Nicht verharmlost, nicht verherrlicht - die Arno-Breker-Ausstellung in Schwerin: Plötzlich schwollen die Muskeln

Warum man Arno Breker nicht zeigen soll, fragt man sich im Ernst, wenn man diese Ausstellung gesehen hat. Als Bildhauer entlarvt er sich selbst, wo er als Hitlers Protegé dem Größenwahn einer Pseudo-Antike verfiel; und das Frühwerk wäre ohne seine spätere Verstrickung in die Nazi-Herrschaft ohnehin längst in den Skulpturensammlungen der Moderne zu sehen. Aber Breker ist eben ein heikler Fall, einer, der wie Leni Riefenstahl oder Albert Speer den Pakt mit dem Teufel einging und nach dem Krieg mit Verbannung aus dem Kunstbetrieb büßen musste. Da nützten ihm nicht die Ehrenerklärungen des Verlegers Peter Suhrkamp, dem er während der Haft half, oder von Jean Marais, der ihm ebenfalls zeitlebens dankbar blieb für rettende Unterstützung während der deutschen Besatzung in Paris. Zu Recht gibt es im Katalog zur Ausstellung jetzt ein Kapitel über den "anderen Breker" und sein Engagement für politisch Verfolgte.Die Museen mieden Breker nach dem Krieg lange, auch wenn sich Adenauer und Ludwig Erhart, ja selbst der rheinische Großsammler und Pop-Art-Pionier Peter Ludwig von ihm porträtieren ließen. Heute abend wird jetzt tatsächlich die erste Breker-Retrospektive nach dem Krieg eröffnet. Bezeichnenderweise nicht in einem großen, angesehenen Haus, sondern abgelegen im kleinen Schleswig-Holstein-Haus, der städtischen Galerie von Schwerin.Wie ein Pawlowscher Reflex entbrannte nach der Ankündigung ein Sommertheater, angeheizt durch Klaus Staecks Absage einer eigenen Ausstellung, die er im nächsten Jahr hier zeigen wollte. "Ich habe Zweifel, ob in diesem Haus eine kritische Aufarbeitung geleistet werden kann", argwöhnte er in einem Spiegel-Interview. "Man ist von einem Sensationsbedürfnis getrieben." Damit hatte er wohl Recht, doch die inhaltliche Vorverurteilung war unfair und erinnerte an Schlammlawinen, die ebenfalls im Voraus auf die RAF-Ausstellung der Berliner Kunst-Werke oder die dann gescheiterte Willi-Sitte-Retrospektive in Nürnberg herabgedonnert waren.Die Freiheit von Kunst und Wissenschaft ist in der Bundesrepublik immer noch vom Grundgesetz verbrieft; die Häufungen von Vorzensur berühren äußerst unangenehm. Warum warten die Eiferer nicht? Wenn ein Projekt fertiggestellt ist, hat jeder das Recht, es in Grund und Boden zu verdammen. Doch dazu besteht in Schwerin kein Anlass. Rudolf Conrades, der Kurator der Ausstellung und Herausgeber des Katalogs, verharmlost und verherrlicht Breker nicht; die Saaltexte stellen die Werke in den Kontext.Das Begleitbuch schont den Künstler nicht. Im Gegenteil, der Historiker und Schweriner Stadtarchivar Bernd Kasten zeichnet schonungslos Brekers Verstrickung ins NS-Regime und fällt am Ende ein deutliches Urteil: "Vieles spricht so dafür, dass er tatsächlich ein überzeugter Nationalsozialist war und dies - unbelehrt und unbelehrbar - bis zu seinem Tod blieb." Ob künftige Biografen dieser harschen Einschätzung folgen, bleibt abzuwarten, zumal die Witwe bislang den Nachlass und damit womöglich manche Zwischentöne der Wissenschaft nicht zugänglich macht. So sieht Verharmlosung nicht aus.Wie hält es die Ausstellung mit der Kunst? Die Raumverhältnisse in dem beengten Backsteinhaus erlauben es nicht, Breker in der ganzen Wucht seines Gigantismus zu zeigen, den er als Hitlers Hofbildhauer, aber auch in seinen letzten Jahren wieder