Dieses Gefühl gehört eigentlich ins Flugzeug: Der Körper verliert sein Gewicht, das Kleinhirn ballt sich zusammen, der Magen weiß nicht, in welche Richtung mit seinem Inhalt, der Verstand nimmt ein Schaumbad in eiskaltem Adrenalin. Man ist gerade einige Höhenmeter in ein Luftloch gesackt. Die Gesetze, denen man sein Leben anvertraut, machten kurz mal Pause. Da war ein Abgrund offen.Solchen Abgrund hat Nicholson Baker in seinen kleinen Roman "Eine Schachtel Streichhölzer" gerissen. Der Leser hatte genügend Zeit, Freundschaft mit dem Ich-Erzähler zu schließen, er registriert, was berichtet wird, mit interessiertem Gemach. Gerade ist die Rede von Scheren, die man, anders als in seiner Kindheit, durch Einwickelpapier steuern könne, ohne die Klingen zu bewegen, "das war eine spätere Entdeckung, oder es hing von einer gewissen Sorte weichen Einwickelpapiers oder einem gewissen Grad an Scherenschärfe ab. Ich habe die Scheren in San Diego gekauft, sie werden in China hergestellt, und sie haben rote Plastikgriffe". Wer schon einmal auf diese Weise geschnitten hat - und wer hat das nicht? - der liest so eine Passage mit dem schönen Gefühl, Experte zu sein auf dem Gebiet, wovon die Rede ist. Und gleitet auf der Textoberfläche sanft so für sich hin.Doch dann klafft da ein Riss, und von unten saugt ein Vakuum: "Mir geht's nicht so gut", steht da auf einmal - wie aus Versehen hingeschrieben und nicht wieder weggelöscht. Ein geflüsterter Hilfeschrei.Der Leser fällt frei, wenn auch nur einen Augenblick. Denn sofort wird er wieder aufgefangen, sofort ist wieder die Rede von einem nützlichen Gegenstand, und zwar diesmal von einem Gartenfreund namens "Schlauch-Organizer": "Der Schlauch ist beim Aufwickeln nass, sodass er, während man ihn herzieht, mulchige Teilchen mitführt, die einem dann an die Hand kommen, und Schneckenschleim; hat man dagegen einen Schlauch-Organizer, kommt man sich vor wie ein Mitglied der Besatzung eines Handelsschiffs, das den Anker lichtet oder das Großsegel vierka nt brasst."Wieso, in Gottes Namen, geht es einem Menschen, der sich so positive, sichere, zweifelsfreie Gedanken über Scheren und Schläuche macht, nicht gut? Wie soll ihm zu helfen sein? Was ist mit unserem neuen Freund los? Hey, Emmitt, alter Junge, was ist los mit dir? Fühlst du dich verloren zwischen all den Errungenschaften der künstlichen Welt? Ist was mit deinen Kindern, mit Phoebe oder Henry? Hat Claire einen anderen? Unterfordert es dich, Lektor für medizinische Fachliteratur zu sein? Ist der Kater gestorben? Oder etwa Grete, die Ente? Oder schmerzt dich die Erinnerung an Fides, die letzte Ameise in deiner Ameisenfarm, die alle ihre Kolleginnen überlebte, die ohne zu klagen alle begrub, länger allein lebte als in Gesellschaft und die wusste, dass niemand von ihren Artgenossinnen da sein würde, um sie einst zu begraben? Emmitt, denkst du manchmal, du seist allein auf der Welt wie Fides, und keiner versteht dich?Nein. Dies alles ist nicht der Fall. Im nächsten Kapitel steht die Erklärung für das vermeintlich Entsetzliche: Es hat sich bei Emmitt eine Grippe angekündigt. Eine Grippe."Eine Schachtel Streichhölzer" fasst 33 Kapitel, die jeweils höflich mit "Guten Morgen" und einer minutengenauen Zeitangabe zwischen 3.37 Uhr und 6.30 Uhr beginnen, und von denen glaubhaft behauptet wird, sie seien blind geschrieben. Im Dunkeln. Es leuchten allein der Mond, wenn der da ist, die Diode im Rauchmelder, ein ganz bisschen der nur leicht aufgeklappte Laptop (dunkelblau eingestellte Buchstaben auf schwarzem Hintergrund) und das Feuer im Kamin. "Man muss im Dunkeln Feuer machen: es muss seine eigene Lichtquelle werden. Überhaupt muss man so viel wie möglich im Dunkeln machen, auch den Kaffee, denn wenn man Licht macht, wird das limbische System in die wache Welt gezerrt, und das will man ja nicht." Das will man ja nicht.Es handelt sich um den sechsten Roman von Baker. Der Autor umsorgt die wahrnehmbaren, oft banalen Dinge mit ausgesuchter Sprache. Schlichte rational-phänomenologische Betrachtungen wachsen sich aus zu Expeditionen in sich selbst erklärende Welten. Vorgänge beziehen eine gewisse Seligkeit daraus, dass sie so schön reibungslos ablaufen. Dabei besteht kein kategorieller Unterschied zwischen dem Wohlgefühl, das sich bei der Funktionstüchtigkeit eines Gebrauchsgegenstandes einstellt oder beim Absolvieren einer Körpertätigkeit. Beides sind Lebensanwendungen, denen Aufmerksamkeit zu schenken sich lohnt. Die Vorteile eines Schlauch-Organizers auszumalen (bitte die Überleitung beachten) ist dabei nicht weniger verdienstvoll als Emmitts wohl durchdachte Argumentation gegen das Pinkeln im Stehen im Dunkeln: "Man sagt sich, dass es ja sowieso eine sehr große Schüssel ist und dass man gute Chancen hat, ins Ziel zu treffen. Und dennoch ist man natürlich verschlafen, man könnte auch eine leichte nichtsexuelle Versteifung haben, und man ist ungeschickt. Also entlässt man etwas Pisse in die Dunkelheit." Die folgende Schilderung dieses Abenteuers umfasst deutlich mehr als eine Buchseite. Bei Baker folgt der Frage eine Erfahrungen abwägende Betrachtung, der Abwägung folgt eine schlüssige Erkenntnis, und der Erkenntnis folgt das menschenmöglichst richtige Handeln. Was für ein Trost! Solange es nur eine Grippe ist.------------------------------Nicholson Baker: Eine Schachtel Streichhölzer. Aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2004. 151 S., 14,90 Euro.------------------------------Foto: Wenn man Licht macht, wird das limbische System in die wache Welt gezerrt, und das will man ja nicht.

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