SINGAPUR, 10. Juli. Als die Arbeit erledigt war, hatte Jacques Rogge für die Sportkameraden aus den Vereinigten Staaten ein paar tröstende Worte parat. "Wir trauen dem amerikanischen Sport sehr", formulierte der IOC-Präsident. Es war eine höfliche und diplomatische Botschaft nach jenem Desaster, dass die US-Amerikaner in Singapur erleiden mussten: Sie hatten keine Chance bei der Olympiavergabe 2012. Sie konnten die Streichung der uramerikanischen Sportarten Baseball (Männer) und Softball (Frauen) nicht verhindern. Ihre Funktionäre spielen überhaupt keine Rolle mehr im internationalen Sport.Dass New York bei seiner Bewerbung um die Sommerspiele 2012 chancenlos war, galt in olympischen Kreisen spätestens seit George Bushs Kriegszügen in Afghanistan und Irak als Gesetz. New York verabschiedete sich demnach am vergangenen Mittwoch mit kläglichen 16 Stimmchen schon in Runde zwei. Nur Moskau war schlechter. Im Raffles City Convention Centre hatten zuvor eine Reihe von IOC-Mitgliedern jedem, der es hören wollte, den Satz zugeraunt: "New Yorks einzige Chance besteht darin, dass Bush zurücktritt." Weil Präsident Bush aber gerade seine zweite Amtszeit begonnen hat, müssen sich die Amerikaner noch eine Weile gedulden. 1980 wurden Winterspiele in Lake Placid ausgetragen, 1984 Sommerspiele in Los Angeles, 1996 Sommerspiele in Atlanta und 2002 Winterspiele in Salt Lake City. Seit das IOC mit den Spielen Milliardensummen umsetzt und das meiste Geld aus den USA kassiert (von Sponsoren und Fernsehsendern), haben die Amerikaner also nie lange auf das Sportfest warten müssen. Diesmal aber wird es dauern. Zumal 2010 schon die Winterspiele in Vancouver in Kanada stattfinden.Mit einer demokratischen Präsidentin Hillary Clinton oder gar mit einem möglichen republikanischen Bush-Nachfolger Mitt Romney könnte sich die Lage in vier Jahren etwas entspannen. Gerade Romney, derzeit Gouverneur von Massachusetts, hat sich im Olympiabusiness als Krisenmanager einen ausgezeichneten Ruf erworben: Romney stieg auf dem Höhepunkt des Bestechungsskandals als neuer Organisationschef der Winterspiele von Salt Lake City ein und meisterte seine Aufgabe bravourös. Das wird man ihm so schnell nicht vergessen.Zwei Tage nach der Ohrfeige für New York warfen die IOC-Mitglieder Baseball und Softball aus dem Olympiaprogramm für 2012. Rogge erläuterte am Sonnabend auf der Abschlusspressekonferenz nachdrücklich die Gründe dafür: "Die Nachricht ist überaus deutlich", sagte er, "das IOC will sauberen Sport, es will die besten Athleten und strebt nach Universalität." Sauberer Sport? Fehlanzeige im dopingverseuchten Baseball - dazu noch die Prozesse im Balco-Skandal. Die besten Athleten? Die überragenden Profis aus der nordamerikanischen Liga blieben den Spielen bisher fern. Universalität? Softball wird außer in Amerika kaum irgendwo auf der Welt ernsthaft gespielt. "Ich glaube", sagte Rogge, "die beiden Verbände haben auch die Nachricht, die wir schon 2002 in Mexiko ausgesandt haben, nicht richtig verstanden. Anders als es der Moderne Fünfkampf getan hat, haben weder Baseball noch Softball hart genug gearbeitet, um ihr Angebot zu verbessern."Als Rogge die Ergebnisse der 117. IOC-Session resümierte, saß mitten unter den Journalisten seine IOC-Kollegin Anita DeFrantz, eines von derzeit drei amerikanischen IOC-Mitgliedern. DeFrantz war unter dem IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch lange Jahre die Quotenfrau vom Dienst gewesen. Sie galt als pflegeleicht, ein bisschen naiv und nicht sonderlich an einer ordentlichen Karriere interessiert. Sie war nicht einmal fähig, ihre Position richtig zu analysieren, weshalb sie 2001 in Moskau, in fataler Selbstüberschätzung, gegen Jacques Rogge für die IOC-Präsidentschaft kandidierte. Sie schied mit neun Stimmen als erste von fünf Anwärtern aus und weinte danach bitterlich.Neben Anita DeFrantz gehören dem IOC als Athletenvertreter noch der Volleyball-Olympiasieger Robert Ctvrtlik (bis 2008) und James Easton an, wobei letztere sogar als Vizepräsident agiert. Ctvrtlik macht seine Sache gut, doch seine Amtszeit ist begrenzt. Easton wiederum fiel in Singapur nur einmal auf, als er sich bei der Wahl der Olympiasportarten in einigen Fällen wegen eines möglichen Interessenkonflikts der Stimme enthielt. Denn seine Firmen produzieren Artikel für die Sportarten Bogenschießen, Softball, Baseball, Radsport und Taekwondo. James Easton hatte einst auch an den Bestechungsaffären in Salt Lake City mitgewirkt, wurde aber auf wundersame Weise von einer Strafe verschont.Anita DeFrantz hat sich in Singapur nach der olympischen Abwahl von Softball bei Rogge beschwert, dass damit zum ersten Mal in der Geschichte eine Frauensportart verschwunden sei. Rogge