WHO: Erdbeben ist schlimmste Naturkatastrophe seit einem Jahrhundert

Rund 26 Millionen Menschen sind durch das verheerende Erdbeben in Syrien und der Türkei dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Eine Frau und ein Mann gehen im türkischen Hatay durch die Trümmer.
Eine Frau und ein Mann gehen im türkischen Hatay durch die Trümmer.Murat Kocabas/SOPA Images/dpa

Istanbul/Damaskus-Das Europa-Büro der Weltgesundheitsorganisation WHO hat zu umfassender Hilfe für die vielen Erdbebenopfer im türkisch-syrischen Grenzgebiet aufgerufen. WHO-Regionaldirektor Hans Kluge bezeichnete das Beben als schlimmste Naturkatastrophe in der Region sei einem Jahrhundert. Der Bedarf an Hilfe sei riesig und wachse mit jeder Stunde, sagte er auf einer Online-Pressekonferenz.

Rund 26 Millionen Menschen in der Türkei und in Syrien bräuchten humanitäre Unterstützung. „Jetzt ist die Zeit für die internationale Gemeinschaft, dieselbe Großzügigkeit zu zeigen, die die Türkei im Laufe der Jahre anderen Nationen weltweit gezeigt hat“, sagte er am Dienstag. Das Land beherberge die größte Flüchtlingsbevölkerung der Erde.

Gut eine Woche nach der Katastrophe ist die Zahl der Toten auf mehr als 40.000 gestiegen. Allein in der Türkei liege die Zahl bei 35.418, sagte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am Dienstag der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu zufolge. Aus Syrien wurden zuletzt 5900 Tote gemeldet.

UN: 400 Millionen Dollar für Erbebenhilfe in Syrien

Angesichts der humanitären Not nach den Erbeben im Bürgerkriegsland Syrien bitten die Vereinten Nationen ihre Mitgliedstaaten um knapp 400 Millionen Dollar (372 Millionen Euro) Unterstützung. Dieses Geld solle „dazu beitragen, die dringend benötigte lebensrettende Hilfe für fast fünf Millionen Syrer zu sichern – einschließlich Unterkunft, Gesundheitsversorgung, Nahrung und Schutz“, sagte UN-Generalsekretär António Guterres am Dienstag in New York.

Gleichzeitig bestätigte Guterres, dass die von der syrischen Regierung am Montag autorisierten Grenzübergänge Bab Al-Salam und Al Ra’ee geöffnet worden seien. Ein UN-Konvoi bestehend aus elf Lastwagen sei über Bab al-Salam aus der Türkei nach Syrien eingefahren, bestätigte das UN-Nothilfebüro Ocha am Dienstag. Der Generaldirektor der Internationalen Organisation ‎für Migration (IOM), António Vitorino, erklärte auf Twitter gleichzeitig, dass Güter der Organisation über Bab al-Salam geliefert worden seien.

Syriens Präsident Baschar al-Assad hatte zwei weitere Grenzübergänge in die Türkei freigegeben zur Verbesserung der humanitären Hilfe in den Katastrophengebieten. Bab al-Salam und Al-Ra'ee sollten für drei Monate geöffnet bleiben.

Immer noch Überlebende unter Trümmern gefunden

Die Suche nach Überlebenden ging trotz schwindender Hoffnung auch am achten Tag nach dem Beben weiter. In der Südosttürkei wurden Medienberichten zufolge noch vier Menschen lebend aus den Trümmern geborgen. In der Provinz Kahramanmaras hätten Helfer am Dienstagmorgen zwei 17 und 21 Jahre alte Brüder gerettet, berichteten die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu und der Sender CNN Türk. Sie lagen demnach 198 Stunden unter den Trümmern. Am Sonntag gab es die Nachricht, dass ein Baby nach 140 Stunden aus den Trümmern geborgen werden konnte.

In der Provinz Adiyaman wurde demnach ein 18-Jähriger, der ebenfalls 198 Stunden verschüttet war, gerettet. In der Provinz Hatay wurde Anadolu zufolge eine 26 Jahre alte Frau sogar nach 201 Stunden unter den Trümmern lebend gerettet, eine 35-Jährige nach 205 Stunden. Unabhängig überprüfen ließen sich die Angaben zunächst nicht.

„Wir erleben die schlimmste Naturkatastrophe in der WHO-Region Europa seit einem Jahrhundert“, sagte WHO-Direktor Kluge über das Erdbeben, bei dem Zehntausende Menschen ums Leben gekommen sind. Das ganze Ausmaß und die wahren Kosten seien noch immer nicht klar. An die Betroffenen gerichtet betonte er: „Euer Leid ist immens, eure Trauer sitzt tief. Die WHO steht euch in der Stunde der Not – und immer – zur Seite.“

Schätzungsweise eine Million Menschen hätten in der Türkei ihr Zuhause verloren, etwa 80.000 befänden sich nach Behördenangaben in Krankenhäusern. Dies stelle eine große Belastung für das Gesundheitssystem dar – das selbst durch die Katastrophe schweren Schaden genommen habe.

Für Erdbebenhilfe: Syrien will weitere Grenzübergänge öffnen

Kluge forderte alle Beteiligten in Regierung und Zivilgesellschaft zur Zusammenarbeit auf, um die grenzüberschreitende Lieferung humanitärer Hilfe zwischen der Türkei und Syrien sowie innerhalb Syriens sicherzustellen. Die WHO zählt insgesamt mehr als 50 Länder zur Region Europa. Darunter sind neben der EU auch zahlreiche östlich gelegene Staaten wie die Türkei sowie mehrere zentralasiatische Länder.

Zur Verbesserung der humanitären Hilfe in Syrien will Präsident Baschar al-Assad Diplomaten zufolge zwei weitere Grenzübergänge in die Türkei öffnen. Bab Al-Salam und Al Ra’ee sollten für drei Monate geöffnet werden, berichtete UN-Nothilfekoordinator Martin Griffiths dem UN-Sicherheitsrat am Montag mehreren Diplomaten zufolge. Griffiths hält sich derzeit in Syrien auf und traf Assad am Montag.

Am frühen Montagmorgen vor einer Woche hatte ein erstes Beben der Stärke 7,7 um 2.17 Uhr (MEZ) die Südosttürkei erschüttert, Stunden später folgte ein zweites schweres Beben der Stärke 7,6.