Antalya - Ikbal Catal sitzt erschöpft auf einer kleinen Anhöhe im Dorf Kalemler in der Südtürkei. Hose, T-Shirt und das Tuch auf ihrem Kopf zieren bunte Blumenmuster, um sie herum ist alles aschgrau. Ein gewaltiges Feuer hat der Landschaft des kleinen Dorfes in der Provinz Antalya nicht nur die Farbe gestohlen: 64 Häuser von 100 Häusern in dem Ort unweit der Touristenhochburg Side hat das Feuer zerstört, ein deutsch-türkisches Ehepaar aus dem Dorf starb in den Flammen. Nun reißen Bagger die Ruinen ab, hinter Catal steigen Staubwolken auf, es riecht nach Asche.

Vor zehn Tagen sind in zahlreichen Provinzen der Türkei Brände ausgebrochen. Weite Flächen Wald, Felder und Dörfer sind seitdem in Flammen aufgegangen. Kalemler hat es am 28. Juli getroffen. Das Haus von Ikbal Catal und ihrem Ehemann Ahmet, die Hühner, Ziegen und ihr Olivenhain – alles weg. Wie das Paar beziehen viele Menschen in der Gegend ihr Einkommen aus der Landwirtschaft. „Wir haben nur noch unser Leben“, sagt Catal, und ihre Augen füllen sich mit Tränen.

Die Feuer in Antalya sind seit Freitag unter Kontrolle, heißt es von offizieller Seite. In der Nachbarprovinz Mugla wüten sie derweil weiter. Auch hier liegen Dörfer und ganze Landstriche in Asche.

Eine halbe Stunde – dann stand alles in Flammen

Wenige Meter von dem Steinhaufen entfernt, der einmal das Haus der Catals war, sammelt Ali Karayilmaz im Haus des deutsch-türkischen Ehepaars Andrea und Fahri Y., ein, was das Feuer verschont hat. Karayilmaz hat ihre verkohlten Körper nach fünf Tagen einige Hundert Meter vom Haus entfernt entdeckt.

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Das ausgebrannte Haus des deutsch-türkischen Ehepaars Andrea und Fahri Y. Das Paar kam bei dem Brand ums Leben.

Er zeigt Fotos, spielt eine Nachricht ab, die Andrea Y. verschickt hatte – wenige Minuten bevor das Haus in Flammen aufging. Das Video zeigt Rauch, der hinter einem nahe gelegenen Hügel aufsteigt. „Das sieht nicht gut aus“, sagt die Frau aus Bad Tölz. Karayilmaz spielt das Video erneut ab und ringt um Fassung, bis ihn die Tränen überwältigen.

Nicht mal eine halbe Stunde habe es gedauert vom ersten Rauch an, dann stand alles in Flammen, sagt Ibrahim Özbay. Er habe sich seine 73-jährige Mutter auf den Rücken gepackt und sei – anders als das deutsch-türkische Ehepaar – runter ins Tal geflüchtet. Das liegt auch heute noch in sattem Grün zu Füßen des Dorfes. „Es war die Hölle auf Erden. Der Himmel wurde dunkel, Asche fiel herab, man konnte kaum atmen, die Menschen haben geschrien und sind panisch rumgerannt.“ Auch Özbay ist Landwirt, von seinem Traktor ist nur noch ein Gerippe übrig. Sein Haus wurde bereits abgerissen.

Tausende verletzte und tote Tiere durch die Feuer

Unweit von Kalemler und 75 Kilometer östlich vom Flughafen Antalya liegt die Stadt Manavgat. Auf einer kompakten Grünfläche im Zentrum hat die Organisation Haytap ihr Lager aufgeschlagen. Weiße Zelte stehen dicht aneinandergedrängt auf dem Areal. In einem liegen Schafe, gebettet auf weiße Unterlagen, es riecht scharf nach Salbe. Die improvisierte Klinik versorgt vom Feuer verletzte Tiere. Helfer wie die 18-jährige Hatice Sönmez cremen verbrannte Bäuche und Läufe, wechseln Verbände und geben den Tieren Sauerstoff.

dpa/Anne Pollmann
Manavgat: Helfer kümmern sich in einer provisorischen Tierklinik der Organisation Haytap um ein Schaf, das im Feuer verletzt wurde.

„Über tausend Tiere sind allein in Antalya durch die Feuer ums Leben gekommen“, sagt Lokman Atasoy, Umweltingenieur und Berater des Bürgermeisters der Region Antalya. Der ist von der republikanischen Partei CHP, die der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in der Brandkatastrophe immer wieder des „Lügen-Terrors“ bezichtigt.

„Die Löschflugzeuge kamen zu spät“

So schlimm wie in Kalemler zum Beispiel hätte es nicht kommen müssen, meint Atasoy. „Die Löschflugzeuge kamen zu spät.“ Seit dem Beginn der Brände wurde immer wieder die schlechte Ausstattung der Einsatzkräfte kritisiert – vor allem fehlende Flugzeuge. Mit Hilfe aus dem Ausland sind es mittlerweile 20 Flieger und etwa 50 Hubschrauber, die die Brände aus der Luft einzudämmen versuchen.

2008 sei der letzte große Brand in der Region ausgebrochen und habe 15.000 Hektar Land zerstört. „Diesmal sind es mehr als 50.000“, sagt Atasoy. Experten zufolge sind es die schwersten Brände seit mehr als zehn Jahren in der Türkei. Landesweit sollen bisher weit über 100.000 Hektar Land gebrannt haben. Durch den Klimawandel würden derart zerstörerische Brände quasi unumgänglich, trotzdem sei man nicht vorbereitet gewesen, so Atasoy.

Im Fernsehen hört man solche Kritik nicht. Die Regulierungsbehörde für den Rundfunk (Rtük) hat Sender vor Berichten gewarnt, die Angst verbreiten könnten. In der Vergangenheit hat die Behörde Medien immer wieder den Stecker gezogen, wenn sie aus Rtük-Sicht unliebsame Inhalte ausgestrahlt hatten. Kritische Berichte über den Umgang mit dem Feuer gibt es kaum.

Das Ehepaar Catal und die restlichen Bewohner Kalemlers haben 10.000 Lira Soforthilfe bekommen – rund 1000 Euro. Innerhalb eines Jahres sollen neue Häuser stehen. So lautet zumindest das Versprechen.