Seit zwei Jahren lebt Deutschland mit dem Coronavirus. Nach der ersten Bestätigung eines Falles am 27. Januar 2020 bei einem Mann aus Bayern hat das Robert Koch-Institut (RKI) fast neun Millionen Corona-Fälle registriert. Sars-CoV-2 hat das Land verändert. Dauergenervte Menschen wünschen sich ein „normales Leben“ zurück. Vielen Menschen hat das Virus jedoch das Leben genommen. Was wir durch das Virus verloren haben:

Verlust an Menschenleben

Rund 117.000 Menschen starben in Deutschland bislang an oder unter Beteiligung einer Infektion, ein Vielfaches an Menschen verlor Angehörige, Freunde oder gute Bekannte. Das Statistische Bundesamt spricht von einer Übersterblichkeit durch Corona. „Von März 2020 bis Mitte November 2021 sind in Deutschland mehr Menschen verstorben, als unter Berücksichtigung der demografischen Entwicklung zu erwarten gewesen wäre“, sagte Destatis-Vizepräsident Christoph Unger Ende 2021. Der Anstieg sei nicht allein durch die Alterung der Bevölkerung erklärbar, sondern maßgeblich durch die Pandemie beeinflusst. Dass die Zahl der Todesfälle 2021 erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg die Marke von einer Million überschritt, liegt aber nur zum Teil an Corona. Weil es immer mehr alte Menschen gibt, steigen die jährlichen Totenzahlen seit etwa 20 Jahren, im Schnitt um ein bis zwei Prozent.

Kliniken und Heime verlieren Pflegekräfte

Die Pandemie hat die Personalengpässe in der Pflege verschärft. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft berichtete im jüngsten Krankenhaus-Barometer von 22 300 unbesetzten Stellen, dreimal so viel wie 2016. Viele Pflegekräfte arbeiten am Limit und fühlen sich ausgebrannt. Es gibt vielerorts Kündigungen, hier spielt auch die geplante berufsbezogene Impfpflicht eine Rolle. Fast 40 Prozent der Pflegenden erwägen einen Berufswechsel, wie eine jüngst publizierte Befragung der Alice Salomon Hochschule (ASH) Berlin unter rund 2700 Pflegepersonen ergab.

Bildungsrückstände bei Schülern

Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) spricht von „großen Bildungslücken“ durch die ersten Corona-Wellen, die mit Schulschließungen und Wechselunterricht einhergingen. Vorgängerin Anja Karliczek räumte schon im vergangenen Frühjahr ein, dass 20 bis 25 Prozent der Schüler „vermutlich große Lernrückstände“ aufwiesen. Das Mitte 2021 gestartete „Aufholprogramm“ bewerten Bildungs- und Lehrerverbänden ein halbes Jahr später kritisch. Ziel der Bildungspolitik ist es, die Schulen so lange wie möglich offenzuhalten.

Die Jugend – eine verlorene Generation?

Sport- und Musikveranstaltungen fielen weg, Treffen mit Freunden wurden eingeschränkt, Klassen- und Abifahrten abgesagt, ein Studentenleben findet kaum statt. Die Betroffenen fühlen sich maximal eingeschränkt, sagt der Kinder- und Jugendpsychotherapeut Ralph Schliewenz. Es gebe das Gefühl, dass Türen sich schlössen, statt sich zu öffnen. Dennoch rät der Präsidiumsbeauftragte für Kindeswohl und Kinderrechte des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) zu Gelassenheit: Die Jugend sei ohnehin geprägt von Veränderungen. Zwar gebe es mehr Jugendliche mit Anpassungsproblemen, der Großteil passe sich aber sehr gut an - weshalb Schliewenz auch ausdrücklich nicht von einer „verlorenen Generation“ sprechen will.

Drastischer sieht das Christine Freitag, Kinder- und Jugendpsychiaterin am Universitätsklinikum Frankfurt am Main. „Das Bildungsniveau ist schon vor der Pandemie deutlich zurückgegangen“, sagt Freitag, „das wird noch schlimmer werden“. Dies habe langfristig negative Folgen für die Gesellschaft. Kinder und Jugendliche müssten sich ausprobieren, entwicklungspsychologisch seien sie auf das Lernen von Anderen angewiesen und brauchten mehr Sozialkontakte als Erwachsene. Für die Entwicklung der eigenen Emotionalität und der sozialen Kompetenz benötigten Kinder ein Gegenüber. In der Praxis sieht die Klinikdirektorin beispielsweise eine deutliche Zunahme an Essstörungen, auch bei jüngeren Kindern.

