Wirkliche Göttinnen tragen keine Schuhe. Und Diven wie Caesaria Evora auch nicht. Sie betritt die Bühnen der Welt barfuß, und das Publikum liegt der Dame von der Westküste Afrikas "mit einer Stimme zwischen Billie Holiday und Amalia Rodriguez" zu Füßen. So leicht wird es im allgemeinen dem schönen Geschlecht nicht gemacht. Füße wollen verpackt sein. Nach Männerphantasien möglichst in Rot und auf Stelzen. Ein roter Lackpumps ist allein eben schon ein Imperativ. Oder ein Warnsignal? "Die roten Schuhe" haben in Literatur, Film (Lady in Red) und Theater ihre symbolträchtige Rolle ausleben dürfen. Der Berliner Schuhdesigner Jürgen Ernst greift das Thema auf und steigert es zu "Metamorphosen eines Stöckelschuhs" eine geschwungene Komposition in rotem Lackleder. "Alles war irgendwie schon mal da, aber auch wieder nicht! Jeder gibt mit seiner Subjektivität eigene Vorstellungen hinzu", sagt der Berliner Schuhmacher. Und man möchte hinzufügen, am Objekt Schuh erblüht die Phantasie ganz ohne Grenzen. André Perugia erfand 1931 einen "Fischpumps" aus Glacéleder mit Schuppenbesatz, und Stine Heilmann hat sich Mitte der 90er offenbar auf Wochenmärkten umgesehen: Aus Lauch und Blumen schlingt sie ihre "Botanische couture". Der Exzentriker Gaultier baut unter Silberstiefeletten Krallen oder Sauggefäße. Es fehlt nicht an Pelz und Rüschen, Perlen und Röschen."Die roten Schuhe" Symbol weiblicher Erotik werden für Jürgen Ernst zum Muß der Auseinandersetzung, feministische Argumentation einkalkulierend. Das Ergebnis superb, ironisch, respektlos und schön. Was da über den Leisten gezogen wurde, zeigt einen Virtuosen der Konstruktion und verrät einen Abenteurer des sinnlichen Spiels: Steppnähte betonen den Fuß wie das Korsett die Taille. Reißverschlüsse wollen geöffnet werden. Linienschwünge erregen das Auge. Schließlich der Pumps auf Stelzen als eine gewagte Variante venezianischer Chopinen, Ahnen des Plateauschuhs. Mit ihnen erst wird die Frau Göttin und verliert dabei die Bodenhaftung. So darf sie schwankend über das Pflaster trippeln, immer in der Hoffnung, daß Mann ihr behilflich sein würde. Die Göttin scheint man eben gern kurz vorm Sturz zu sehen. Als gefallene Frau.Ein Schuh ist ein Gebrauchsgegenstand. Ein Schuh ist ein sinnliches Erlebnis. Ein Schuh ist Sprache. So das Credo des Berliner Designers. Alle fünf Sinne sind am Erlebnis Schuh beteiligt. Das Fußbett schmeichelt oder schmerzt. Geräusche erst! Sie verraten den Rhythmus des Ganges. Man stelle sich auch eine nicht enden wollende leere Bahnhofshalle vor und jeder Schritt hallt. Ich kenne Frauen, die den Rest der Strecke auf Strümpfen zurückgelegt haben. Die Behauptung, ein Schuh schmeichle unserem Geruchssinn, mag übertrieben sein. Sie bedarf zumindest der Einschränkung.Voller Entschlossenheit soll ein praktischer Schuh gekauft werden, und die Auswahl ist nicht gerade klein. Im Geschäft selbst sind alle guten Vorsätze schnell dahin, und ein goldenes Schuhchen aus feinem Leder erweckt Neugierde. Ohne daß je eine Frau dafür konnte, gewissermaßen schuldlos, kauft sie das Paar, um zu allem Überdruß dem Verkäufer zu erklären, daß sie diese Schuhe nie tragen werde. Soll er nun die Rechnung ausstellen oder nicht? Immerhin hatte er diverse Schachteln aus dem Lager geholt und das Auf und Ab vor dem Spiegel mit erheblicher Geduld abgewartet. Wollen Sie zahlen? Welch Zweifel? Die Kundin will die Schuhe nicht haben. Sie muß sie haben! So etwa beschreibt Bibien Kirshenbaum den Lustkauf einer Ehebrecherin. Im Alltag heißt es einfach: Sich etwas Gutes tun. Der visuelle Reiz, sagt man, ist Entscheidung auslösend. Ein intelligentes Vermögen. In Wirklichkeit ist es der Satan, der aller Vernunft die Zunge heraussteckt.Berlin ist noch keine Schuhmetropole wie Mailand und London, wenngleich sich bald genau so viele neue Schuhgeschäfte etablieren wie Buchläden und Cafés. Doch nur wenige Maßschuhmacher und Designer schicken aus zumeist verborgenen Werkstätten ihre Botschaften übers Pflaster: Auch in Berlin ist ein guter