Ein Beruf ist das Rückgrat des Lebens." So schrieb einst Nietzsche. Was aber sollen junge Menschen von heute damit anfangen? Die meisten haben keine Chance, so etwas wie einen Beruf zu "ergreifen", wie es einst hieß. Anne Köhler etwa hält sich seit ihrem Studium mit Nebenjobs über Wasser. Mit neunzehn kam sie 1997 aus einem hessischen Dorf nach Berlin. Neben dem Studium kellnerte sie, sortierte Briefe, jobbte als Hostess, als Lektorin, Fotoassistentin, Küchenhilfe. Auch ihre Aussichten, als Diplom-Kulturwissenschaftlerin etwas Festes zu bekommen, sind nicht rosig.In 21 Episoden schildert sie ihre Erfahrungen. "Nichts werden macht auch viel Arbeit - Mein Leben in Nebenjobs" heißt ihr Buch. Es entstand aus einer Kolumne auf der Internetseite jetzt.de. Anne Köhlers Geschichten können für die Lebenswege vieler stehen, die in den letzten Jahren den Stempel der "Generation Praktikum" aufgedrückt bekamen. Wobei dieser die Lage der meisten kaum trifft. Sie schlagen sich vor allem mit schlecht bezahlten Kurzzeitjobs und freien Tätigkeiten durchs Leben. "Meine berufliche Situation fühlt sich diffus an: dreißig sein, ein Diplom haben, selbstständig arbeiten, vieles können, aber nichts so richtig. Als was verstehe ich mich? Mir fehlt eine klare Definition", schreibt Anne Köhler.Ja, was hat es für einen Sinn, sich für ein paar Euro fast versklaven zu lassen? Sie schildert, wie sie als Kellnerin in einem Hotel rund um die Uhr angebrüllt wird: "Pronto, das muss schneller gehen", wie sie den großen Fehler macht, nach der ersten Schicht ihre Schuhe auszuziehen. "Ich konnte mich nicht erinnern, jemals solche Schmerzen in den Füßen gehabt zu haben." Anstrengend und schmerzhaft sind viele ihrer Jobs. Mitunter trifft sie auch auf einen, der ihr ihr zusagt. So arbeitet sie vier Monate lang als Köchin in einem Lokal in Berlin-Mitte. Ungelernt wohl bemerkt. In einem Verlagsbüro hilft sie immer mal "zwei bis drei Monate" aus - inzwischen für Anne Köhler die perfekte Job-Zeitspanne.Das Buch ist also auch ein kleines Dokument über die Tatsache, dass sich ganze Branchen mit jungen unterbezahlten Job-Nomaden über Wasser halten - und dass diese auch bereits eine zu ihrer unsicheren Lage passende Lebensweise entwickelt haben. Diese reicht bis ins Private. Auch Anne Köhler führt eine der typischen Fernbeziehungen der globalisierten Skype-Generation. Ihr Freund lebt in Italien. Irgendwann geht auch das kaputt. Nichts ist sicher, nichts von Dauer.Um dennoch so etwas wie eine "Definition" zu finden, hat Anne Köhler eine interessante Strategie entwickelt. Sie teilt ihre Tätigkeiten in zwei Kategorien: "die Brotjobs" und "die Herzensangelegenheiten". Nach mehr oder weniger guten Erfahrungen in vielen Bereichen entdeckte sie, dass ihre eigentliche Profession das Schreiben ist. Wenn es um diese geht, wird ihre Schilderung auch sogleich lebendiger, verliert das etwas Lakonische, mit dem sie sich gegen die Zumutungen der ungeliebten Brotjobs verschließt.Nahezu schwärmerisch erzählt sie von Begegnungen mit Menschen, die ihre Fantasie anregen. Etwa über den Schauspieler Armin Mueller-Stahl, den sie während eines Messejobs für einen Verlag betreut. Sie ist fasziniert von seinen vielen Talenten und wie er damit umgeht. Sie zieht den Schluss, dass Glück nicht davon abhänge, dass man Erfolg habe. "Es ging um das Herz dahinter. Darum, das Richtige für sich selbst zu finden. Nur so entstand Glück." Egal ob man schreibe, koche oder gärtnere. So hatte es wohl auch Nietzsche eigentlich gemeint, als er über den Beruf schrieb: "Der wahre Beruf des Menschen ist, zu sich selbst zu kommen."------------------------------Anne Köhler: Nichts werden macht auch viel Arbeit. DuMont, Köln 2010. 14,95 Euro.