Brüchiger Familienfrieden? Verlorene Freundschaften

Homeoffice und Kinderbetreuung, häusliche Enge, womöglich Impfdiskussionen: Pandemiebedingte Probleme seien hier vorprogrammiert, da könne auch der Familienzusammenhalt bröckeln, sagt der Kinder- und Jugendpsychotherapeut Schliewenz. Wichtig sei, ein soziales Netzwerk wie Freundschaften aufzubauen, um gegebenenfalls anderweitig Halt zu bekommen. Schliewenz geht aber davon aus, dass die Mehrheit den Alltag gut geregelt bekommt. Zur Wahrung des Familienfriedens rät er, insbesondere beim Thema Impfen keine Entscheidung gegen den Willen von Kindern zu fällen.

Viele Paare sind in der Pandemie aber auch zusammengerückt. In einer Umfrage des YouGov-Cambridge Globalism Projects, über die Zeit Online berichtete, gaben 15 Prozent an, sie seien in der Pandemie Partnerin oder Partner näher gekommen, 7 Prozent sprechen hingegen von einer wachsenden Distanz, knapp die Hälfte macht keinen Unterschied aus. Anders fällt das Urteil bei Freundschaften aus. 30 Prozent meinten, die Beziehung zu Freunden sei weniger eng geworden, nur 8 Prozent sehen das gegenteilig und gut die Hälfte keinen Unterschied.

Ist der gesellschaftliche Zusammenhalt abhanden gekommen?

Nein, meint die Soziologin Claudia Diehl, Co-Sprecherin des Exzellenzclusters „Die politische Dimension von Ungleichheit“ an der Universität Konstanz. „Das Thema Corona ist im Alltag sehr präsent, deshalb ist es so schwer, es zu umgehen. Wir kennen alle den Impfstatus unseres Gegenübers.“ Das Thema berühre zudem etwas Entscheidendes für die sozialen Beziehungen: „Impfbefürworter argumentieren mit Solidarität und dem Schutz für Alte und Kranke, in ihrer Wahrnehmung sind Andere unsolidarisch, und das geht an die Grundsubstanz sozialer Beziehungen.“ Das gelte gerade zwischen sich nahe stehenden Menschen.

Eine Spaltung der Gesellschaft sieht Diehl aber nicht. „Spaltung suggeriert in etwa gleich große Gruppen. Wir sehen in vielen Bereichen aber eigentlich eine zunehmende Übereinstimmung.“ Nur eine kleine Minderheit trage etwa im Zug keine Maske, die Erstimpfrate bei Erwachsenen sei sehr hoch, die 3G-Regel am Arbeitsplatz finde wachsende Zustimmung.

Entscheidend sei das Vertrauen in den Staat, daher sehe man bei den Corona-Demonstrationen durchaus Probleme, die schon vorher da waren. „Diese Proteste spiegeln vor allem ein geringes Vertrauen in staatliche Akteure und leider auch eine zunehmende Allianzbildung mit Rechtsextremen wider.“ Nach der Pandemie werde dieser Eindruck, Corona hätte die Gesellschaft gespalten, wieder nachlassen, glaubt die Soziologin. „Wir dürfen nicht vergessen, dass Konflikte und Meinungsunterschiede zu einer Gesellschaft dazugehören.“

Riesige wirtschaftliche Schäden und Löcher im Staatshaushalt

Für die deutsche Wirtschaft ging in der Krise vor allem viel Geld verloren. Das Institut der deutschen Wirtschaft bezifferte in einer aktuellen Analyse den Wertschöpfungsausfall mit rund 350 Milliarden Euro. Ein Großteil davon gehe auf Ausfälle beim privaten Konsum zurück, unter anderem wegen Lockdown-Maßnahmen. Viele Privatvermögen blieben aber von der Krise verschont oder sind gewachsen, etwa durch den Verzicht auf teure Reisen. Die auch pandemiebedingt kräftig gestiegene Inflation dürfte sich hier in den kommenden Monaten jedoch eher negativ auswirken.

