Saudi-Arabien baut Wolkenkratzer, der in drei Ländern steht

Wird es das größte Gebäude der Menschheitsgeschichte? In der geplanten Wüstenstadt Neom soll bis 2030 das Mega-Bauwerk „The Line“ entstehen.

So soll der Mega-Wolkenkratzer „The Line“ aussehen.
So soll der Mega-Wolkenkratzer „The Line“ aussehen.dpa/ NEOM

Die saudi-arabische Regierung hat Pläne für ein Architekturprojekt vorgestellt, das so ehrgeizig ist, dass es kaum zu glauben ist. 170 Kilometer lang, 200 Meter breit und knapp 500 Meter hoch: „The Line“ soll der größte Wolkenkratzer sein, der jemals gebaut wurde. Der Baukomplex soll etwa neun Millionen Menschen ein Zuhause geben – das entspricht in etwa der Bevölkerung von Bangkok.

Die Vision des überdimensionalen Projekts in der Planstadt Neom soll alles bisher Dagewesene übertreffen. Im Nordosten von Saudi-Arabien, nah am Roten Meer, soll „The Line“ entstehen. Ein Gebäude mit einer Gesamthöhe von 500 Metern. Damit wäre es fast so hoch wie das höchste Gebäude der USA, das One World Trade Center. Ein schlangenförmiges Bauwerk mit verspiegelter Fassade, das mit der Wüstenumgebung verschmilzt.

Geht es nach den Planern, müssten Bewohner das Hochhaus nicht mal verlassen, um ihren Alltag zu bewältigen, da sich Infrastruktur und Dinge des täglichen Bedarfs buchstäblich übereinander stapeln.

In einer Pressemitteilung heißt es: „The Line bietet einen neuen Ansatz für die Stadtgestaltung: Die Idee, städtische Funktionen vertikal zu schichten und gleichzeitig den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich nahtlos in drei Dimensionen (nach oben, unten oder quer) zu bewegen, um sie zu erreichen, ist ein Konzept, das als Zero Gravity Urbanism bezeichnet wird. Anders als bei hohen Gebäuden werden bei diesem Konzept öffentliche Parks und Fußgängerzonen, Schulen, Wohnungen und Arbeitsplätze so übereinander geschichtet, dass man sich mühelos bewegen kann, um alle täglichen Bedürfnisse innerhalb von fünf Minuten zu erreichen.“

Die Planstadt Neom und ihre ambitionierten Ziele

Saudi-Arabien plant seit längerer Zeit, eine Öko-Stadt der Zukunft mitten in der Wüste zu errichten. Sie soll sich über Saudi-Arabien, Jordanien und Ägypten erstrecken und etwa 500 Milliarden Dollar kosten. In der utopischen Vision soll die Stadt im Dunkeln leuchtende Strände, unzählige Bäume, schwebende Züge und einen falschen Mond haben. Dafür aber auch keinen Verkehr, keine Straßen und keine Emissionen.

Durch das Projekt soll die Erdöl-Abhängigkeit des Landes bis 2030 minimiert werden. Es ist eine Sonderwirtschaftszone geplant, die eigene Steuern und autonome Gesetze hat. So soll etwa der Konsum und Verkauf von Alkohol möglich sein und Frauen soll es erlaubt werden, ihre Verschleierung abzunehmen. Langfristig soll das Mega-Projekt durch künstliche Inseln, Luxus-Hotelanlagen und gelockerte Gesetzen zahlreiche Touristen anlocken, wie es von den saudischen Behörden heißt.

Die Vision der Planer erinnert an einen Science-Fiction-Film: Verspiegelte Oberflächen und Grünpflanzen sollen das Gebäude zieren.
Die Vision der Planer erinnert an einen Science-Fiction-Film: Verspiegelte Oberflächen und Grünpflanzen sollen das Gebäude zieren.AFP/NEOM

Zu schön, um wahr zu sein? Es hagelt Kritik an dem Mega-Projekt

Einer der größten Kritikpunkte ist die Tatsache, dass der Stamm der Huwaiti, der auf dem Land wohnt, auf dem das Projekt entstehen soll, vertrieben würde. The Guardian berichtet, dass mindestens 20.000 Mitglieder des Stammes aufgrund des Projekts von der Vertreibung bedroht sind, ohne dass bekannt wäre, wo sie in Zukunft leben sollen.

Im April 2020 wurde der Stammesaktivist Abdul-Rahim al-Huwaiti erschossen, kurz nachdem er Videos aufgenommen hatte, in denen er gegen seine Vertreibung protestiert. Menschenrechtsaktivisten zeigten sich empört über den Vorfall.

Zudem werfen Kritiker dem saudischen Kronprinzen Mohammed Bin Salman „Greenwashing“ vor – die Emissionsfreiheit und grüne Bepflanzung seien lediglich große Versprechungen, um von der Realität abzulenken. Fahad Nazer, der Sprecher der saudi-arabischen Regierung, bestreitet den Vorwurf des Greenwashings und besteht darauf, dass Saudi-Arabien auf eine grüne und ökologische Zukunft zusteuere.