erklärte ihr daraufhin freundlich, das Exekutivkomitee werde nun dafür sorgen, dass in anderen Sportarten und Disziplinen mehr Frauen zugelassen werden. Ein anderes Beispiel verdeutlicht ebenfalls den rapide schwindenden Einfluss von DeFrantz: Sie durfte zwar im vergangenen Jahr in Marrakesch den Weltkongress "Frauen im Sport" ausrichten, doch den bisher wichtigsten Job, den eine Frau im IOC erfüllte, bekam die Kollegin Nawal El Moutawakel. Die marokkanische Olympiasiegerin leitete die IOC-Evaluierungskommission für die Sommerspiele 2012. Rogge setzt im Exekutivkomitee außerdem auf die schwedische Vizepräsidentin Gunilla Lindberg, die seit vielen Jahren als eine seiner Vertrauten gilt.Riesenland ohne KandidatenAnita DeFrantz ist das personifizierte Problem für den amerikanischen Olympiasport. Sie darf noch zwei Jahrzehnte IOC-Mitglied bleiben und blockiert damit einen Platz für kompetentere Funktionäre. Andererseits: Die Amerikaner haben momentan keinen versierten Bewerber zu bieten. Am ehesten noch Peter Ueberoth, der 1984 in Los Angeles zum ersten Mal Olympische Spiele mit Gewinn ausrichtete und vor einiger Zeit das krisengeschüttelte, von Korruptionsskandalen und zahlreichen Rücktritten paralysierte amerikanische Olympiakomitee USOC übernommen hat.DeFrantz machte in ihrer Verzweiflung auch den possierlichen Vorschlag, die Londoner Organisatoren könnten beim IOC beantragen, Softball nachträglich doch wieder ins Programm zu integrieren. Doch Rogge erklärte am Sonnabend energisch: "Dies ist keine realistische Option. Wir haben hier eine endgültige Entscheidung für 2012 getroffen. Das nächste Mal stimmen wir 2009 über Sportarten ab - und zwar für die Sommerspiele 2016." Diese Nachricht sollte nun selbst bei Frau DeFrantz angekommen sein.------------------------------Neue VizepräsidentenMitglieder: Dem IOC gehören derzeit 116 Personen an. Nach dem Ausschluss des Bulgaren Iwan Slawkow (wegen Korruption) wurde Neuseelands Segel-Olympiasiegerin Barbara Kendall als Athletenvertreterin für die zurückgetretene australische Schwimm-Olympiasiegerin Susie O'Neill aufgenommen. Zum 31. Dezember scheiden fünf Mitglieder altersbedingt aus: Nikos Filaretos (Griechenland), Fidel Mendoza (Kolumbien), Borislav Stankovic (Serbien und Montenegro), Tay Wilson (Neuseeland) und Francisco Elizalde (Philippinen).Wahlen: Ser Miang Ng aus Singapur wurde als neues Mitglied in die IOC-Führung aufgenommen. Nach dem Ausscheiden der Vizepräsidenten Witali Smirnow (Russland, turnusgemäß) und Kim Un Yong (Südkorea, Rücktritt nach Korruptionsurteil) wurden der Grieche Lambis Nikolaou und der Japaner Chiharu Igaya zu neuen Vizepräsidenten gewählt. Überraschend erlitt Kevin Gosper (Australien) eine herbe Niederlage. Ebenfalls chancenlos: Ching-Kuo Wu (Taiwan).Exekutivkomitee: Die IOC-Führung besteht derzeit aus Präsident Jacques Rogge (Belgien), den Vizepräsidenten Jim Easton (USA), Gunilla Lindberg (Schweden), Lambis Nikolaou, Chiharu Igaya sowie Toni Khoury (Libanon), Gerhard Heiberg (Norwegen), Alpha Ibrahim Diallo (Guinea), Denis Oswald (Schweiz, Sommersportverbände), Mario Vazquez Raña (Mexiko, NOK-Vertreter), Ottavio Cinquanta (Italien, Wintersportverbände), Sergei Bubka (Ukraine, Athletenvertreter), Yu Zaiging (China), Richard Carrion (Puerto Rico), Ser Miang Ng (Singapur).Sessionen: Die nächsten IOC-Sessionen finden im Februar 2006 in Turin und im Juli 2007 in Guatemala-Stadt statt. Für 2009 wurde ein Olympischer Kongress beschlossen, dessen Austragungsort noch zu bestimmen ist. Die letzten Kongresse gab es 1973 in Sofia, 1981 in Baden-Baden und 1994 in Paris.Rotation: Der Italiener Mario Pescante hat dem IOC ein Rotationsprinzip für die Austragung Olympischer Spiele vorgeschlagen. Ähnlich wie die Fifa mit ihren Fußball-Weltmeisterschaften sollte das IOC zwischen den Kontinenten wechseln, so Pescante, um endlich auch Afrika und Südamerika eine Chance zu geben. IOC-Präsident Rogge sprach sich gegen das Prinzip aus: Eine Fußball-WM und Olympische Spiele seien von ihren Anforderungen her nicht zu vergleichen.Programm: Nach der Reduzierung der Zahl der Sommersportarten von 28 auf 26 will der IOC-Präsident das Aufnahmeverfahren verbessern: Denn neue Sportarten brauchen eine Zweidrittelmehrheit, die abgewählten Sportarten Baseball und Softball könnten aber mit einfacher Mehrheit wieder ins Programm für 2016 gelangen.------------------------------Dass New York bei seiner Bewerbung um die Spiele 2012 chancenlos war, galt spätestens seit George Bushs Kriegszügen in Afghanistan und Irak als Gesetz.------------------------------Foto: Quotenfrau im Karrieretief: Die Amerikanerin Anita DeFrantz , IOC-Mitglied seit 1986, hatte im Olympischen Zirkel schon einmal mehr zu sagen.