Den Staatshaushalt kam die Krise teuer zu stehen. Von Beginn der Pandemie bis Ende 2021 summieren sich die verschiedenen Hilfsleistungen der Bundesregierung für die Wirtschaft laut Wirtschaftsministerium auf rund 130 Milliarden Euro. Bis zum Ende der Pandemie dürften es noch einige Milliarden mehr werden.

Hinzu kommen mehr als 40 Milliarden Euro für Kurzarbeitergeld und damit verbundene Sozialleistungen, wie die Bundesagentur für Arbeit aufführt. Auch deswegen blieb ein großer Jobverlust aus. In der Gastronomie etwa ging nach Destatis-Angaben fast jeder vierte Job verloren. Die kurzzeitige Arbeitslosigkeit lag zuletzt sogar niedriger als vor der Pandemie, die Jugendarbeitslosigkeit so niedrig wie nie seit der Wiedervereinigung. Andererseits war die Zahl der Langzeitarbeitslosen zuletzt fast doppelt so hoch wie vor der Krise.

Unter den Branchen gibt es klare Verlierer. Nicht nur in der Gastronomie, auch im stationären Einzelhandel, im Tourismus und im Kulturbetrieb gingen durch die Pandemie Existenzen verloren. Andere Branchen profitierten hingegen - zum Beispiel der Onlinehandel, IT-Firmen, Paketdienste, Pharmaunternehmen und der Fahrradhandel.

Von der ganz großen Pleitewelle blieb die Wirtschaft verschont. Dank staatlicher Hilfsmaßnahmen und rechtlicher Sonderregelungen sank sogar die Zahl der Insolvenzen: Nach neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamts lag sie in den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres 13,5 Prozent unter dem Wert des gleichen Zeitraums 2020 – und auch unter dem Vor-Corona-Niveau. Experten rechnen aber für 2022 mit einem Anstieg der Zahlen.

Sport auf der Verliererstraße

Verlieren gehört zum Sport dazu, Corona hat aber ganze Ligen zu Verlierern gemacht. Das trifft besonders die Fußball-Bundesliga mit ihren vollen Stadien. Die Verantwortlichen redeten sich über Jahrzehnte ein, der Sport schaffe als letzte große Bastion in der Mitte der Gesellschaft Verbindungen, die abseits des Rasens nicht mehr möglich seien. Und jetzt? Die Corona-Krise hat die Probleme des Fußballs auf dem Weg weg von den Fans mehr denn je offengelegt.

Wegen korrupter Funktionäre und ausufernder Millionenverträge hatten sich ohnehin Frust und Widerstand aufgebaut, bevor Corona auch noch den Gang ins Stadion verhinderte. Nun waren die Profi-Fußballer noch weiter weg. Ob die Wiederannäherung nach der Pandemie gelingt, bleibt abzuwarten. „Wir müssen den Fußball wieder mehr zum Strahlen bringen“, sagte der Aufsichtsratschef der Deutschen Fußball Liga, Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke.

Über Monate wurde die Bundesliga aufgrund ihrer Popularität auch zum Spielball der Politik. Entscheidungen über die Fan-Präsenz im Stadion waren im Verhältnis zu anderen Beschlüssen teils schwer nachzuvollziehen. Manche Forderung des Fußballs wiederum wirkte wie der Ruf nach Sonderrechten. Das Verständnis für Millionen-Verluste der Vereine ist angesichts teils exorbitanter Gehälter begrenzt.

Im Amateursport sind die Sorgen seit zwei Jahren noch existenzieller. Im vergangenen Oktober hatte der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) für das erste Corona-Jahr 2020 einen Schwund von 792.119 Mitgliedschaften bei seinen 87.600 Vereinen beklagt, ein Rückgang von 2,85 Prozent. Im Kinder- und Jugendbereich war die Quote noch gravierender. Corona verhindert Sport. Und der ist zudem angewiesen auf die Zehntausenden ehrenamtlichen Helfer, die auch erst wieder in die Hallen und auf die Plätze zurückgeholt werden müssen.