Vor 100 Jahren, am 1. Mai 1910, wurde Josef Kaiser geboren. Ein Architekt, der für viele Widersprüchlichkeiten des 20. Jahrhunderts steht. Aufgewachsen ist er noch im Kaiserlich-Königlichen Österreich-Ungarn in Cilli, dem heutigen slowenischen Celje. 1929 studierte er dann im tschechoslowakischen Prag an der Deutschen Technischen Hochschule und ging nach dem Diplom 1935 nach Berlin. Warum er vom demokratischen Prag ins nationalsozialistische Deutschland wechselte, ist nicht bekannt. Sicher aber ist, dass es in Berlin wegen der schuldenfinanzierten Konjunkturpolitik Hitlers mehr Arbeit und Aufstiegschancen gab.Kaiser arbeitete erst in dem Weimarer Büro des erzkonservativen Otto Kohtz, kam 1936 ins Baubüro der Deutschen Arbeitsfront und wurde Mitarbeiter von Julius Schulte-Frohlinde - dessen umstandslose Rehabilitierung nach dem Zweiten Weltkrieg in Düsseldorf einen der ersten großen Architekturstreite der alten Bundesrepublik auslöste. Denn Schulte-Frohlinde focht als Anhänger der "Stuttgarter Schule" für einen germanisierenden Heimatstil mit Satteldach und Gärtchen. Wie so vieles aus Kaisers Leben ist auch hier nicht bekannt, was er tatsächlich über seine Chefs und deren Ideologien dachte. Jedenfalls machte er Karriere, galt als effizient, tüchtig, begabt. 1941 übernahm er die Leitung der Abteilung Grundrissplanung in der Deutschen Akademie für Wohnungswesen - ein Posten, der angesichts des Bombenkriegs so wichtig wurde, dass er nicht als Soldat eingezogen wurde.Nach dem Krieg machte er sich nicht, wie andere Architekten aus dem Umkreis von Albert Speer, in der alten Bundesrepublik selbstständig. Vielmehr begann Kaiser nach einer Erkrankung 1946 eine Ausbildung als Opernsänger und wurde im Westberliner Theater am Nollendorfplatz als Tenor engagiert.Erst 1951 kehrte er zurück zur Architektur - jedoch an der DDR- Bauakademie. 1952 war er bereits Chefarchitekt von Stalinstadt, plante den Kulturpalast des VEB Maxhütte in Unterwellenborn und 1954 das Prestigeprojekt Stalinallee in Berlin. Nun entstanden jene Bauten, die ihm einen Platz in der deutschen Nachkriegsarchitekturgeschichte sicherten.1960 begann die Planung des Kino Kosmos. 1961 die des Viertels um die Schillingstraße mit dem Kino International, dem Café Moskau und dem einstigen Hotel Berolina - ein Ensemble, das vom Versuch der DDR kündete, Anschluss an den westlichen International Style zu erhalten: Luftig in den Formen, mit intimen Innenhöfen, großzügigen Foyerräumen, üppigen Glasfronten, reichem Mosaikschmuck oder raffinierten Details wie dem Glimmervorhang des Kino International.Für die DDR waren Josef Kaisers Bauten eine Revolution, niemals war ihre Architektur wieder so heiter, gelöst, weltoffen. Sein 1967 geplantes Centrum-Warenhaus am Alexanderplatz war bei aller Eleganz der (indes leider zerstörten) Metallfassade eine Variation des westeuropäischen Kaufhausmodells, das Außenministerium am Marx-Engels-Platz (1968) war zwar viel zu groß, um eine dauerhafte Bereicherung der Stadt zu werden, doch konnte 1970 das Hotel am Alexanderplatz beanspruchen, mit dem Steglitzer Kreisel und dem Europacenter das bestproportionierte Hochhaus Berlins zu sein.1969 wurde Kaiser Professor für Entwurf in Weimar, 1973 berief man ihn noch zum persönlichen Berater des Chefarchitekten von Berlin. Tatsächlich aber zog er sich weitgehend aus dem aktiven Architekturgeschäft zurück. 1991 starb Kaiser in Altenberg, seine Bedeutung war nur noch Fachleuten bekannt.Warum klingt der Ruhm von Joseph Kaiser heute so leise, wo doch der seiner Zeitgenossen - etwa Hermann Henselmann, Richard Paulick, Ulrich Müther - als Teil einer angeblich spezifischen "Ostmoderne" gepriesen wird? Wohl deshalb, weil Kaiser etwas ernst nahm, was viele andere nur politisch gezwungener Maßen akzeptierten: Das Kollektiv. Er entzog sich systematisch mit der Benennung seines Büros als "Kollektiv J. Kaiser" jedem Geniekult, jeder Personalisierung. Durch jene Selbstanonymisierung wurde er jedoch uninteressant für eine auf die individuelle Leistung ausgerichtete Architekturgeschichtsschreibung. Zumal er auch nach dem Ende der DDR nicht, wie andere, das Urheberrecht für diesen und jenen Bau lautstark einforderte. Doch welche herausragende Qualität die Arbeit des Kollektivs J. Kaiser hatte, kann man an der Schillingstraße nun, nach den Restaurierungen, endlich wieder sehen.------------------------------Foto: Josef Kaiser prägte die Architektur der DDR mit der Stalinallee, dem Café Moskau und dem Kino International (Foto).Foto: Josef Kaiser