Schuh zu finden. Handgemacht, solide, individuell, verrückt und exklusiv. Stiefel oder Pantolette. Pumps oder Budapester. Von Mann oder Frau genäht. Christine Schöpf hat in London Schuhdesign studiert und betreibt ihre Werkstatt in Kreuzberg. Sie ist eine Meisterin "gegen die Ungerechtigkeit der Natur". Die gelernte Orthopädieschuhmacherin fertigt charmante Unikate für Kunden mit und ohne Fußproblem. Am liebsten aber zaubert sie Sternchen und Herzen auf Schuhsohlen, zieht türkises und rotes Leder über den Leisten, baut Schäfte und Absätze, die es in sich haben, und läßt auch mal einen Goldfisch im Sohlenplateau schwimmen. Aber auch das trifft es nicht ganz. Ihr Wesen ist streng, und ihre schönsten Schuhe zeigen diese Strenge als elegante Linie. Michael Oehler hat sein Domizil in den Hackeschen Höfen und paßt seinen Kundinnen Holzpantoletten "Trippen" an, weiß aber auch fast jeden anderen Wunsch zu erfüllen. Jürgen Ernst fertigt Maßschuhe 100 bis 300 Handgriffe und erfindet Träume. Alles exklusiv! Egal, ob Schnallenherrenschuh aus schwarzem Boxcalfleder in eckiger Kontur oder obskures Luxusobjekt aus Hunderten Pfauenflaumfedern. In seiner Schöneberger Souterrainwerkstatt mit Blick auf die Füße der Passanten ist Hollywood nicht weit. Seine Ambition zum großen Auftritt sucht nach Gestalt im Spiel mit Mythen und Symbolen. Kubistische Konstruktionen, Anleihen an die etwas voluminös-schwulstige Ästhetik der fünfziger Jahre, virtuose Linien, offene oder verkleidete Plateaus beschert Jürgen Ernst den Damen. Dies mit unverhohlener Affinität zum Dramatischen. Sie treibt den Sechsunddreißigjährigen vom romantischen Carmen-Ballerina (ein grünes Ledergerank mit Rosette) zum crime: der "high heel" wird im wahrsten Sinne zur Waffe stilisiert. Zweifellos eine Reverenz auch an den Italiener Salvatore Ferragamo. Er erfand Ende der fünfziger Jahre den "Stiletto". Der Berliner wiederum nimmt es wörtlich und läßt in obskurer Schauerlichkeit eine Lederfaust einen Dolch umfassen. Was für die einstigen Popidole Michael Jackson und Madonna, Identifikationsfiguren für jene Generation, die Bühne war, ist für Jürgen Ernst der Schuh. Nicht zufällig heißt eine Kreation "Diwana". Stromlinienförmig wie die Autos der dreißiger Jahre zeigt sich die Kontur. Effektvoll fließt die Ferse in die fingernagelgroße Auflagefläche des Absatzes, derweil das mehrkantige Vorderteil ein Spiel von Licht und Schatten ermöglicht. Mit Jürgen Ernsts Brückenkollektion so scheint es kann niemand mehr laufen. Die ergonomisch bedingte Höhlung zwischen Absatz und Vorderschuh wird zur Metapher gesteigert: "Golden Gate" ganz glamour, "Rialto" romantisch geschwungen, und die zum politischen Ort gewordene Glienicker Brücke avanciert zum Kultschuh gleichen Namens mit James-Bond-Touch. "Ein Schuh ist ein höchst individueller Gegenstand" eine Sache des Geschmacks eben, der Funktion und der Füße. Man kann "Schlangen" und "Brücken" erfinden, oder wie Roger Viviers, der für Marlene Dietrich entworfen hat, es so zauberhaft vorgeführt hat, mit Pailletten bestikken doch man kommt einfach zu selten in die Gelegenheit, einen Oscar zu empfangen. Zum Schluß muß man sich eben auch fortbewegen können. Dem Berliner ginge es deshalb nicht allein darum, "möglichst etwas Ausgefallenes" zu machen, sondern um einen "Grundgedanken, der sich mit dem Schuh ausdrückt". Dabei werden keinesfalls nur die Damen bedacht. Und männliches Stilgefühl muß sich nicht allein in Budapester Schuhen zeigen! Übrigens einen guten Schuh tragen, bis er vom Knöchel fällt, ist keine üble Schrulligkeit, die das ästhetische Feingefühl der Mitmenschen beleidigt, sondern symbolisiert die Verbundenheit mit dem Schuh, die Wertschätzung des Handwerks und rechtfertigt so allemal den Preis.Der amerikanische Designer Stuart Weitzmann weiß zu schmeicheln allerdings ist nicht ganz klar wem sich selbst oder den Frauen: "Nichts sorgt so gut wie ein hoher Absatz dafür, daß ein Paar hübscher Beine wunderbar und ein Paar wunderbarer Beine einfach göttlich aussieht."