auslebte. Trotzdem ist der Künstler in allen Werkphasen so ausreichend zu erleben, dass sich jedermann ein eigenes Urteil bilden kann.Weniger genialisch, als gerne kolportiert, sind die frühen Jahre. Breker schwankte in seiner Orientierung zwischen Hildebrandt, dem glatten Statuariker, und Rodin, dem Dramatiker des Fragmentarischen. Die gediegen modernen Figuren sind wenig spektakulär, weder im Ausdruck wirklich beseelt, noch in ihrer gebrochenen Epidermis eindrucksvoll. Im selbstgewählten Pariser Exil von 1927 bis 1934 wurde er Teil der Avantgarde-Zirkel. In den Skulpturen deutet sich zuweilen schon die spätere Idealität der nackten Athleten an, aber daneben gibt es noch einen interessanten Torso mit so schrundiger Oberfläche, als stammte er aus der rostigen Arte Povera der sechziger Jahre.Es gehört zu den Paradoxien dieses Künstlerlebens, dass ausgerechnet Max Liebermann ihn 1934 zur Rückkehr nach Deutschland bewegte. Brekers Büste des greisen Malers gehört zu den bewegendsten Liebermann-Porträts. Auf Bitte der Witwe nahm ihm Breker 1935 die Totenmaske ab. 1936 kommt dann die Zäsur, die auch in der Ausstellung überdeutlich wird. Mit der "Siegerin" und dem "Zehnkämpfer" beteiligt sich Breker am Kunstwettbewerb der Olympiade. Auf einmal wachsen die Formate, schwellen die Muskeln, werden die Oberflächen glatter und mutieren die Gesichtszüge zu künstlicher Idealität, die mit den Jahren immer martialischer wird. Es ist eben nicht einfach der internationale Neoklassizismus, der Breker die Gunst Hitlers einträgt. Es ist eine selbst gewählte Nähe zum monströsen Menschenbild des Nationalsozialismus. Auch hier ist die Ausstellung nicht verharmlosend, wenngleich sie nur einige der Figuren im Großformat zeigen kann.Im Streben nach Heroisierung übertreibt Breker maßlos; der Kunsthistoriker hat mit dem Begriff der "Bodybuilding-Idealität" dafür die passendste Charakterisierung geprägt. Man denkt an männliche Barbiepuppen, aber auch an schwule Porno-Ästhetik. Aber auch an manche Kitsch-Klassizismen der Postmoderne, etwa an die Porno-Überzeichnungen von Jeff Koons oder die sexuell so stilisierten Männerfotos von Robert Mapplethorpe. Solche Verbindungen zeigt die Ausstellung nicht, ausführlich das lange Nachkriegswerk bis zu Brekers Tod 1990. In den Fünfzigern experimentiert er mit Körperabstrahierungen à la Henry Moore oder kommt zu den aufgerauhten Rodin-Oberflächen und den expressiv durchfurchten Porträts zurück.Erst am Ende nähert er sich wieder unbefangen mit Großfiguren dem antikischen Pathos der Dreißiger und Vierziger. Grotesk aufreizend ist der nackte Zehnkämpfer Jürgen Hingsen in aufreizender Siegespose, als wolle er sich mit seinem Astralleib der Sexfilmindustrie andienen. Ein Wunder eigentlich, dass er - im Gegensatz zu Leni Riefenstahl - noch nicht zum schwulen Kultkitschkünstler aufstieg.------------------------------Cocteaus Freund, Hitlers HofbildhauerDie Ausstellung heißt programmatisch "Zur Diskussion gestellt" und zeigt erstmals nach dem Krieg an einem öffentlich subventionierten Kunstort alle Werkphasen von Arno Breker.Bis 22. Oktober im Schleswig-Holstein-Haus in Schwerin. Täglich geöffnet 10-18 Uhr. Der lesenswerte und materialreiche, jedenfalls nicht verharmlosende Katalog kostet 14,85 Euro.------------------------------Foto: Kunstsport: Blick in die Ausstellung.------------------------------Foto: Arno Breker im November 1939 in seinem Berliner Atelier