sauerland kam bei der Rettung eines Mannes nach dem Starkregen ein 46 Jahre alter Feuerwehrmann ums Leben. Er wurde von den Wassermassen fortgerissen und ertrank. Das bestätigte ein Sprecher der Polizei im Märkischen Kreis am Mittwoch. Nur zwei Stunden später kollabierte ein 52 Jahre alter Feuerwehrmann bei einem Einsatz im Bereich des Kraftwerks Werdohl-Elverlingsen. Er sei am Mittwochabend trotz Reanimations- und Hilfsmaßnahmen gestorben, teilte die Polizei mit. Die Polizei gehe von einem gesundheitlichen Notfall aus.

Berliner Feuerwehrmänner sprechen von einer „Schockstarre“. Der Verein Freiwillige Feuerwehren im Landesfeuerwehrverband Berlin e.V. teilte am Donnerstag mit: „Unsere Anteilnahme gilt in diesen schweren Stunden und Tagen den Angehörigen und den Kamerad*innen der Verstorbenen. Gott zur Ehr, dem Nächsten zur Wehr.“ Die Kameraden seien „als Retter gekommen, als Engel gegangen“.

Göring-Eckardt: Unwetter sind „Auswirkungen der Klimakatastrophe“

Die Grünen-Fraktionschefin im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, sieht in den schweren Unwettern in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ein Alarmzeichen für den Klimawandel. „Das sind schon Auswirkungen der Klimakatastrophe“, sagte sie am Donnerstag gegenüber RTL/NTV. Die Unwetter seien ein „Aufruf, sich klar zu machen: Das ist schon da, das ist schon hier bei uns“. Sie rief dazu auf, nun „dringend Veränderung herbeizuführen“.

Göring-Eckardt zeigte sich bestürzt angesichts der Opfer. „Das ist etwas, wo ich erstmal mit vollem Herzen bei den Menschen bin, um die es da geht“, sagte sie.

Die Expertin Friederike Otto, Geschäftsführende Direktorin des Environmental Change Institute (ECI), teilte mit: „Bei den extremen Niederschlägen, die wir in den letzten Tagen in Europa erleben, handelt es sich um Extremwetter, deren Intensität sich durch den Klimawandel verstärkt und mit zunehmender Erwärmung weiter verstärken wird. Das wissen wir sowohl aus der Physik als auch von Beobachtungen und Klimaprojektionen. Allerdings ist die Erhöhung der Häufigkeit des Auftretens solcher Starkregenfälle geringer als bei Hitzeextremen.“

Dass derartige Starkregenfälle so dramatische Konsequenzen hätten, liege zu einem großen Teil an der Versiegelung der Böden, so Expertin Otto.

Panzer, Tieflader und Kettensägen: Bundeswehr unterstützt in Hagen

Zur Unterstützung der Feuerwehr im Unwetter-Krisengebiet in Hagen sind etwa hundert Bundeswehr-Soldaten im Einsatz. Die Stadt habe bereits am Dienstagnachmittag einen entsprechenden Antrag gestellt, sagte ein Bundeswehr-Sprecher am Mittwoch. Kräfte aus Unna und Minden seien vor Ort. Unter anderem würden unter der Ägide der örtlichen Feuerwehr Bergepanzer, Tieflader und Kettensägen eingesetzt. Auch der Kreis Mettmann habe einen Hilfeleistungsantrag gestellt.

Die Polizei in der vom Hochwasser stark betroffenen Stadt Hagen berichtete, mit Hilfe der Bundeswehr seien im Bereich Hohenlimburg unbefahrbare Zuwege geräumt worden, um eingeschlossenen Anwohnern helfen zu können.

Polizei: Schaulustige behindern Rettungseinsatz 

Nach der Hochwasserkatastrophe im Eifel-Ort Schuld im Norden von Rheinland-Pfalz haben Schaulustige nach Angaben der Polizei den Rettungseinsatz behindert. „Bitte haltet die Rettungswege frei!!!!!“, schrieb das Polizeipräsidium Koblenz am Donnerstag auf Twitter. Die Beamten riefen auch dazu auf, Straßensperren zu beachten und in Sicherheit zu bleiben. In überfluteten Gebieten seien die Gefahren unkalkulierbar.