Alexander Zverev war von sich selbst entsetzt. Die Bilder, wie er wild fluchend auf Schiedsrichter Alessandro Germani zumarschiert und dann immer wieder mit voller Wucht sein Racket gegen den Hochstuhl des Italieners schlägt, ließen die deutsche Nummer eins in einer kurzen Nacht nicht los. Am Morgen nach seinem folgenreichen Ausraster zeigte sich der Weltranglistendritte schwer zerknittert.

„Es ist schwer in Worte zu fassen, wie sehr ich mein Verhalten während und nach dem gestrigen Doppel bereue“, schrieb der 24-Jährige in den Sozialen Medien, nachdem er von der ATP für den restlichen Turnierverlauf in Acapulco disqualifiziert worden war: „Ich habe mich privat beim Stuhlschiedsrichter entschuldigt, weil mein Ausbruch ihm gegenüber falsch und inakzeptabel war, und ich bin nur von mir selbst enttäuscht.“

"Verdammter Idiot": Zverev ließ Wut an Referee aus

Der Olympiasieger und Sportler des Jahres hatte mit seinem indiskutablen Auftreten nicht allein die Chance auf die Titelverteidigung im Einzel verspielt, er fügte auch seinem mühsam aufpolierten Image frische Kratzer zu. In Rage gebracht hatte Zverev eine vermeintliche Fehlentscheidung im Tiebreak bei der 2:6, 6:4, 6:10-Achtelfinal-Niederlage im Doppel mit seinem Kumpel Marcelo Melo gegen ein britisch-finnisches Duo. Schon während der Partie hatte Deutschlands Nummer eins den Referee als „verdammten Idioten“ bezeichnet, nach dem Match ließ er dann seine ganze Wut ungefiltert heraus.

Ein Benehmen, das die Veranstalter nicht duldeten und Zverev wegen „unsportlichen Verhaltens“ aus dem Turnier nahmen. Das deutsche Duell mit Peter Gojowczyk war geplatzt, der Münchner zog kampflos ins Viertelfinale ein. „Es hätte einfach nicht passieren dürfen, und es gibt keine Entschuldigung“, schrieb Zverev am Mittwoch um kurz vor 7 Uhr Ortszeit. Er wolle die kommenden Tage nutzen, um über seine „Taten“ nachzudenken und darüber, „wie ich sicherstellen kann, dass so etwas nicht wieder vorkommt“.

„Rebellentum tut Tennis gut“: DTB stellt sich hinter Zverev

Zuvor hatte Dirk Hordorff, Vizepräsident des Deutschen Tennis Bundes (DTB), die Disqualifikation als durchaus streng gewertet. „Ich will sie nicht anzweifeln, aber da sind viele Spieler schon weniger hart bestraft worden“, sagte er. Hordorff stellte sich im SID-Gespräch auch vor Zverev. Generell würden Spieler mit „Ecken und Kanten“ und „ein wenig Rebellentum“ dem Tennis gut tun.

„Es gibt Regeln des Tennis und auch des Anstands, und da muss er sich als Profi im Zaum halten“, sagte der langjährige Funktionär: „Aber ich werde auch nicht den Stab über ihn brechen. Mir gefällt der Junge, er hat viel Temperament.“

Zverevs Sponsor adidas kündigte an, mit dem Hamburger über den Ausraster zu sprechen. „Grundsätzlich distanzieren wir uns von respektlosem, unsportlichem Verhalten und erwarten von unseren Partner und Partnerinnen die gleiche Haltung“, teilte adidas-Sprecher Oliver Brüggen auf SID-Anfrage mit.

„Unding“: Keine mildernden Umstände wegen Nachtschicht

Hordorff warf derweil die Frage auf, ob für Zverev nach der historischen Nachtschicht nicht auch so etwas wie „mildernde Umstände“ gelten würden. Der Weltranglistendritte hatte erst am frühen Dienstagmorgen um 4.54 Uhr Ortszeit den US-Amerikaner Jenson Brooksby besiegt. So spät war noch kein Match auf Tourlevel zu Ende gegangen. Die Partie mit seinem Freund Melo, die Zverev offenbar viel bedeutete, stieg dann am Abend desselben Tages. Für Hordorff ein „Unding“.

Zverev hatte zuletzt merklich Wert auf eine verbesserte Außendarstellung gelegt. Die Zeiten, in denen der einstige US-Open-Finalist regelmäßig seine Schläger zerhackte oder auch seinen Vater wüst beschimpfte wie beim ATP Cup 2020 schienen eigentlich vorbei. An ein höchst erfolgreiches zweites Halbjahr 2021 mit dem Triumph in Tokio und dem Sieg bei den ATP Finals in Turin wollte der Aufschlaghüne eigentlich nahtlos in diesem Frühjahr anknüpfen - doch bisher läuft es ganz anders als erhofft.

Es gibt für Zverev einiges aufzuarbeiten.