Auf dem Parteitag in Erfurt wählen die Delegierten am Samstag einen neuen Parteivorstand. Von den insgesamt zehn Bewerbern um die beiden Vorsitzenden-Posten haben vier Aussicht auf Erfolg: Zwei Frauen und zwei Männer.

Janine Wissler: Die 41-Jährige steht seit Februar 2021 an der Spitze der Partei, und trägt daher Mitverantwortung für die desaströse Lage der Partei. Unter Druck geriet sie im April durch die Sexismus-Vorwürfe in ihrem hessischen Landesverband. Während die Co-Vorsitzende Susanne Hennig-Wellsow auch wegen dieser Affäre ihren Rücktritt einreichte, entschied sich Wissler, die seit 2021 im Bundestag sitzt, bei der kurzfristig angesetzten Wahl der Parteispitze in Erfurt erneut zu kandidieren.

Die redegewandte Wissler, die von 2009 bis 2021 die als Linken-Fraktionschefin im hessischen Landtag führte, wird zwar dem linken Flügel der Partei zugerechnet.

Doch besonders in der Frage des russischen Angriffskrieges bemüht sie sich um eine eher gemäßigte Positionierung: In einem am Freitag zur Abstimmung stehenden Leitantrag wirft der Parteivorstand Russland eine „imperialistische Politik“ vor und fordert klare Solidarität mit der Ukraine – was bei den Linken keineswegs selbstverständlich ist.

Heidi Reichinnek: Die 34-jährige Bundestagsabgeordnete tritt mit dem Anspruch an, für einen Neuanfang bei den Linken brauche es auch andere Köpfe. „Wenn wir die Krise unserer Partei überwinden wollen, muss sich die viel beschworene Erneuerung auch im Parteivorstand widerspiegeln“, lautet das Credo der studierten Politik- und Wirtschaftswissenschaftlerin.

Die frauenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion will Wissler vom Thron stoßen, wehrt sich aber gegen Spekulationen, vom Wagenknecht-Lager vorgeschickt worden zu sein.

Reichinnek wurde in Merseburg in Sachsen-Anhalt geboren und lebt in Niedersachsen. Ihr Wahlkreis ist die Stadt Osnabrück. Die Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Naher und Mittlerer Osten engagierte sich in den vergangenen Jahren in der Flüchtlingshilfe und Jugendarbeit. Seit 2019 ist sie Landesvorsitzende der Linken in Niedersachsen.

Sören Pellmann: Auch der Leipziger Bundestagsabgeordnete tritt mit dem Anspruch an, die heillos zerstrittene Linke zu einen. Es gehe darum, „mehr miteinander als übereinander zu reden“. Zwar hat Wagenknecht Pallmanns Kandidatur unterstützt. Zu dieser lässt er aber eine deutliche Distanz erkennen – etwa bei der Bewertung des Krieges in der Ukraine.

Der Ostbeauftragte der Bundestagsfraktion tritt als Sachwalter für die neuen Länder auf – und hat sich etwa dafür eingesetzt, Ostdeutschland vom Ölembargo gegen Russland ausnehmen.

Mit dem 45-Jährigen wirft ein Linken-Politiker seinen Hut in den Ring, dem die Partei viel zu verdanken hat. Er holte im vergangenen Jahr das Direktmandat in seinem Wahlkreis – und machte so den Weg dafür frei, dass die Linke in Fraktionsstärke in den Bundestag einziehen konnte.

Martin Schirdewan: Der Linken-Europaabgeordnete will sich zwar keinem Parteiflügel zuordnen, sieht sich aber durchaus als Pragmatiker: Er will das Profil „als moderne sozialistische Gerechtigkeitspartei wieder stärken“. Gebraucht werde eine „programmatische Erneuerung“ der Linken. „Das betrifft für mich vor allem die Versöhnung der sozialen und ökologischen Frage“, lautet sein Credo.

Auch in der Frage des Ukraine-Krieges vertritt der Enkel des früheren SED-Politikers Karl Schirdewan eine klare Haltung. Für ihn sind „eine Verurteilung des russischen Angriffskrieges und gelebte Solidarität mit der Ukraine“ angesichts des Leidens der Zivilbevölkerung eine Selbstverständlichkeit.

Als Co-Fraktionschef der Linken im Europaparlament agiert der 46-Jährige bislang fernab vom Berliner Politbetrieb – das kann eine Bürde für seine Kandidatur sein, aber auch eine Chance. Schirdewan wurde in Ost-Berlin geboren, arbeitete als Politikwissenschaftler und zog 2017 als Nachrücker erstmals ins EU-Parlament ein.