Das Leben geht weiter. Das ist so eine zwar wahre, aber auch abgedroschene Weisheit aus Uromas Sprüchekiste. Und sie hilft meistens nur denen, die nicht unmittelbar betroffen sind: von einem Unglück, einem Ungemach. Von einer schockierenden Diagnose.Das Leben geht weiter, haben sich jene 20 Frauen von etwa 40 bis ungefähr 70, um die es in dieser ungewöhnlichen Ausstellung und dem dazugehörigen Fotobuch geht, dennoch über ihren Lebensplan geschrieben: trotzig, lakonisch, nüchtern.Zwar nennen sie sich Amazonen. Kriegerisch drauf aber ist keine einzige dieser Frauen, die sich mit den einbrüstigen, speerbewehrten Wesen aus der griechischen Mythologie vergleichen. Aggressiv sind weder die langbeinigen, gestiefelten, oder mit Hochhackigen auftrumpfenden, am Bauch tätowierten Nackten mit und ohne Badmantel. Ebensowenig die in exotischen Kostümen, dekorativen Schleiern und martialischen Rüstungen posierenden Frauen, die den Ölgemälden der Alten Meister oder aufwändigen Historienfilmen entstiegen sein könnten.Aber nur auf den ersten Blick ist dieses Auftreten einerseits demonstrativ, wild, aufsässig. Andererseits wirkt manches Bildnis romantisch, geheimnisvoll, geradezu mystisch und verletzlich. Und da ist auch ein Hauch Melancholie.Im Berliner Stilwerk, oben im dritten Stock, hängen die Amazonen-Porträts, inszeniert und mit virtuosem Handwerk aufgenommen von der erfahrenen Hamburger Fotografin Esther Haase und ihrer jungen Berliner Kollegin Jackie Hardt. Beide sind spezialisiert auf die Welt der Mode, der Beauty-Fotografie, wo Versehrtes, Nicht-Ideales gewöhnlich keinen Platz hat.Aber vielleicht gerade deshalb gelang beiden etwas Außergewöhnliches und Wesentliches. Die Fotografinnen schufen - angeregt und für dieses Projekt zusammengebracht von Uta Melle, einer direkt betroffenen jungen Frau - eine Ausstellung, ein Katalogbuch voller menschlicher Schönheit nach dem Schock. Sie machten aus der Versehrtheit des weiblichen Körpers Kunst. Ihr Amazonentum ist nicht freiwillig. Sie sind nicht aus Spaß oder aus theatralischer Lust zu Mythengestalten geworden: Es sind Frauen, die an Brustkrebs erkrankten und, um weiterzuleben, die Amputation einer oder auch beider Brüste hinnehmen mussten - und nun zu diesem nur noch einbrüstigen oder nunmehr androgynen Körper stehen. Die auf den Fotos abgebildeten, derart gezeichneten Frauen entschieden sich alle gegen eine plastische Korrektur und zeigen ohne falsche Scham ihren Körper mit dem, was ihm passiert ist - und was andere Leute als Makel, als Verstümmlung, als Stigma sehen mögen. Schon 1986 hatte die Ost-Berliner Fotografin Renate Zeun ihren Oberkörper nach der Brustkrebs-OP in einer damals das Publikum schockierenden Bildserie gezeigt und an einem Tabu gerüttelt. Heute, ein Vierteljahrhundert später, ist das Thema noch immer nichts für Feiglinge. Eine Frau ohne Busen ist für viele Männer keine Frau mehr. Aber auch angstvollen Geschlechtsgenossinnen, denen die schlimme Diagnose womöglich gleichbedeutend wäre mit dem Ende der Welt, könnte diese Ausstellung manche etwas Anderes lehrende Überraschung bringen. Die Schönheit dieser Frauen nämlich ist überwältigend, ermutigend, fröhlich-kämpferisch.Die Fotografin Esther Haase inszenierte ihre Trotz-alledem-Bilder bisweilen fast so, wie Helmut Newton seine berühmten "Nudes" auf Straßen, Plätzen, zwischen Häuserschluchten aufmarschieren ließ: mit Beinen, die durch die Kamera-Untersicht extrem überlängt sind, die bis zu den Oberschenkeln in Musketier-Lederstiefeln stecken oder auf dolchspitzen Stilettos stehen. Doch wo bei Newton die Models eiskalt, arrogant oder mit leerem Blick in die Welt schauen, da sind die Nackten bei Esther Haase deutlich an ihrer Umwelt anteilnehmende Wesen.Auf vielen Fotos ist die Bildästhetik Esther Haases auch jener der 2010 so früh verstorbenen Berliner Fotografin Sibylle Bergemann verwandt, die zu DDR-Zeit den Stil der Modezeitschrift "Sibylle" prägte. Die Modelle von Haase laufen ebenfalls in Gruppe durch verlassene Gründerzeit-Industrieareale - morbide Architektur wird konterkariert von weiblicher Lebendigkeit - hier nun trotz der körperlichen Versehrtheit. Auf einem der Fotos rennen wie zur Party aufgeputzte, halbnackte Frauen eine rot-weiße Bau-Absperrung nieder, als solle das symbolisieren, dass sie sich von nichts ausgrenzen lassen werden.Anders ging Jackie Hardt für ihre Aufnahmen vor: Sie wählte bei der Kameraführung das betont Theatralische, die Travestie. Mit Brokat, Spitzen, Schmuck, Federn, abenteuerlichen Rüstungen und historischen Requisiten stellte sie Porträts wie aus dem Fundus der Kunstgeschichte nach. Der von der Chemotherapie gezeichnete Kopf einer jungen Frau wird zu einem in grünblaues Schleiertuch gehüllten Pfau, diesem im Symbolismus und im Art Deco so oft dargestellten schönen stolzen, eitlen Vogel. Die Krankheit wird zum Kunstmittel, und irgendwie anverwandelt sich die Fotografin mit ihrer - allerdings sehr viel sanfteren - Stilistik einer Profi-Frau die fotografische Travestie der, allerdings in ihren Inszenierungen weit exzessiveren, Amerikanerin Cindy Sherman - dieser großen Anregerin und Meisterin der inszenierten FotografieProteismus nennt man in der Psychiatrie die Zwangsneurose, exzessiv in immer neue Rollen zu schlüpfen. Damit freilich haben Haases und Hardts Modelle nichts zu tun. Und dennoch scheint auch ihnen das Rollenangebot der Travestie ein wunderbares Mittel für Tarnung, Enttarnung und Identitätsfindung. Alles in allem ein probates Stilmitteln des Surrealismus, nämlich der extremen Übertreibung . Und wie bei den großen fotografischen Vorbildern vorgelegt, attackieren Esther Haase und JackieHardt hier - in ihrem selbstgewählten, komplizierten Kontext von Kunst, Krankheit und Lebenslust - den alten Rollenzwang. Das Porträt des Weibes hat abermals seine liebliche, makellose Artigkeit verloren.-----------------------Stilwerk Berlin Kantstraße 17 (Charlottenburg). Bis 1. September, Mo-Sa 10-19 Uhr. Im Kehrer Verlag erschien das Fotobuch "Amazonen" für 30 Euro.------------------------------Die Fotografinnen machten aus der Versehrtheit des weiblichen Körpers Kunst. Ihre Amazonen sind nicht aus Spaß zu Mythengestalten geworden: Sie sind an Brustkrebs erkrankt.Foto: Anne, geboren 1965, in fantasievoll-historischer RüstungFoto: Uta, geboren 1969, feiert übermütig das Überleben.Foto: Mareke, geboren 1967, will wie jede Frau schön, auch eitel sein.